Infos von GenossInnen aus Argentinien

Mafissa eine Fabrik wird besetzt

„Als der Konflikt ausbrach, haben wir begonnen uns selbst zu organisieren, außerhalb der Gewerkschaft. Alles, was hier bei Mafissa passiert ist, haben die Bürokratie und Curi (Name des Fabriksbesitzers, Anm. d. Verf.) selbst verschuldet.

Das Unternehmen hat den Konflikt durch die Gewerkschaft erzeugt, sie haben drei oder vier geschnappt und begonnen, sie zu jagen, und als sie sahen, dass Leute begannen, sich zu organisieren, wurden die rausgeworfen. Doch durch den Kampf sind sie wieder eingestellt worden, das ist der Betriebsrat.

Sie haben den Konflikt erzeugt, um die ArbeiterInnen loszuwerden. Wir haben in dieser Zeit die Anstellung von 117 KollegInnen, die zuvor Zeitverträge hatten, durchgesetzt, später die von weiteren 90 und die Rekategorisierung für alle.

Sie wollten ein Grüppchen Arbeiter loswerden, die dabei waren sich zu organisieren, es ist ihnen aus den Händen geglitten, und all das ist dabei entstanden ...“ 1

Der einzig verlorene Kampf ist der, der aufgegeben wird!

Seit 18. Februar 2008 halten die ArbeiterInnen der Kunstfaser-Fabrik MAFISSA in La Plata, Provinz Buenos Aires, ihre Fabrik besetzt. Das ist das bisher letzte Wort in einem Arbeitskampf der sich seit 2005 zuspitzt und gleichzeitig das Ende der illegalen Aussperrung, die die Unternehmensleitung über 80 Tage lang betrieben hat.

MAFISSA ist ein petrochemischer Betrieb mit mehr als 500 Beschäftigten auf einem Gelände von 220.000 m 2 und hieß einst „Petroquímica Sudamericana“. Dort wird aus alten Plastikflaschen Kunstfaser erzeugt, zum Beispiel Nähzwirn, Mikrofasergewebe und Schaumstoff aus Polyester. 2 1975 wurde der Name in „Spinnerei Olmos“ geändert und so in den schlechter entlohnten Textil-Kollektivvertrag übergewechselt. „Wir arbeiten hier, als hätten wir‘s mit Baumwolle zu tun. Aber was durch die Leitungen dieser Fabrik fließt, ist pure Chemie und sehr giftig. Bevor wir einen Faden produzieren, stellen wir die Chemikalien her, die in die Leitungen gespeist werden“, 3 erklärt einer der Arbeiter. Seit 1981 heißt die Fabrik MAFISSA (Manufactura de Fibras Sintéticas SA).

2005 tauchen im Betrieb Flugblätter auf, in denen Lohnerhöhungen und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gefordert werden und zu einer Betriebsversammlung im Juni aufgerufen wird. An ihr nehmen nur wenige KollegInnen teil, denn die Angst vor Kündigungen ist groß und Vertreter jenes Betriebsrats, der über 20 Jahre von der Textilgewerkschaft AOT 4 gestellt wurde, sind ebenfalls zugegen. „Du redest in der Versammlung und der Typ säuselt: ‚Wie heißt du noch einmal?‘ und plötzlich wirst du gekündigt“, beschreibt ein Kollege die üble Rolle der Gewerkschaftsbürokratie.

Trotzdem zündet der Funke: Überall in der Fabrik werden Forderungen und mögliche Kampfmaßnahmen diskutiert und der entschlossene Teil der Belegschaft sammelt sich und wächst an (ohne aber in den Versammlungen Aufmerksamkeit zu erregen).

Zu dieser Zeit betrugen die Durchschnittslöhne bei Mafissa 850, Pesos (damals ca. 230, Euro), bei einem Familien-Existenzminimum von 2.000, Pesos und einer offiziellen jährlichen Inflationsrate von über 15%. Beinahe die Hälfte der über 500 ArbeiterInnen hatte (auch nach über fünf Jahren Beschäftigung) befristete Verträge, und jährlich starb durchschnittlich eine/r an den Folgen der miserablen sicherheitstechnischen und hygienischen Bedingungen in der Fabrik; arbeitsbedingte Hernien 5 und Schwerhörigkeit sind verbreitet. Die KollegInnen arbeiteten (auch an Sonn- und Feiertagen) in vier rotierenden Schichten zu je acht Stunden rund um die Uhr, mit zwei freien Tagen erst nach sieben Diensten. Das heißt, von vier bestehenden Schichten arbeiten jeden Tag drei, während eine frei hat. Schichtwechsel ist jeweils nach einer Woche.

All dem hatte der AOT-Betriebsrat nichts entgegenzusetzen: Die letzte Betriebsversammlung war 1998 einberufen worden, nur um Dampf abzulassen, und auf halbherzige Kampfmaßnahmen folgten zahllose zahnlose Verhandlungen, die in Niederlagen endeten. „Die haben uns daran gewöhnt, zu verlieren“, analysiert ein Kollege, „damit wir gar nicht erst wieder auf die Idee kommen, zu streiken.“ Tatsächlich hatten viele KollegInnen Angst vor einem Streik.

Dienst nach Vorschrift wir bitten nicht, wir fordern!

Aber dieses Mal nehmen die ArbeiterInnen die Sache selbst in die Hand, und prompt verhandelt der Betriebsrat (lächerliche) sechs Prozent Lohnerhöhung aus, um den Aufruhr im Keim zu ersticken. Jedoch ermutigt von diesem ersten kleinen Erfolg, beginnen die ArbeiterInnen im September 2005 mit „Dienst nach Vorschrift“, gemäß den Tätigkeitsbeschreibungen in der längst veralteten Betriebsvereinbarung von 1986. Die Überstunden werden gestrichen, die modernen Maschinen im Tempo der alten betrieben und die KollegInnen halten sich strikt an die im Arbeitsvertrag festgeschriebenen Tätigkeitsbereiche, das heißt, wer nur einen Zeitvertrag hat und „bloß fürs Putzen bezahlt wird, macht auch nichts anderes mehr.“ Die Forderungen: Lohnerhöhung von 40 %, die Neueinteilung von Verwendungsgruppen des Personals, verbesserte Arbeitsbedingungen und Infrastruktur.

Die Unternehmensleitung ist machtlos und versucht den Produktionsausfall mit prekarisierten Vertragsarbeitern auszugleichen, also nimmt die Versammlung die Umwandlung der befristeten Verträge in unbefristete und den freien Zugang zum Betriebsgelände für alle Beschäftigten in ihren Forderungskatalog auf. Bis zu 300 KollegInnen nehmen jetzt an den Betriebsversammlungen teil; das Vertrauen in die Gewerkschaftsbürokratie bröckelt.

Im Dezember 2005 bietet die Unternehmensleitung (durch den Betriebsrat) eine einmalige Prämie von 400, Pesos für die Beilegung des Konfliktes, doch die Betriebsversammlung lehnt ab und beschließt stattdessen eine Demonstration zur Unternehmenszentrale nach Buenos Aires. Am nächsten Tag werden die ArbeiterInnen vor der Fabrik von Infanterie und Polizei erwartet und den aktivsten, exponiertesten KollegInnen wird der Zutritt verwehrt. Formal werden sie zwar nicht gekündigt, praktisch dürfen sie aber nicht mehr an ihre Arbeitsplätze.

Die ausgesperrten ArbeiterInnen berufen eine Versammlung ein, die von der Angst der KollegInnen um ihre Arbeitsplätze gekennzeichnet ist. Die Gewerkschaftsbürokraten nutzen das aus, versuchen die Belegschaft zu spalten und rufen dazu auf, die Arbeit wieder aufzunehmen. Sie bringen sogar einen Anwalt mit, der erklärt, dass man für die Gekündigten außer ein wenig finanzieller Unterstützung leider nichts machen kann.

„Wenn sie einen angreifen, dann greifen sie alle an,“ 6 kontern die Ausgesperrten, die Situation ist angespannt und entsprechend hitzig ist die Diskussion. Doch die Belegschaft bleibt standfest und löst die Versammlung nicht auf, und schon eine Schicht später sind die Entlassenen wieder eingestellt.

Weitere kleine Siege folgen: zehn Prozent Gehaltserhöhung, 500, Pesos Prämie. Das sind plötzlich und offiziell natürlich Ergebnisse der „ganz tollen“ Verhandlungsstrategie der AOT und nicht Resultat der Arbeitskämpfe der Basis.

Der alte Betriebsrat wird abgewählt, von nun an entscheidet die Versammlung!

Die Organisierung der ArbeiterInnen geht unterdessen weiter, Betriebsversammlungen werden abgehalten und eine Neufassung der Betriebsvereinbarung wird diskutiert. Um diese Debatte zu beenden, werden im Mai 2006 fünf KollegInnen gekündigt. „Die Betriebsvereinbarung muss diskutiert werden mit uns oder ohne uns“, erklären draußen die Entlassenen. Drinnen tagt die Versammlung und beschließt zum ersten Mal seit über zehn Jahren  in der ersten Hälfte der 90er Jahre gab es Streiks, die jeweils in Niederlagen endeten  den Streik: Täglich zwei Stunden Arbeitsniederlegung bis zur Wiedereinstellung! Der Konflikt kostet das Unternehmen geschätzte 200.000, Pesos und landet bei der Schlichtungsstelle des Arbeitsministeriums … und die KollegInnen werden wieder eingestellt.

Im August beginnt eine landesweite Kampagne für 19% Lohnerhöhung, die von der Mafissa-Belegschaft mitgetragen wird. Das erste Angebot der Firmenleitung sind zwei Prozent, „als ob wir hier in Deutschland wären!“ Die Kollegen lachen. Nach zwei, drei Wochen „Dienst nach Vorschrift“ sind die 19% unterschrieben.

Noch am selben Tag präsentiert die Betriebsversammlung ihre Liste für die Betriebsratswahlen im September. Die Gewerkschaftsbürokratie unternimmt alles Mögliche, um die Kandidatur zu verhindern, die Palette reicht von verschwundenen Unterstützungserklärungen bis zu formalen Hinderungsgründen (z. B. zwei Jahre Gewerkschaftsmitgliedschaft, obwohl im Gesetz nur eines vorgeschrieben ist).

Der neue Betriebsrat wird mit 384 gegen 84 Stimmen 7 gewählt und macht sich sofort an die Arbeit. Es gilt, die Sicherheitbedingungen zu verbessern, denn die elementarsten Arbeitsmittel, wie Hüftgürtel, Isolierhandschuhe und -stiefel, fehlen. „Das Leben eines Arbeiters ist hunderttausend Pesos wert. Investitionen in die Sicherheit kommen dem Unternehmen wesentlich teurer“, ist der zynische Kommentar eines Arbeiters.

2007 streiken die Lehrer in Santa Cruz für eine Anhebung der Löhne auf das Familien-Existenzminimum von 2.300, Pesos 8 . Die ArbeiterInnen von Mafissa greifen die Forderung auf. Nach zwei Monaten der Auseinandersetzung bietet die Firmenleitung 150, Pesos, schwarz auf die Hand. „Schwarz akzeptieren wir hier gar nichts“, entgegnen die ArbeiterInnen, „ins Lohnsackerl damit, und zwar für alle. Und außerdem, Schluss mit den mistigen Zeitverträgen, denn dieses Unternehmen verdient Millionen und Abermillionen Dollar.“ 9

Nach zwei Monaten Kampf, am 21. Mai 2007, kündigt die Firmenleitung sechs KollegInnen fristlos und ohne Erklärung. Doch die ArbeiterInnen von Mafissa kennen inzwischen ihre Macht und reagieren sofort. Die diensthabende Schicht legt die Arbeit nieder, während sich ihre KollegInnen vor dem Fabrikstor sammeln und Ketten bilden, um die Ein- und Ausfahrt der LKWs zu blockieren. Die Produktion steht still. Am nächsten Tag verschickt die Firmenleitung 120 Kündigungsschreiben, das Gelände wird von Polizei und Infanterie umstellt, die Maschinen werden heruntergefahren und die Belegschaft ausgesperrt.

Die ArbeiterInnen wissen, dass die Unternehmensleitung ein harter Knochen ist. „Sehr hart“, sagen sie, „sie bringt den Hunger ins Spiel, deswegen brauchen wir jetzt die Unterstützung der Öffentlichkeit, damit sie den Streikfonds unterstützt. Und wir danken auch allen, die uns was vorbeibringen!“ 10

Und die Solidarität mit den Streikenden ist beeindruckend: „Das Schöne ist, dass die Leute, die zu uns stehen, so wie wir nur bescheidene Mittel haben. Gestern hat uns ein Ehepaar, das hier Kartons sammelt, mit sieben Pesos unterstützt. Die Jungs wollten das nicht annehmen, aber die Frau hat darauf bestanden. Und dann sind ein paar Buben aus dem Bus gestiegen, sieben oder acht Jahre alt, und haben 70 Centavos beigesteuert.“ 11

Zahlreiche Gruppen, Parteien und Organisationen folgen dem Aufruf und entwickeln gleichzeitig eine Solikampagne, die den Arbeitskampf bei Mafissa im ganzen Land bekannt macht. Die ArbeiterInnen knüpfen Kontakte, erzählen an der Fakultät von ihren Erfahrungen, werden zu Veranstaltungen und Festen eingeladen. Auch Gewerkschaftsvertreter steuern zum Streikfonds bei, allerdings meist, um die Ausbreitung des Konflikts auf „ihren“ Betrieb zu verhindern: „Die bezahlen lieber tausend Pesos aus der Gewerkschaftskassa, als uns vor der Belegschaft sprechen und für den Fonds sammeln zu lassen.“

21.5. bis 1.7.2007: Mafissa besetzt.

Trotz Aussperrung verlassen die ArbeiterInnen von Mafissa das Betriebsgelände nicht. „Die Kollegen kommen zu ihren Schichten und zwicken die Lochkarten. Ich habe heute frei, und deswegen zwicke ich nicht, und sie bleiben während ihrer Schichten an den Arbeitsplätzen, spazieren herum und bewachen die Maschinen. Wir wollen hier nichts kaputt machen, und wir wollen nicht, dass irgendjemand etwas kaputt macht, wir wollen weiterarbeiten und diese Maschinen sind heikel. Drum passen wir darauf auf, weil es sind unsere Arbeitsmittel“ 12 erklärt ein Arbeiter. In ohnmächtiger Wut schlägt die Firmenleitung wild um sich, spricht Kündigungen und Suspendierungen 13 aus, verklagt den Betriebsrat und droht damit, die gesamte Belegschaft zu entlassen. „Diese Haltung ist nicht neu für uns: In den letzten zwei Jahren haben sie auf jede Forderung, jede Bitte von uns auf diese Weise reagiert, mit Kündigungen und Suspendierungen.“ 14 Die Inspektionen im Auftrag der Fabriksleitung, des Arbeitsministeriums, der Polizei oder der Feuerwehr finden alles in tadellosem, betriebsbereitem Zustand vor. Die Klage gegen den Betriebsrat wegen „gewalttätiger Besetzung der Fabrik“ wird zurückgewiesen.

20% Lohnerhöhung, aber 80 bis 100 Kündigungen lautete das erste Angebot der Unternehmensleitung. „Was der Typ wollte, war, die Leute auseinanderzudividieren. Aber das wurde abgelehnt und wir haben beschlossen, wenn sie den Vorhang runterlassen, dann bleiben wir alle draußen.“ 15

Nach 42 Tagen endet diese Etappe des Kampfes mit einem klaren Sieg für die ArbeiterInnen: Die Firmenleitung verpflichtet sich im Schlichtungsverfahren schriftlich, die Gehälter um 32% anzuheben und binnen eines Monats alle Gekündigten wieder einzustellen und die Suspendierungen zurückzunehmen. 120 ArbeiterInnen mit Zeitverträgen werden ab sofort fix angestellt (und bekommen dadurch 300, Pesos mehr Lohn).

„Das ist eine Erinnerung fürs ganze Leben, und wenn wir weiterkämpfen müssen, so wie bisher, dann werden wir weiterkämpfen. Wir danken denen vom Astillero 16 , die sich uns gegenüber sehr gut verhalten haben, den Lehrern und allen die gekommen sind, um uns zu unterstützen. Und sie sollen wissen, wenn sie uns brauchen, dann werden wir da sein mit dem Transparent von Mafissa! Ich habe hier viele Dinge gelernt!“ 17

Unternehmerische „Krisenprävention“ und staatliche Repression

Doch Mitte August 2007 sind entgegen aller Vereinbarungen 62 ArbeiterInnen immer noch suspendiert und bekommen nicht die vollen Löhne bezahlt (sie bekommen ihr Geld „schwarz“ und die erkämpften 32% fehlen). Die Verhandlungen verlaufen ergebnislos, also wird eine Betriebsversammlung einberufen, an der 300 ArbeiterInnen teilnehmen. Sie beschließt die Blockade des Fabrikstors (und damit der Warenauslieferung), doch die Unternehmensleitung reagiert nicht. Beinahe jede Woche ziehen jetzt demonstrierende ArbeiterInnen von Mafissa zum Arbeitsministerium, unterstützt von Delegationen ebenfalls kämpfender Betriebe (Astillero Río Santiago, ASOMA, GLEBA) und solidarischen StudentInnen. Sie fordern die Einlösung der rechtskräftigen Vereinbarung und erfahren, dass die Firmenleitung einen „Krisenpräventionsplan“ eingebracht hat, der eine „Umstrukturierung“ und die Kündigung von über 100 ArbeiterInnen aus wirtschaftlichen Gründen vorsieht. (Ohne einen solchen formalen Antrag beim Arbeitsministerium ist es nicht möglich, kurzfristig mehr als zehn Prozent der Belegschaft zu kündigen, andererseits sind gewerkschaftliche Aktionen wie Streiks bis zur Entscheidung verboten. 18 )

Mafissa produziert mit modernen Maschinen, liefert 80% der in der argentinischen Textilproduktion verwendeten Rohstoffe und exportiert nach Brasilien und in andere südamerikanische Länder. 19 „Hier wird aus Plastikflaschen Kunstfaser gemacht. Der Faden wird aus dem Plastik der Flaschen gewonnen, nachdem sie chemisch gereinigt wurden. Für ein Kilo Flaschen bezahlen sie 35 Centavos (dzt. 0,11 Dollar; Anm. d. Verf.) und ein Kilo Faser verkaufen sie um drei Dollar. Ein Ballen Faser hat zwischen 300 und 400 kg und wir stellen ungefähr alle zwölf Minuten einen fertigen Ballen her.“ 20 Die ArbeiterInnen bekommen sieben Pesos pro Stunde (dzt. 1,4 Euro; Anm. d. Verf.) und produzieren pro Tag 170 Tonnen Kunstfaser (vor der Erweiterung der Fabrik 2002 waren es „nur“ 64 Tonnen). 21

Der jährliche Umsatz von Mafissa wird auf 400 Millionen Dollar geschätzt. Seit Mai 2000 nimmt Mafissa am „Programm zur Förderung der Industrie in der Provinz Buenos Aires“ teil und ist dadurch bis 2010 von den Lohnnebenkosten befreit, eine Ersparnis von 14 Millionen Dollar. Seit 2002 muss Mafissa außerdem keine Immobiliensteuern mehr zahlen, was angesichts der Größe des Geländes (220.000 m2) einen weiteren Gewinn in Millionenhöhe ausmacht. 22

„Wir haben ausgerechnet, dass die Personalkosten fünf Prozent der Kosten von Mafissa ausmachen, durch die Lohnnebenkosten werden 3,5 % erspart, dazu kommen die Immobiliensteuern: das bedeutet, unsere Löhne werden nicht von Curi bezahlt, sondern von der Gesellschaft.“ 23

In einer von der Nachrichtenagentur NOVA veröffentlichten Presserklärung der Mafissa-Belegschaft 24 wird darauf hingewiesen, dass das Unternehmen außerdem von der Inflation profitiert, „da sie ihre Geschäfte in Dollar machen und die Löhne zahlen sie in Pesos, die jedes Mal weniger wert sind“.

Am 2.Oktober wird eine Mafissa-Demonstration vor dem Arbeitsministerium von der Polizei aus nächster Nähe mit Gummigeschossen angegriffen. Während drinnen eine Delegation bemüht ist, zu belegen, dass es bei Mafissa keine Krise gibt, sondern einen Kampf der Unternehmensleitung gegen die gewerkschaftliche Organisierung der ArbeiterInnen, werden draußen fünf Kollegen verletzt, einer von ihnen lebensgefährlich. In einer sofort einberufenen Pressekonferenz verurteilen die ArbeiterInnen das Komplizentum der Regierung mit den Unternehmern. Die diensthabende Schicht bei Mafissa unterbricht die Produktion, um eine Betriebsversammlung abzuhalten, und hisst ein riesiges Transparent, das zur Fortsetzung des Kampfes aufruft. Die Kundgebung vor dem Arbeitsministerium dauert noch mehrere Stunden.

Drinnen und draussen eine Bewegung.

Eine Woche später weist das Arbeitsministerium den „Krisenpräventionsplan“ zurück, weil beim besten Willen keine ökonomische Krise nachgewiesen werden kann; bei der nächsten Verhandlungsrunde fehlt die Firmenleitung. Anstatt, wie vereinbart, einen Zeitplan für die Wiedereinstellung der Suspendierten vorzulegen, werden 300 ArbeiterInnen in Zwangsurlaub geschickt. Kurz darauf beginnt die Firmenleitung wieder mit Kündigungen:

„Der Betriebsrat der Arbeiter von Mafissa teilt der Öffentlichkeit mit, dass die Firma am heutigen Tag zehn Arbeitern, die ihren Dienst antreten wollten, den Zutritt zur Fabrik verweigert hat. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie entlassen wurden, viele darunter sind fix angestellt und seit Jahren im Unternehmen.

Außerdem informieren wir, dass für den morgigen Schichtwechsel um sechs Uhr Massenentlassungen angekündigt wurden. Diese Aktionen des Unternehmens finden vor dem Hintergrund unserer Forderungen statt, die wir Arbeiter stellen, damit das Unternehmen dem Gesetz genüge tut und die 70 Arbeiter wiedereinstellt, die seit Monaten suspendiert sind und nur 75% ihres Lohns erhalten. Das Unternehmen hat nicht nur das Gesetz nicht erfüllt, sondern geht nun zu diesen massenhaften Entlassungen über. Das Arbeitsministerium und die Landesregierung dulden die illegalen Suspendierungen, und die nunmehrigen Entlassungen sind das Ergebnis des komplizenhaften Verhaltens der Landesregierung.

Wir rufen die Öffentlichkeit, die Arbeiterorganisationen, die sozialen, studentischen, politischen und Menschenrechtsorganisationen auf, uns ab morgen früh zu begleiten, wenn wir Straßenblockaden und Versammlungen abhalten werden, um unseren Protest auszudrücken und die Wiedereinstellung der Entlassenen sowie der Suspendierten und die Beendigung der Aggressionen gegen die Arbeiter zu fordern.“ (Presseerklärung des Betriebsrats, 25.10.2007) 25

Betriebsversammlungen werden abgehalten und rotierende Streiks beschlossen, eine Stunde in jeder Schicht. Die Unternehmsleitung kündigt 102 ArbeiterInnen, das sind 20% der Belegschaft Mafissas; der „Krisenpräventionsplan“ wird also, obwohl zurückgewiesen, umgesetzt.

Die Arbeiter blockieren das Fabrikstor und stellen Streikposten auf. Auf Druck des Arbeitsministeriums und der gesetzlichen Verpflichtung im Schlichtungsverfahren werden die Entlassungen und Suspendierungen kurzfristig aufgehoben, aber die ArbeiterInnen trauen dem Frieden nicht. „Die Versammlung war kurz, aber sehr überlegt, und wir bereiten uns auf einen harten Kampf vor. Curi versucht schon eine ganze Weile alles, was wir erreicht haben, wieder zurückzunehmen, deswegen muss er Kollegen kündigen. Aber wir werden das nicht zulassen und drum sind wir schon heute kampfbereit. Wir haben beschlossen, ein Kampfkomitee zu bilden, mit unseren Familien, unseren Ehefrauen, den Leuten aus dem Grätzel zu sprechen, und wir sind entschlossen, nicht eine einzige Kündigung zuzulassen. Curi soll wissen, dass sich das aufgehört hat, er kann mit den Arbeitern nicht mehr umspringen, wie es ihm passt.“ 26

Auf richterliche Answeisung rückt Infanterie an, um die Streikposten vor dem Fabrikstor aufzulösen, damit die LKWs mit Curis Reichtümern passieren können. In wenigen Minuten werden Barrikaden errichtet, um den Vormarsch der Staatsgewalt zu stoppen. Eine Hundertschaft ArbeiterInnen verlässt ihren Arbeitsplatz, um die Blockade zu verteidigen. Die Jugendlichen aus dem Grätzel versammeln sich, um im Fall von Repression einzugreifen, und eine Gruppe von 40 ArbeiterInnen der Chemiefabrik Gleba 27 kommt ebenfalls schnell angereist. Auch die LKW-Fahrer geben ein Beispiel gelebter Solidarität, indem sie sich weigern, mit den beladenen LKWs loszufahren, solange der Konflikt andauert.

Ende November werden die 102 KollegInnen wieder gekündigt, und um den Widerstand dagegen zu vermeiden, wird zuerst die gesamte Belegschaft in Zwangsurlaub geschickt. Anschliessend wird die Fabrik über 80 Tage lang mit höchstens 20% der Produktionskapazität betrieben, während die gekündigten ArbeiterInnen vor dem Tor eine permanente Betriebsversammlung abhalten. Curi fährt die Produktion runter und begründet mit dieser „Nichtauslastung“ des Betriebes die folgenden Suspendierungen. Draußen werden Straßen blockiert, z.B. am 3. Dezember die Autobahnauffahrt in Richtung Hauptstadt. Demos begleiten die ArbeiterInnen-Delegationen zum Arbeitsministerium, doch weder die Bürokratie noch die Unternehmensleitung reagieren, und die versteckte illegale Aussperrung wird fortgesetzt. Solifeste für den Streikfond (und auch zur Motivation) stehen auf der Tagesordnung; am 24. Dezember veranstaltet die Mafissa-Belegschaft ein kollektives Weihnachtsfest vor der Fabrik. 28

Die Firmenleitung spekuliert damit, dass sich die Bewegung verliert, wenn die Gekündigten sich um eine andere Arbeit umsehen müssen. Mitte Jänner werden 175 ArbeiterInnen suspendiert, d.h. ihre Namen stehen auf einer Liste und sie dürfen ihren Dienst ohne weitere Erklärung nicht antreten ohne Kündigung und ohne Lohn. Das nennt der Betriebsrat „versteckte Ausperrung“. Kurz darauf wird dann auch die restliche Belegschaft ausgesperrt, es werden keine Löhne mehr bezahlt. Vertreter der AOT-Gewerkschaftsbürokratie bemühen sich, die Basis zu schwächen und Angst zu verbreiten. Sie bereiten eine „geheime Abstimmung“ (mit Urnen und unter Ausschluss der Gekündigten) über ein Ende des Arbeitskampfes in der Hauptstadt vor, doch vor dem Fabrikstor wird eine permanente Betriebsversammlung abgehalten (wo offen diskutiert und abgestimmt wird) und an der kommt die AOT nicht vorbei. Lediglich 50 Mafissa-ArbeiterInnen nehmen an der von der AOT initiierten Versammlung teil, die unter Polizeischutz stattfindet. Der legitime (wenngleich gekündigte) Betriebsrat legt währenddessen dem Arbeitsministerium eine von 250 Mafissa-ArbeiterInnen unterzeichnete Liste vor, in der die falsche Versammlung zurückgewiesen und die Wiedereinstellung der Gekündigten und Suspendierten sowie die offizielle Anerkennung der Aussperrung gefordert wird.

Februar 2008: Schluss mit der Aussperrung Mafissa besetzt!

Am 18. Februar, angesichts des beharrlichen Schweigens der Regierung, beschließt die Betriebsversammlung die Besetzung der Fabrik. In ihrer Presseerklärung heißt es:

„Heute haben wir, die versammelten Arbeiter, unsere andauernde, friedliche Anwesenheit auf dem Betriebsgelände beschlossen, um unsere Fabrik 29 vor einer möglichen von den Unternehmern veranlaßten Räumung zu schützen. Wir haben diese Entscheidung in der Versammlung getroffen, um unsere Fabrik zu erhalten, und fordern die Wiedereinstellung aller Entlassenen, die Beendigung der Betriebsstilllegung und die sofortige Wiederaufnahme der Produktion in der Fabrik, in der zurzeit Aussperrung herrscht. Diese Maßnahme ergreifen wir nach 80 Tagen der Inaktivität von Arbeitsministerium und Regierung, die alle und jede einzelne Ungesetzlichkeit von Jorge Curi geduldet haben. Wir warnen die Öffentlichkeit 30 vor jeglichem Repressionsversuch gegen uns und unsere Familien, sei er vonseiten der Polizei oder vonseiten der Unternehmensleitung 31 , die Schlägertrupps schickt, vor und machen die Regierung für die körperliche Integrität aller unserer Kollegen/Genossen 32 verantwortlich.

Seit mehr als 80 Tagen sind wir im Kampf. Seit letzten November verhält sich die Unternehmensleitung vor dem Hintergrund des Schweigens der Bundes- und Landesregierung 33 völlig ungesetzlich. 103 Arbeiter wurden ohne Grund entlassen, die Produktion wurde heruntergefahren und ein Schlüsselsektor, die CPU 34 , stillgelegt; immer wieder wurden über alle Arbeitern Zwangsurlaube verhängt, um schließlich das gesamte Personal lohnfrei zu stellen und die Fabrik zu schließen.

Das Unternehmen hat einen Krisenpräventionsplan ausgearbeitet, der nicht herzeigbar war und vom Arbeitsministerium zurückgewiesen wurde, aber tatsächlich wird er angewendet und setzt, ohne die rechtlichen Anforderungen zu entsprechen, alle unsere Familien auf die Straße.

Wir Arbeiter haben diese Situation wiederholt aufgezeigt und wir haben auch Kenntnis von den hohen wirtschaftlichen Profiten, die das Unternehmen einstreicht, da es weder Lohnnebenkosten 35 noch Immobiliensteuern 36 zahlen muss.

Wir Arbeiter von Mafissa werden weiter gegen diese Unternehmer kämpfen, die unsere Errungenschaften der letzten Jahre zunichte machen wollen und die prekären Bedingungen verschlimmern, gegen die niedrigen Löhne hunderte Kollegen mit befristeten Verträgen , gegen die ständige Erhöhung des Arbeitstempos auf Kosten unserer Gesundheit und unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen.

Wir rufen alle sozialen, politischen und Menschenrechtsorganisationen auf, unseren Kampf aktiv zu unterstützen.“ 37

Drei Tage nach der Besetzung präsentiert die AOT als Ergebnis „hartnäckiger Verhandlungen“ einen glatten Erpressungsversuch: Alle ArbeiterInnen, die erklären, nicht an der Besetzung teilzunehmen, können sich im lokalen AOT-Büro 400, Pesos „Verdienstentgang“ abholen. 250 ArbeiterInnen nehmen das Geld. Ob sie deshalb auf weitere Teilnahme an den Kämpfen verzichten, wird erst die Zukunft zeigen.

Um seine Verträge einzuhalten, importiert Curi derzeit Kunstfaser aus Indonesien. Vermutlich arbeitet auch die brasilianische Polyenka 38 auf Hochtouren, das ist eine Kunstfaserfabrik in der Größenordnung von Mafissa, an der Curi 2001 fünfzig Prozent erworben hat (die andere Hälfte hält das dortige Management). Ein Kontakt zwischen der Mafissa-Belegschaft und den laut Homepage 700 brasilianischen KollegInnen besteht leider nicht.

Unterdessen finden regelmäßig Solifeste zugunsten des Streikfonds statt, denn 550 Familien fehlt nun ein Einkommen. 39 Namhafte argentinische Bands, wie „Las Manos de Filippi“ und „Cumparsita“ geben Konzerte. Die Betriebsversammlungen gehen weiter, wurden aber aufs Wochenende verlegt, weil immer mehr KollegInnen sich gezwungen sehen, anderswo zu hackeln. Auch Straßenblockaden und Demos finden weiterhin statt.

Arbeitskämpfe unter der Diktatur

Am 4. September 1975, nach dem Abendessen, machten sich Adriana Zaldúa, Roberto Loscertales, Hugo Frigerio, Ana María Guzner Lorenzo und Lidia Agostini auf den Weg zur ‚Hiladería Olmos‘ (heute Mafissa). Zur Unterstützung der von den ArbeiterInnen besetzten Fabrik hatten sie Geld für den Streikfond gesammelt, das sie übergeben wollten. Doch sie kamen niemals an. In der Morgendämmerung wurden ihre toten und mit Folterspuren übersäten Körper am Flussufer in La Balandra gefunden.

Am Nachmittag desselben Tages wollten Oscar Lucatti, Carlos Povedano und Patricia Claverie mit Flugblättern an den Protestkundgebungen teilnehmen. Sie wurden von einer bewaffneten Bande in einem Auto entführt und weniger später tot außerhalb der Stadt aufgefunden.

Die ArbeiterInnen der Petroquímica hissten ein großes Transparent, auf dem zu lesen war: „Curi bezahlt Killer!“ 40

Gemäss den heute teilweise zugänglichen Archiven des polizeilichen Geheimdienstes von Buenos Aires (DIBPA) 41 hat Jorge Curi Senior, der Vater des heutigen Fabriksbesitzers, in den 70er Jahren eng mit Polizei und Geheimdienst zusammengearbeitet, um in der Fabrik tätige „Aktivisten aufzuspüren“.

Ab Mai 1970 wurde Longoni, der damalige Sicherheitschef der Firma, beinahe täglich mit Berichten über die Bewegungen in der Fabrik versorgt. Listen von Arbeiter/innen die sich im Streikkomitee organsierten wurden erstellt, was nicht nur gezielte Kündigungen zur Folge hatte: 15 ArbeiterInnen der ‚Petroquímica Sudamericana‘ (so hiess die Fabrik bis 1975) in La Plata wurden ermordet oder verschwanden, die meisten nach dem Militärputsch 1976.

„Auf dem Gelände von Petroquímica sind als extremistisch einzuschätzende Pamphlete aufgetaucht, die zu Arbeitsniederlegungen und Konflikten aufrufen, um Lohnerhöhungen zu erzielen (...) Im Unternehmen gibt es keine arbeitsrechtlichen Probleme und die Löhne entsprechen dem gültigen Kollektivvertrag 42 . (...) es handelt sich vermutlich um eine kleine Gruppe, die ein Klima der Unruhe schaffen will (...) die bisher aber nicht entdeckt werden konnte“. Der Bericht schliesst mit dem Vorschlag „drei Männer einzustellen und angemessen zu bezahlen, mit dem Ziel, diesen Kern von den Unternehmensgeist gefährdenden Personen zu identifizieren.“ 43

Mit wem arbeitete der alte Curi da Hand in Hand zusammen? Der damalige Chef der Polizei von Buenos Aires, General Ramón Camps, übernahm 1984 in einem Interview mit der Tageszeitung Clarin die Verantwortung für 5.000 Verschwundene und gab zu, Folter befohlen zu haben, wobei sein Gewissen „sehr ruhig“ gewesen sei. Weiters gab er an, in einigen Punkten mit Hitler übereinzustimmen und er rechtfertigte die Zwangsadoptionen von Kindern: „Es war notwendig zu verhindern, dass diese Kinder mit den subversiven Ideen ihrer Eltern aufgezogen wurden. Die sogenannten Mütter von Verschwundenen sind alle Subversive. Sie alle scheren sich nicht darum, aus ihren Kindern gute Argentinier zu machen.“ 44

1986 wurde Camps wegen Verbrechen 45 im Rahmen eines Genozids zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt (von denen der 1994 Verstorbene nicht einen einzigen Tag absitzen musste), seine rechte Hand, Komissar Miguel Osvaldo Etchecolatz 46 , wurde zu 23 Jahren Haft veruteilt (die er ebenfalls zu Hause verbringen durfte wo er sich 2006 erschoss).

Die ArbeiterInnen der ‚Petroquímica Sudamericana‘ spielten in den Arbeitskämpfen der 70er Jahre eine hervorragende Rolle. Sie nahmen am 30. Mai 1969, während dem Aufstand in Cordoba (‚Cordobazo‘) 47 , am Generalstreik teil und legten 1971 für 67 Tage die Arbeit nieder.

Nach der Ermordung des Arbeiters Juan Carlos Leiva am 14.Oktober 1974 durch die „Triple A“ (Alianza Anticomunista Argentina) 48 wurde am 21.Dezember 1974 der Geschäftsführer Emilio Jasalik durch das ERP (Ejército Revolucionario del Pueblo) 49 getötet 50 .

1975 sehen sich viele ArbeiterInnen um die Hoffnungen betrogen, die sie sich von der Rückkehr des (inzwischen verstorbenen) Perón gemacht hatten. Angesichts der arbeiterfeindlichen Politik der peronistischen Regierung und der Kollaboration der Gewerkschatsbürokratie nehmen die „antibürokratschen Rebellionen“ zu. Eine Welle von Streiks erfasst Argentinien, die ArbeiterInnen bilden „Coordinadoras Interfabriles“, das sind Räte-Organisationen zur Koordinierung der Kämpfe im ganzen Land. 51 Anfang Juli zwingt ein zweitägiger Generalstreik („Rodrigazo“) den Wirtschaftsminister Rodrigo zum Rücktritt.

Die ArbeiterInnen der ‚Hiladería Olmos‘ besetzen ihre Fabrik, worauf die Regierung die Kontrolle über das Werk übernimmt. 52 Nach dem Miltiärputsch 1976 bekommt Curi die Fabrik zurück und 1977 veröffentlicht er ein Buch mit dem Titel „Arriba Argentina“, das ein wahrer Lobgesang auf die Diktatur ist.

Darin bedankt er sich überschwänglich bei den bewaffneten Kräften, die ihre „patrotische Pflicht“ erfüllen, indem sie die „Ordnung wiederherstellen“ und erklärt: „Das Unternehmen Olmos erachtet es als seine Pflicht, der neuen Regierungsmannschaft ein breites Vertrauensvotum auszusprechen.“ 53

In den folgenden Jahren „verschwinden“ Mafissa Arbeiter/innen, darunter:

Osvaldo ist 48 Jahre alt und arbeitet seit über 20 Jahren bei Mafissa. Obwohl er während der Diktatur nicht dabei war, weiß er, dass das Unternehmen viele ArbeiterInnen-Delegierte hat verschwinden lassen. „Ein anderer war ‚el Negro‘, Julio Heredia, er und seine Frau wurden eingesperrt und gefoltert.“

Maxi erzählt weiter: „Er starb vor drei oder vier Jahren. El Negro ist entführt worden, Curi, der Vater von Curi, hat ihn suchen lassen, weil er in einer Organisation war. Er hat ihn nicht ermordet weil, die Mama von Heredia Dienstmädchen im Haus der Curis war. Die Frau (von el Negro, Anm.) ist mit ihm entführt worden. Sie wurden gefoltert und konnten danach keine Kinder kriegen… ein Drama. Er starb vor kurzem, wir haben ihm da drüben ein Wandgemälde gemacht...“

Auch nach der Diktatur bleiben die Arbeitsbedingungen bei Mafissa repressiv. „Das war ein diktatorisches Regime, du konntest über nichts reden, da haben sie aufgepaßt. Der Betriebsrat, den wir 20 Jahre lang hatten, hat gar nichts gemacht, im Gegenteil, der hat uns vorgeschickt. Jetzt mit den Jungen ist das anders. Wir hatten 20 Jahre keine Gehaltserhöhungen!“ Osvaldo ist guter Dinge. „Mich haben sie dreimal rausgeworfen. Etwas durchzusetzen hat halt seinen Preis...“

Ein Kollege ergänzt: „Mich halten sie für einen Aktivisten, sogar einen Montonero 54 . Einmal haben sie mich gerufen und gefragt, ‚Bist du ein Linkshänder 55 ?‘. Ich habe nein gesagt, aber wenn schon, was wäre dann‘. Und sie haben geantwortet ‚wir bekämpfen die Linken, die Montos, die Terroristen, alle, die unsere Ordnung gefährden‘.“

„Es ist so, pass auf. Der Typ (Jorge Emilio Curi) hat von seinem Vater gelernt, der in der Diktatur agiert hat. Und heute sieht man, dass er mit den Gesetzen spielt, wie es ihm passt...“ 56

Mafissa das Unternehmen

Mafissa wurde 1959 von Jorge Curi unter dem Namen Petroquímica Sudamericana gegründet. Anfangs wurden Kunststoffgarne aus Nylon produziert, die mit einigen einheimischen und internationalen Erzeugern konkurrieren konnten.

1968 errichtet Mafissa eine Partnerschaft mit AKZO, einer holländischen Firma, die 40% der Aktien von Mafissa hält, und beginnt mit der Erzeugung von Polyestergarnen. Das Unternehmen liefert gekörnte Polyesterharze, gestapelte Fasern und endlose Fäden für die Textilindustrie. 1980 kaufen lokale Aktionäre die Aktien von AKZO zurück.

1971 errichtet Mafissa mit einer Di-Methyl-Terephtalate-Anlage, die 1978 wieder geschlossen wird. DMT ist das Rohmaterial für die Produktion von Polyester.

1983 ändert das Unternehmen seinen Namen auf Manufactura de Fibras Sintéticas AG (Mafissa), 1992 wird eine Kläranlage gebaut. 57

1999 wird mit Hilfe der deutschen Zimmer AG eine neue Fabriksanlage auf dem neuesten Stand der Technik errichtet, Investitionsvolumen 24 Mio Dollar (viele Teile wurden lokal gefertigt). 58 Das Herzstück der Fabrik ist die CPU (Continuous Polycondensation Unit ). 59

2000 und 2001 gehen neue Ricofil-Spinnmaschinen in Betrieb um die volle Produktionskapazität der CPU auzunutzen (60.000t / Jahr), 2002 folgt eine POY-Spinnerei (Partially Oriented Yarn) 60 . In nur drei Jahren wird der Output von Mafissa verdreifacht! 61

2001 wird Mafissa unter den 1.000 umsatzstärksten Firmen in Argentinien an Stelle 452 aufgeführt (Umsatz: 73,4 Betriebsergebis 0,80 Netto-Vermögen 29,4 Aktiva 116) 62 [vermutlich Millionen Dollar]

2001 will die CVC Capital Partners, Mehrheitseigentümerin von Acordis, durch den Kauf der Lenzing AG von der Bank Austria unter dem Namen „NewCo“ die weltweit größte Zellulosefasergruppe schaffen (Jahresumsatz 1,4 Mrd Euro, Produktionskapazität 600.000 t) 63 , die Übernahme scheitert schliesslich an den Kartellbehörden:

Lenzing Acordis Geplant

Umsatz in Mio. Euro 550 2.200 1.400

Mitarbeiter´ 3.057´ 13.000 7.500

Quelle: „NewCo“ Geplante Fusion von Acordis und Lenzing 64

Trotzdem wird bei Acordis kräftig „rationalisiert“: Das Kunstfaserwerk in Kelsterbach (Deutschland) wird 2000 geschlossen 65 , das Viskosestapelfaser-Werk in Grimsby (GB) und das in Mobile (USA) folgen.

Außerdem werden mehrere Werke, die nicht zum „Kerngeschäft“ gehören, verkauft; darunter das brasilianische Polyestertextilwerk Polyenka mit einem Umsatz von 100 Mio Euro je zur Hälfte an das Managment und den Mafissa-Eigentümer Curi. 66

Die wichtigsten Produkte und ihre Abnehmerländer sind:

Polyestergarn 14.000 Tonnen jährlich (Brasilien)

Gewebegarn 3.600 Tonnen jährlich (Brasilien, Chile, Uruguay, Peru)

Polyesterfasern 6.000 Tonnen jährlich (Brasilien, Chile, Uruguay, Peru) 67

Anmerkungen