http://www.abahlali.org/node/9032, 17.8.2012

Krieg gegen die Armen

Abahlali baseMjondolo ist völlig schockiert über die mörderische Härte der südafrikanischen Polizei bei der Marikana Platinum-Mine im Nordwesten, und über diejenigen, die der Polizei ihre Befehle erteilt haben. Die Tötung von mehr als 40 Minenarbeitern gestern durch die südafrikanische Polizei ist gesinnungslos und bringt große Schande über unser Land. Es gab andere Wege, und viel bessere Wege, mit der Situation umzugehen. Der gestrige Tag wird für immer als ein schwarzer Tag in der langen Geschichte der Unterdrückung in Südafrika eingehen.

Wir möchten allen Familien der Arbeiter, die getötet und verwundet worden sind, unsere Solidarität bekunden. Wir teilen eure Sorgen. Ihr seid nicht allein. Wir tragen gemeinsam unser Leid. Eure Kinder werden, während sie aufwachsen, ihre Väter nicht mehr kennenlernen können, aber sie werden nicht alleine aufwachsen. Wir müssen füreinander Sorge tragen und zusammenhalten, während wir für eine Welt kämpfen, in der als erstes die Menschen zählen, und in der alle Menschen gleich behandelt werden. Wir möchten gegenüber allen kämpfenden ArbeiterInnen unsere Solidarität ausdrücken. Wir stehen vor dem selben System, das einige reich macht, und andere arm. Wir stehen der selben Regierung gegenüber, die sich weigert, uns als Menschen anzuerkennen, die versucht, uns an den Rand der Gesellschaft zu drängen, und die uns unterdrückt, wenn wir Widerstand leisten.

Der ANC hat keine Achtung für die Menschen in diesem Land gezeigt. Sie versuchen, uns in Transitlager zu sperren, und sie versuchen, uns in Bantustans zu halten. Sie überlassen uns jeden Winter den Bränden in unseren Baracken. Auf den Polizeistationen schlagen sie uns. Auf den Straßen schießen sie auf uns. Millionen von uns finden keine Arbeit. Eine Regierung, die ihre BürgerInnen ermordet, hat jedes moralische Recht zu regieren verloren. Was gestern geschehen ist, unterscheidet sich in nichts von der Apartheid-Regierung. Da gibt es keinerlei Unterschied zum Sharpville-Massaker 1960, das 69 Leben gefordert hat. Es gibt keinen Unterschied zum Boipotong-Massaker 1992, das 45 Leben gekostet hat.

Millionen Menschen leiden jedes Jahr in ihren Baracken und Millionen leiden jedes Jahr mit oder ohne Arbeit. Einige BarackenbewohnerInnen sind ebenso ArbeiterInnen, und manchmal sind BarackenbewohnerInnen zu arm, um ArbeiterInnen sein zu können. Aber wir alle haben bereits zu sehr unter den Händen der Polizei gelitten, unter den Händen der PolitikerInnen und unter den Händen der Reichen. Wir haben immer gesagt, dass echte Freiheit und Demokratie für die Armen und für die ArbeiterInnenklasse immer noch ein Traum sind. Alles, was wir sehen, ist, dass PolitikerInnen sich selbst bereichern, indem sie öffentliche Gelder stehlen, die dafür bestimmt waren, das Leben der Menschen zu verbessern. Alles, was wir sehen, ist, dass die neue Regierung die schlechteste Politik der alten Regierung fortführt. Alles, was wir sehen, ist, dass unsere Kämpfe kriminalisiert und unterdrückt werden. Die fortschrittliche Mittelschicht kämpft um die Verteidigung von Freiheit und Demokratie, die sie selbst 1994 erhalten hat. Wir kämpfen immer noch darum, überhaupt erst Freiheit und Demokratie zu erhalten.

Mehr als 25 Menschen sind seit 2000 bei Protesten von der Polizei ermordet worden. Tebogo Mkhonza in Harrismith, Monica Ngcobo in Umlazi und Andries Tatane in Ficksburg sind nur drei dieser Menschen, die in den Straßen von der Polizei umgebracht worden sind. AktivistInnen wurden gefoltert und heimtückisch umgebracht. Unsere Bewegung wurde, ebenso wie die Bewegung der Landlosen und die Bewegung der Arbeitslosen, in der Nacht von bewaffneten Männern überfallen, die die herrschende Partei repräsentieren. Noch Monate nachdem unsere Bewegung 2009 in der Siedlung Kennedy Road in Durban angegriffen worden war, wurden die Häuser unserer führenden Mitglieder ganz offen zerstört, jedes Wochenende, während sich die Polizei weigerte, etwas dagegen zu unternehmen. Letztes Jahr sagte Nigel Gumede, der Vorsitzende der Wohnungskommission in eThekwini, öffentlich, dass sich der ANC im Krieg mit unserer Bewegung befindet, und drohte, S‘bu Zikode zu ermorden. Leute in den Führungskreisen des ANC haben einen klaren Ton vorgegeben, dem der Rest zu folgen hat. Arme Menschen wurden dazu ermuntert, sich gegenseitig anzugreifen und umzubringen, im Namen von Ethnizität und Nationalität. Es ist an der Zeit zu sagen, dass es reicht. Es ist an der Zeit zu sagen, nie wieder. Es ist höchst an der Zeit, dass alle fortschrittlichen Kräfte sich zusammentun, um diesem Blutbad Einhalt zu gebieten. Es ist höchst an der Zeit, dass alle fortschrittlichen Kräfte sich zusammentun in einem Kampf um echte Gerechtigkeit und echte Demokratie.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es in diesem Land einen Krieg gegen die Armen gibt. Wir haben diesen Krieg nicht gewollt, aber er ist über uns gekommen. Heute kann niemand mehr bestreiten, dass gegen die Armen ein Krieg geführt wird. Die Roten Ameisen 1 und die Polizei sind nicht dazu da, den Menschen zu dienen. Sie sind dazu da, die Armen aus den Städten zu vertreiben, uns auf den menschlichen Müllhalden zu konzentrieren, und unsere Kämpfe zu unterdrücken. Wir müssen damit aufhören, so zu tun, als wären die PolitikerInnen unsere GenossInnen, wenn sie doch beschlossen haben, sich selbst zu unseren Feinden zu machen. Wir müssen den Krieg, der über uns gekommen ist, aufnehmen und kämpfen. Und wir müssen auf eine Weise kämpfen, die die menschliche Würde und die Gleichheit aller Menschen an den Beginn unseres Kampfes und in die Mitte unseres Kampfes stellt.

Wir sind uns der Gefahr der südafrikanischen Politik bewusst, wenn kämpfende BürgerInnen echte Freiheit und Demokratie fordern. Im ganzen Land leben AktivistInnen unter ernstzunehmenden Drohungen. Wir sind uns der Zeitbombe bewusst, auf der die BarackenbewohnerInnen in diesem Land sitzen. Wir haben immer gewarnt, seit wir damit begonnen haben, uns zu organisieren, dass der Zorn der Armen sich in viele Richtungen entladen kann. Die Gefahr, vor der wir stehen, kann daraus entstehen, wie Menschen auf Unterdrückung antworten, und ebenso aus der Unterdrückung selbst.

In Südafrika gibt es mehr Proteste als irgendwo sonst in der Welt. Aber die Regierung nimmt die Menschen nicht zur Kenntnis. Sie antwortet, indem sie die Polizei militarisiert. Sie antwortet, indem sie von der Dritten Kraft 2 spricht. Die lokalen Parteistrukturen schicken nächtens bewaffnete Männer aus. Die Regierung stempelt den Zorn der Menschen als kriminell und als verräterische Handlung ab. Sie arbeitet hinter den Kulissen, indem sie diese bewaffneten Männer unterstützt, die in unsere Häuser eindringen und uns und unsere Familien bedrohen. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass diese Regierung sich nicht um uns schert. Wir zählen für sie nicht. Wenn wir darum ersuchen, angehört zu werden, werden wir als Kriminelle und Verräter behandelt.

Abahlali baseMjondolo in West-Kap wird heute nachmittags um 15 Uhr zum nationalen Parlament in Kapstadt marschieren, gemeinsam mit den GenossInnen anderer Organisationen. In Durban werden wir mit verschiedenen Strukturen unserer Bewegung konferieren, und mit unseren GenossInnen in anderen Organisationen, sowie mit den Kirchen, um einen Weg nach vorne zu planen. Global Peace and Justice Auckland in Neuseeland werden um 14 Uhr zur südafrikanischen Botschaft in Auckland, Kimberly Road 1, marschieren. Unsere GenossInnen in Kapstadt und Neuseeland marschieren in Solidarität mit uns.

Wir müssen alle zusammenhalten. Über uns bricht ein Krieg herein und wir müssen so kämpfen, dass wir sicherstellen, uns niemals in unsere Feinde zu verwandeln. Wir müssen diesen Krieg in einer Weise führen, die Menschlichkeit gegen Brutalität stellt, und niemals so, dass die eine Brutalität gegen die andere steht. Wenn unser Kampf uns zu so etwas wie unseren Feinden macht, ist alles verloren. Eine Politik des Kriegs ist über uns gekommen. Wir haben keine andere Wahl als Widerstand zu leisten. Aber wir müssen mit unserer eigenen Politik Widerstand leisten, die eine militante Politik des Volkes ist, die damit beginnt und endet, dass wir die Würde aller Menschen ehren.

Anmerkungen