trend onlinezeitung 02/11, Übersetzung: FAU Dortmund, www.fau.org

Das Ende der neuen Pharaonen?

Von einem Dissidenten im nordafrikanischen Asyl mit Unterstützung des Crimeth Inc. Workers‘ Collective

Tunesien, dann Ägypten sind der Anfang einer Welle von ausgewachsenen Revolutionen, die unvermeidlich der globalen Finanzkrise von 2008 folgen werden. Diese Revolutionen finden im Nachlauf eines gescheiterten „Kriegs gegen den Terror“ statt, und sie verbinden die verborgenen Kräfte einer großen Zahl von arbeitslosen jungen Menschen mit der Dynamik moderner Kommunikationsnetzwerke. Sie signalisieren das Ende eines Jahrzehnts der Konterrevolution, die dem 11. September 2001 folgte. Sie setzen die Erkundung neuer Technologien und dezentraler Organisationsformen fort, die von der Anti-Globalisierungsbewegung begonnen wurde. Aber die Form und der Umfang dieser neuen Revolutionen ist beispiellos. Überwiegend anonyme Gruppen benutzen das allgegenwärtige World Wide Web um führerlose Rebellionen zu entfachen gegen die Pharaonen des globalen Imperiums des Kapitals.

Die selbsternannten Herrscher der Welt verstehen diese sozialen und technologischen Kräfte nicht. Dafür ist der alternde Diktator Mubarak ein perfektes Beispiel, aber er ist nicht der einzige seiner Art. Man kann die Angst fast riechen, die nicht nur die Despoten von China und Saudi-Arabien haben, sondern auch die vermeintlichen Führer repräsentativer Demokratien. Die Windungen der US-Regierung waren dabei die groteskesten von allen die ägyptische Bevölkerung hat nicht vergessen, dass die Kugeln auf ihre Leute aus den USA kommen. Ägypten erhält jährlich 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe von den USA. Die Unterdrückung von „Demokratie“ im Mittleren Osten war und ist die durchdachte politische Strategie der US-Regierung: sie wissen, dass das Empfinden der Bevölkerung die Agenda der USA nicht unterstützen würde, nämlich die militärische Durchsetzung des globalen Kapitalismus.

Die besten Versuche von Mubaraks sterbendem Regime seine Finger in die Ohren der Weltöffentlichkeit zu halten, haben die Menschen in den Straßen von Kairo nicht verstummen lassen. Sogar die Blockade der Mobiltelefone und das Abtrennen vom Internet haben nicht gefruchtet. Seit Generationen sind Araber und Afrikaner von Kolonialregierungen zum Schweigen verurteilt worden, und in den USA und Europa als „primitiv“ und „terroristisch“ hingestellt worden. Jetzt sprechen die Menschen in Ägypten in donnerndem Einklang für Freiheit und nicht für den politischen Islam, wie Demagogen von Iran bis Israel die Welt glauben machen wollen. Damit realisieren sie [die ÄgypterInnen] die Ideale, denen die US Regierung nur durch scheinheilige Lippenbekenntnisse dient.

Heute ist der allgemeine Zustand von Ägypten bis Tunesien charakterisiert durch das Annähern an eine universelle Arbeitslosigkeit besonders bei den jüngeren Generationen, die den Großteil der Bevölkerung darstellen. Dies ist zunehmend auch in den USA und Europa der Fall. Arbeitslosigkeit ist kein Zufall, sondern das unvermeidliche Ergebnis der letzten 30 Jahre des Kapitalismus. Der Kapitalismus hat seine inneren Schranken Ende der 1970er erreicht; und nun produzieren die Fabriken aller Industrien immer mehr Waren, während die zunehmende Automatisierung immer weniger Arbeitskräfte erforderlich macht. Der einzige Weg, um aus den Waren noch Profite zu schlagen, besteht darin, auf Arbeitskräfte zu verzichten oder ihnen fast nichts mehr zu bezahlen. Um die in den Himmel schießende arbeitslose Bevölkerung zu disziplinieren und Revolten zu verhindern, führt die Polizei einen endlosen Krieg gegen die Bevölkerung. Wir leben in einer Welt, die überflutet wird mit billigem Scheiß, in der menschliches Leben am allerbilligsten ist.

Unter diesen Bedingungen haben die Leute nichts mehr zu verlieren. Genauer gesagt: nichts als ihre Würde und es stellt sich heraus, dass sie auf diese nicht zu verzichten bereit sind. Es war genau dieser innere Kern von Würde, der Mohammed Bouazizi dahin gebracht hat, sich anzuzünden anstatt die Erniedrigung durch die Polizei hinzunehmen, die ihm durch die Beschlagnahme seines Obststandes die einzige Möglichkeit nahmen, seine Familie zu ernähren. Die von Mohammed Bouazizi entfachte Flamme hat sich ausgebreitet, getragen von anderen Arbeitslosen, die dadurch von elenden AlmosenempfängerInnen zu HeldInnen der Weltgeschichte wurden. Die Menschen in Ägypten haben nicht nur Polizeiwagen abgefackelt, sie haben Volkskomitees gebildet, um die Polizei und anderen Müll von den Straßen zu räumen und die Straßen von Kairo haben sich noch nie sicherer angefühlt.

Es ist nicht verblüffend, dass ausgerechnet jetzt eine Welle von Revolutionen beginnen sollte. Seit den Tagen der Pharaonen und Monarchen ist die Welt von keiner so sinnlosen Kraft kontrolliert worden wie dem globalen Finanzmarkt. Da die Kapitalisten über die letzten Jahrzehnte immer weniger in der Lage waren, Profit durch industrielle Produktion zu erzeugen, mussten sie Profitmöglichkeiten erfinden, die auf zukünftigen Gewinnen beruhen. Aber wie können die Kapitalisten in einer Welt immer billigerer Produkte und immer ärmerer Konsumenten die Leute am Kaufen halten und immer noch Profite machen? Sie mussten einen Weg für die Konsumenten finden, kaufen zu können obwohl ihr Lohn nicht zum Leben reicht: daher die Erfindung der Massenverschuldung. Wenn der Verkauf der realen Güter nicht länger Profit bringt, muss der Profit mit zunehmend fantastischen zukünftigen Gewinnen gemacht werden d.h. mit Finanzwirtschaft.

Wie jedes andere Kartenhaus können auch Schulden nicht ewig wachsen. Schließlich will jemand auch mal eine Rückzahlung vom Schuldner bekommen und so ist das ganze Kartenhaus 2008 unter seinem eigenen Gewicht zusammengebrochen. Die Finanzkrise signalisiert eine tiefere metaphysische Krise unserer gegenwärtigen Ordnung: der Kapitalismus ist unfähig, die realen materiellen Bedürfnisse der Weltbevölkerung zu befriedigen. Die hohe Armutsquote in Ägypten ist nicht einfach das Ergebnis von Mubaraks Misswirtschaft, sondern die unvermeidliche Konsequenz der Widersprüche unseres Zeitalters.

Ihre Augen sind von ihrer eigenen Ideologie hoffnungslos getrübt und ohne jede Vision so stehen die Staatschefs dumm und verblüfft da, während die Krise weiter und weiter geht. Ihre lahme Hoffnung besteht darin, die Finanzmärkte durch Sparkurs oder „grünen“ Kapitalismus wiederzubeleben. Und sie weigern sich, über einen Systemwandel nachzudenken, obwohl das jetzige System faktisch noch nicht einmal Jobs und erschwingliche Waren für die Menschen zu bieten hat ganz zu schweigen von einem guten Leben. So wie es eine Ära der Revolutionen gebraucht hat, um das göttliche Recht der Könige zu stürzen, so wird es neue Revolutionen brauchen, um das göttliche Recht der Dinge zu stürzen: die Macht des Finanzkapitals und seiner Marionettendiktatoren.

Revolutionen werden nie von Technologie zustande gebracht, sondern durch das kollektive Handeln von Menschen, die ihre Beziehungen untereinander und zu ihrer Welt, die sie teilen, radikal verändern. Dennoch kann man nicht bestreiten, welch wichtige Rolle das World Wide Web in Ägypten und Tunesien gespielt hat. Besonders unter der kommunikationstechnisch geschickten und überwiegend arbeitslosen Jugend hat es den Leuten ermöglicht, zu Massenmobilisierungen aufzurufen und daran teilzunehmen, ohne dass sie dazu Führer gebraucht hätten. Zu den Demonstrationen am 25. Januar 2011 in Ägypten wurde von einer Facebookseite aufgerufen, die den Titel hatte „Wir sind alle Khaled Said“ . Benannt nach einem Opfer ägyptischer Polizeibrutalität, sehr ähnlich zu Alexis Grigoropoulos in Griechenland. Die Seite selbst wurde von einem anonymen „El-Shaheed“ eingerichtet auf Arabisch „Märtyrer“. Mittlerweile mobilisiert die Jugend auf der ganzen Welt als Anonymous . In der Schlacht um Wikileaks und danach in den Aktionen gegen die tunesische Regierung hat sich Anonymous als mächtige neue Internationale erwiesen, mit erwachender politischer Reife jenseits der Foren von 4chan . Die Fähigkeit der DemonstrantInnen mit einer großen Zahl von Leuten zu kommunizieren und unmittelbar auf Ereignisse zu reagieren, durch Mobiltelefone, Twitter und Facebook, macht frühere Formen linker und fabrikbasierter politischer Organisierung veraltet, ebenso wie andere hierarchische Formationen, z.B. den politischen Islam.

Dieser revolutionäre Gebrauch sozialer Medien sollte keine Überraschung darstellen. In den Händen einer kleinen Elite wird teure Kommunikationstechnologie natürlich zur Erhöhung [der Elite] und den Konsumismus verwendet. Aber in den Händen der arbeitslosen Jugend und anderer ausgeschlossener Klassen kann diese Technologie umgenutzt werden, um eine Revolution zu organisieren. Das Internet ist die neue, globale Fabrikhalle, und wir sehen, wie sich die ersten Arbeiterräte bilden eine neue Art von kollektiver Intelligenz, die es den Menschen ermöglicht, sich selbst direkt zu organisieren, ohne Repräsentanten.

Die schiere Konfusion der globalen Kapitalisten in der Frage, wer denn „wirklich hinter“ dem mysteriösen Widerstand in Ägypten und Tunesien steckt, ist enthüllend. Es ist offensichtlich, wie verzweifelt US-Politiker wünschen, dass sie jemanden wie z.B. Mohamad ElBaradei hätten, mit dem sie verhandeln könnten. Aber diese Revolten sind ihrer Form nach anarchistisch und sogar ihr Inhalt radikalisiert sich zunehmend. Die Abwesenheit einer organisierten Gruppe oder eines Führers in den frühen Tagen des Protestes spricht Bände: zunehmende Informationstechnologie hat nicht nur die alten linken Formen des Organisierens destabilisiert, sondern vor allem auch die Rechfertigung hierarchischer Regierungen. Wenn Menschen kommunizieren können, können sie ihr eigenes Leben organisieren. Die Ausweitung solcher horizontaler Sozial-Strukturen auf den globalen Maßstab scheint nicht mehr unmöglich, auch wenn sie bisher noch nicht zu Ende gedacht ist.

Um die Sache der Kapitalisten und Nationalstaaten sogar noch schlechter zu machen, wurde die gesamte Inkompetenz des massiven staatlichen Sicherheitsapparats durch Websites wie Wikileaks enthüllt. Zwar hatte Wikileaks nichts mit der ägyptischen Revolution zu tun, aber die Depeschen, die die luxuriöse Ernährung von Ben Alis Haustiger beschrieben während TunesierInnen verhungerten, haben die Flammen im Land weiter geschürt. Wikileaks hat Paranoia im globalen Staatsapparat selbst produziert, denn der Staat kann nicht funktionieren, ohne dass die unterjochte Bevölkerung glaubt, dass er notwendig sei und ihm das Recht zuerkennt, Gewalt auszuüben. Jetzt trägt der Kaiser [i.O.: empire] keine Kleider mehr seine nackte korrupte Macht ist widerlich anzuschauen. Es gibt einen wachsenden Konsens darüber, dass der Staatsapparat ein archaisches Überbleibsel ist, das keinen Respekt mehr verdient.

Das Mubarak-Regime hat den klassischen Fehler gemacht, technologische Struktur mit den sie benutzenden Menschen zu verschmelzen ein Fehler, der sowohl für das Silicon Valley wie auch für gewisse Theoretiker charakteristisch ist. In einem unüberlegten Zug hat das Regime alle vier Internetprovider des Landes heruntergefahren und damit effektiv das Internet abgeschaltet. Außerdem wurden Mobiltelefone zeitweise vor großen Demonstrationen blockiert. Dies hat vor allem eins erreicht, nämlich die ägyptische Bevölkerung noch wütender gemacht. Es mag sogar ihr Zuschauerdasein unterbrochen haben es ist einfacher, eine Demonstration über das Netz zu verfolgen, als teilzunehmen und so mehr und mehr Leute auf die Straße getrieben haben.

Die daraus zu lernende Lektion ist klar: das angeblich dezentrale Internet ist ziemlich zentralisiert, und während es nützlich sein mag, ist es ein Fehler, darauf angewiesen zu sein, solange es in kapitalistischen Händen ist. Dennoch haben Herrscher wie Mubarak hierbei keine Gewinnoption: wenn sie die Kommunikationstechnik laufen lassen, wird sie zur Organisierung gegen die Herrscher verwendet, wenn sie die Technik abschalten, provozieren sie weltweite Empörung.

Wie organisierst Du Dich ohne das Netz? Du könntest bei den bestehenden sozialen Institutionen anfangen; in Ägypten bedeutete das: die Moscheen. Die „Tage des Zorns“, die sich auszeichneten durch Straßenkämpfe mit der Polizei, die weit intensiver waren als beim griechischen Aufstand 2008, gipfelten im Abfackeln des Hauptquartiers von Mubaraks Partei. Danach haben die Protestierenden einen brillanten Zug gemacht, indem sie die Leute dazu aufriefen, sich nach den Gebeten an den Moscheen zu versammeln wo sich sowieso die meisten ÄgypterInnen versammeln. Insofern dienten die Moscheen dem gleichen Zweck wie soziale Zentren und besetzte Häuser während des griechischen Aufstands, allerdings für einen viel größeren Teil der Bevölkerung.

Während Kommunikationstechnologie also in den frühen Phasen der Organisierung vorteilhaft sein mag, muss eine Bewegung stark genug werden, das Internet nicht mehr zu benötigen, sobald sie auf den Straßen angekommen ist. In Ägypten wurde die Revolte tatsächlich intensiver, nachdem das Internet abgeschaltet wurde.

Wenn es einen Aspekt gibt, in dem das Internet unverzichtbar ist, dann ist es die Verbreitung von Nachrichten der Ordnungsstörungen nach woanders. So wie sich die Macht des Imperiums zunehmend als ein Spektakel darstellt, so wird es verwundbarer auf dem Gebiet des Spektakulären. Obamas erste Antwort auf die Erhebung war der Ruf nach dem Verzicht auf „Gewalt“ und das, obwohl seine Regierung routinemäßig Gewalt in Pakistan und Afghanistan anwendet und den Bürgern der USA das größte Gefängnissystem der Welt auferlegt. Er und Mubarak sind nicht gegen Gewalt, aber sie scheinen Angst vor Bildern der Gewalt zu haben. Wenn diese Bilder durchkommen, unterminieren sie die staatliche Titelstory von der Aufrechterhaltung der Ordnung.

Gleichzeitig ist der Staat dringend darauf angewiesen, dass die Menschen sich misstrauen und einander fürchten. Das erklärt, warum Mubarak verdeckte Polizei in Zivilkleidung in der Rolle von Plünderern losließ, um seine Razzia zu rechtfertigen. Als dies scheiterte, schaltete er das Internet ab und verweigerte Medienzugang um die Bedingungen für die Art von Massaker vorzubereiten, derer es bedurft hätte, seine Kontrolle wiederherzustellen. Aber zur Zeit ist zweifelhaft, dass die Armee bereit ist, ein solches Massaker durchzuführen.

Der Aufstand, der mit dem Niederbrennen von Polizeiwachen begann und dann zu massiven friedlichen Demonstrationen überging, hatte die Absicht über die Armee zu siegen. Zirkulierende Flugblätter deuten an, dass die ägyptischen OrganisatorInnen von Anfang an planten, die Armee gegen die Polizei auszuspielen. Aufständische in Europa und den USA sollten sich diesen schlauen strategischen Zug merken. Nachdem die Frontlinie der Partei der Ordnung effektiv niedergeschlagen war, haben die ÄgypterInnen klar verstanden, dass die einzige Kraft, die sie stoppen könnte, die Armee war. Anstatt diese direkt anzugreifen, was zweifellos zu einem Massaker geführt hätte, unternahmen sie es, Herz und Verstand der Soldaten zu gewinnen. Bisher waren sie dabei erfolgreich, indem sie zeigten, dass sie sich selbst organisieren können und eine führerlose und dennoch disziplinierte Rebellion aufrechterhalten, die die Straßen von Kairo zum ersten Mal seit Jahren wieder sicher und sauber macht.

Dadurch verliert die Armee den Grund für ihre Existenz, ganz zu schweigen von einem Vorwand für ein Massaker. Sobald ein Aufstand eine bestimmte Phase erreicht hat, so sagte einmal ein Freund, werden Waffen unnötig. Damit eine Revolution erfolgreich den Staat stürzt, muss die Armee sich weigern, auf die eigene Bevölkerung zu schießen, und sich statt dessen mit ihr in der Revolte zu vereinen. In Ägypten ist die Armee zumindest gelähmt genug, um nicht damit anzufangen, auf die Leute zu schießen; sie könnte sich noch mit der Bevölkerung vereinen, oder wahrscheinlicher versuchen, einen Übergang zu repräsentativer Demokratie zu vermitteln.

All das zeigt, dass eine Milliarden Dollar schwere Militärausrüstung eine Revolution nicht aufhalten kann. Sobald ein bestimmter Punkt erreicht wird, ist militärische Stärke nicht mehr der bestimmende Faktor. Wenn die ägyptische Bevölkerung ihre Revolte durchhält, kann das Militär kaum die eigenen Städte bombardieren.

Selbst wenn eine militärische Zerschlagung vermieden wird, so ist es wahrscheinlicher, dass der aufständische Prozess, der mit den „Tagen des Zorns“ begann, auf das Nebengleis der repräsentativen Demokratie geschoben wird, als bei einer echten Kommunisierung der Gesellschaft anzukommen, d.h. beim unmittelbaren Teilen aller Produktion für das Überleben der Bevölkerung. Das ist nicht pessimistisch gemeint schon jetzt ähneln die Nachbarschaftsversammlungen und Verteidigungskomitees am meisten der Pariser Kommune. Aber Mubarak ist ein Diktator und die Jugend Ägyptens hat noch nicht von den bitteren Früchten der repräsentativen Demokratie gekostet. Vielleicht müssen sie diese erst auf die harte Tour kennenlernen. Selbst wenn eine repräsentative Demokratie eingerichtet wird, wird das nicht das Ende dieser Geschichte sein siehe die fortdauernden Proteste in Tunesien. Es würde unausweichlich ein weiterer Aufstand kommen, früher oder später, auch wenn es Jahre oder Jahrzehnte dauern könnte.

In diesem Zusammenhang ist es vielversprechend, dass viele junge ÄgypterInnen sich dessen bewusst sind, dass eine repräsentative Demokratie nur eine Beschränkung für ihre Bewegung darstellt und in eine andere Form der Versklavung umlenkt. Dies ist auf viele Arten sichtbar, z.B. in der Nachricht an selbsternannte Führer wie ElBaradei: „Sollen wir Dich auf dem Handy anrufen, wenn wir die Revolution für Dich zum Ende gebracht haben?“ Der Aufstand hat auch unvergleichliche Aktionen und Energie der ägyptischen Frauen gezeigt, die nach den Erhebungen nicht dazu zurückkehren werden, der Muslimbruderschaft unterwürfig zu sein.

Die Besetzung des Tahrir-Platzes durch die Bevölkerung kann allerdings nicht ewig dauern; es kommt der Zeitpunkt, an dem Nahrung produziert, Zuglinien reaktiviert und das Internet wieder eingeschaltet werden müssen. Dies sind die wahren Schlüssel zum Erfolg des Aufstands und um die Rückkehr zum Kapitalismus zu verhindern, sogar unter dem Mäntelchen der repräsentativen Demokratie. Es scheint, dass die Schritte in diese Richtung noch nicht begonnen haben.

Nehmen wir nun etwas Abstand und stellen wir größere Fragen. Wenn Ägypten nicht fundamental anders ist als Europa und die USA, warum ist es dort noch nicht zu solchen Aufständen gekommen? Zunächst wollen wir aber noch nicht zu hastig vorgehen die Dominosteine fallen bereits: massive Proteste in den Straßen von Jordanien, Algerien, Jemen und Mauretanien. Ein Grund für die Popularität und Energie des Aufstandes in Ägypten wie in vielen Arabisch sprechenden Ländern besteht darin, dass die ägyptische Art zu leben noch nicht vollständig dem Kapitalismus untergeordnet ist. Z.B. bezahlt man in vielen Fällen für Güter so viel, wie man „fühlt“, dass man bezahlen sollte. Feilschen ist weniger eine Art der Maximierung von Mikroprofiten als das Sichern eines erschwinglichen und ethischen Preises für einen Tausch. Der Austausch der Ware selbst ist oft weniger wichtig als die soziale Beziehung, die die Ware symbolisiert. Die kollektive Verantwortung und Macht der Familie verbindet die Leute über Generationen, im Unterschied zu den entfremdeten Individuen der USA und des größten Teils von Europa. Das vibrierende öffentliche Leben auf den Straßen des mittleren Ostens ist ein Nährboden des Aufstands.

Aber gibt es keine dunklen Kräfte, die an den Rändern warten? Das erscheint unwahrscheinlich, da die Proteste sich klar auf „Freiheit“ konzentrieren statt auf den Islam, wobei diejenigen, die religiöse Gesänge anführen wollen, bei Gelegenheit niedergeschrieen werden. Das heißt nicht, dass ÄgypterInnen nicht islamisch seien, denn das sind sie in der Tat, aber es gibt feine Unterschiede. Der politische Islam ist sowas wie die Tea Party von Ägypten, eine hierarchische religiöse Bewegung, überwiegend der älteren und konservativen Generation. Aber der Islam existiert in anderen Varianten, soziale Beziehungen knüpfend und eine kollektive Ethik propagierend. Man kann sogar das Geben von Almosen im Islam als ein Ritual verstehen, durch das die exzessive Zentralisierung von Reichtum vermieden wird. „Allah“ ist nicht notwendig eine befehlende Gottheit; der Begriff kann auch auf das Unaussprechliche verweisen, den unsichtbaren Überschuss des Lebens, der sich der Reduktion verweigert und der katastrophalen Zäumung aller unter die Imperative des Profits.

Strömungen älter als der Islam haben in Ägypten natürlich auch noch Einfluss. Anders als Vielen in Europa und Amerika, ist vielen Ägyptern ihre Geschichte seit der Vorzeit sehr bewusst, und sie sind tief beschämt über ihren jetzigen Zustand der Verelendung. Die Würde und der Respekt , den sie sich gegenseitig zeigen, in den Straßen inmitten eines Aufstands, bescheinigt dieser Revolution, dass sie nicht abstrakt ist, sondern im Alltag verwurzelt ist; es ist die tiefe Metaphysik dieser Lebensformen, die für die subjektiven Bedingungen der Transformation sorgt.

Kommunismus ist älter als Marx, genau wie Anarchie älter ist als Proudhon. Das Zeitalter der Revolutionen begann nicht mit der Kommune von Paris, noch endete es mit dem Fall der Berliner Mauer. Da der Kapitalismus nun die Erde umspannt, wäre die eine Sache, die die Welt vereinen könnte, die gemeinsame Ablehnung des Kapitalismus und der Polizei, die ihn verteidigt. Der Kommunismus von Marx war gefangen in einer abstrakten Metaphysik der Ökonomie und vergiftet mit einem Fehlverständnis der Gefahren durch den Staat. Dies hat die Revolutionen des frühen 20. Jahrhunderts sabotiert und die Katastrophe des Staatskapitalismus der Sowjet-Ära herbeigeführt.

Aber das Zeitalter der Revolutionen ist noch nicht vorbei, im Gegenteil. In einem Lied der Tuareg „Die Wüste ist unsere Mutter, und wir werden sie nicht verkaufen“ können wir eine Form des Kommunismus erkennen, die dem Kapital weit mehr fremd und feindlich gegenübersteht, als alles, was Lenin sich vorstellte. Viele der Rufe nach „Freiheit“ in Ägypten haben wenig mit der Freiheit zu tun, einen Präsidenten zu wählen oder sich zwischen Waren auf dem Markt zu entscheiden, sondern mit einem gemeinsamen Wunsch, mit erhobenem Kopf zu leben und nicht eingeschüchtert von irgendeinem Herrscher. Dafür sind sie bereit zu sterben, sei es durch Selbstverbrennung oder gemeinsam in den Straßen.

Doch man spürt in dieser Zeit eine tiefe Notwendigkeit für ein gemeinsames internationales revolutionäres Ziel, das außerhalb des Nahen Ostens seinen Nachhall findet, für etwas wirklich universelles, um die Leere zu füllen, die der Kapitalismus zurück lässt. Die nationalistischen Fahnen der Demonstranten waren taktisch effektiv um die Armee zu verwirren, aber sie spiegeln auch einen Mangel an Kritik am Apparat der Konzepte von Kapital und Staat. Während die Bedingungen für die Revolution stimmen, ist es Revolutionären während der letzten 30 Jahre größtenteils nicht gelungen Organisationen und Analysen hervor zu bringen und zu verbreiten, die notwendig sind, damit Aufstände echte antikapitalistische Revolutionen werden. Was ist nötig, damit die Menschen begreifen, dass das wahre Potenzial ihrer nachbarschaftlichen Verteidigungsausschüsse nicht darin liegt, ein Hilfsmittel zu sein um die Polizei temporär zu ersetzen, sondern Vorläufer der Abschaffung aller Polizei, in jedem Land?

Kein Ereignis passiert in einem Vakuum; Ereignisse entstehen in konkreten Bedingungen, und damit neigen sie dazu in Wellen zu kommen. Die Ereignisse in Ägypten zeigen, dass das Zentrum des revolutionären Vorwärtsdrängens nicht mehr „der Westen“ ist; dieses neue Zeitalter der Revolution wird zuerst in Bereichen gipfeln, in denen die Lebensbedingungen unerträglich werden und die Lebensweisen noch nicht vollständig durch das Kapital kolonialisiert wurden. Es wäre jedoch ein Fehler, dies lediglich als den Abschluss eines unvollendeten antikolonialen Aufstands zu sehen. Es ist etwas viel Größeres und Tieferes. Die Finanzkrise ist ein Zeichen, dass der Kapitalismus auf einem absteigenden Ast ist. Die Bedingungen, die die Ereignisse in Ägypten herbeiführten, werden schnell auf der ganzen Welt allgemeingültig, sie buchstabieren einen weiteren Zyklus von Revolution und möglicherweise Krieg. Schließlich werden dieselben Kräfte Saudi-Arabien, Europa, China und schließlich sogar die Vereinigten Staaten mit der Stärke einer Springflut treffen.

Machen wir uns nichts vor, wir treten ein in eine Ära der Revolte. Diese Revolten werden in ihrer konkreten Praxis den Kapitalismus ablehnen und angreifen, auch wenn die systematische Zerstörung der früheren revolutionären Strömungen ein Vakuum hinterlassen hat. Hoffentlich werden die Teilnehmer erkennen, dass Freiheit ohne die Zerstörung des Kapitalismus und des Staates unmöglich ist, und eine neue Generation des revolutionären Denkens das Konzept der Revolution für die anbrechende Ära aktualisieren wird. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem allen klar werden sollte, dass wir unser eigenes Leben selber bestimmen können dass der Staat ein historisches Fossil ist, das uns zurück hält. Wie wir in Ägypten sehen, muss der Würgegriff des Staates und des Kapitalismus in den Straßen gebrochen werden; in den kommenden Jahrzehnten werden die Ergebnisse dieses äußersten [i.O. ultimate] Kampfs voraussichtlich über das Schicksal der Menschheit an sich entscheiden.

Alle Macht der Bevölkerung!

Der Artikel erschien zuerst auf der Website der FAU (www.fau.org). Vielen Dank an GenossInnen der FAU Dortmund für die Übersetzung des Textes und die Aufbereitung des Materials. Ergänzungen und Anmerkungen der ÜbersetzerInnen stehen in eckigen Klammern.

Das empfiehlt die FAU: Occupied Cairo ist ein hervorragendes englischsprachiges Blog das von GenossInnen vor Ort betrieben wird. Fotos zur Revolte in Ägypten findet ihr hier oder hier. Eine Anzahl von englischsprachigen Texten zur Situation in Ägypten findet sich auch auf der Website libcom.org.