Info-Verteiler; Quellen wo nicht anders angegeben: Diplomarbeit von Andreas Vrabl - othes.univie.ac.at/846/1/2008-07-30_9951900.pdf, www.ag-friedensforschung.de, wikipedia.org
Regimewechsel statt Revolution
Fremdherrschaft
Libyen, ein Landstrich dreimal so groß wie Frankreich, stand 2.500 Jahre lang unter der Fremdherrschaft durch Ägypten, Phönizien, Karthago, Rom, das vandalische Königreich, Byzanz, das arabische Kalifat, Spanien, das osmanische Reich und Italien. Den Widerstand gegen Italienorganisierte die Bruderschaft der Senoussi, die im 19. Jahrhundert entstanden war. Said Mohammed Ibn Ali as Senoussi, aus Algerien stammend, hatte die Kyreneika zu seinem Exil gewählt und hier – u.a. gegen die osmanische Vorherrschaft – gepredigt und organisiert. Sein Nachfolger, Idriss, verbündete sich im 2. Weltkrieg mit den Alliierten gegen die italienischen Besatzer. Dafür erhielt Libyen 1951 die „Unabhängigkeit“; d.h. Idriss die Königskrone und die USA und Großbritannien Militärbasen.
Die Libyer selbst erhielten nichts, auch nicht von dem seit Mitte der 50er Jahre fließenden Erdöl. Die Einnahmen daraus flossen zum Großteil in die Taschen der wenigen multinationalen Konzerne, die sich die Förderrechte geteilt hatten und das Öl für ein Drittel des Preises erwarben, den sie in den anderen arabischen Ländern dafür bezahlten; der Rest in die des Königs und der wichtigen Stammesführer im Osten.
Die „Seven Sisters“ teilten sich in den 40er und 50er Jahren nahezu die gesamte Welterdölförderung. Es handelte sich dabei um die Standard Oil of New Jersey, Standard Oil of New York (jetzt Exxon-Mobil), Standard Oil of of California, Gulf Oil und Texaco (jetzt Chevron), Royal Dutch Shell und die Anglo-Persian Oil Company (jetzt BP). Noch 1973 kontrollierten die seven sisters 85% der Welterdölreserven.
Die Opposition organisierte sich in der Armee, ähnlich wie in Ägypten unter Nasser. Dessen Bund freier Offizierehatte 1952 den von den Imperialisten eingesetzten König Faruk I.gestürzt und die Vereinigung der arabischen Länder angestrebt, die allerdings scheiterte. Danach setzte Nasser auf den Panafrikanismus.
Putsch
1969 stürzten einige dutzend, im Bund freier Offiziereorganisierte, Militärsdie Idriss-Herrschaft in Libyen. Das gelang ihnen allerdings nur, weil der Boden dafür bereits bereitet worden war, vor allem von der Federation of Libyan Trade Unions, die gegen die Monarchie und für den Anschluss an arabische Nationalbewegungen ebenso eintrat wie für den Kampf gegen den Imperialismus und gegen die Ausbeutung durch ausländische Unternehmen. Die FLTU war in der Bevölkerung breit verankert und ihre Unterstützung ermöglichte erst den Putsch. Dazu kam, dass die USA mit dem Krieg gegen Vietnam und Großbritannien mit dem Zerfall des Kolonialreiches beschäftigt waren.
Schon als Schüler bildete Muammar al- Gaddafi 1956 seine erste revolutionäre Zelle in der Stadt Sebha. Alle Mitglieder mussten dann selbst eine weitere Zelle gründen, die jedoch untereinander nichts von einander wussten. 1961 wurden in Misrata weitere Zellen geschaffen und 1964 folgte schließlich mit dem Eintritt der künftigen Verschwörer in die Militärakademie von Benghazi die Gründung des „Bundes Freier Offiziere“ nach ägyptischem Vorbild.
Nasserismus
Die Politik Gaddafis war die eines bürgerlichen Nationalisten und folgte in vielen Bereichen der von Nasser. Ohne Rückhalt in den traditionell mächtigen Kreisen Libyens musste sich das Gaddafi-Regime vorerst auf die Massen stützen. Zu den ersten Maßnahmen der neuen libyschen Regierung zählten die Einführung eines Mindestlohns, ein Preisstopp sowie eine Mietsenkung um 1/3, weiters die Schließung der ausländischen Militärstützpunkte und die Nationalisierung des Erdöls.
Allein der US-Stützpunkt Wheelus, damals der größte außerhalb der USA, zählte 16.000 US-Soldaten und damit weitaus mehr als die reguläre libysche Armee. Insgesamt unterhielten die USA fünf und Großbritannien drei Militärbasen in Libyen. Ihre Bedeutung sank jedoch mit der Entwicklung von Interkontinentalraketen, bis Mitte 1970 wurden sie geräumt.
Die ersten außenpolitischen Schritte Gaddafis waren vom Panarabismusbestimmt, die Unionsversuche mit Ägypten, dem Sudan und Syrien scheiterten allerdings an Nasssers Nachfolger Sadat, dem die Vereinigung zu rasch vonstatten ging und der als erster Gaddafi als „mental case“ bezeichnete. Doch dieser Verrückte betrieb eine durchaus pragmatische Außenpolitik. Um vom Westen möglichst unabhängig zu bleiben, versuchte Gaddafi Bündnisse und Vereinigungen u.a. mit Tunesien, Algerien und Marokko, die alle rasch wieder scheiterten.
Nachdem die arabische Einigung misslungen war, wurden Kontakte zur Sowjetunion geknüpft – während KommunistInnen in Libyen verfolgt und ermordet wurden. Nach dem Zusammenbruch des realsozialistischen Blocks setzte Gaddafi auf die afrikanische Einheit. Eine afrikanische Zentralbank sollte sowohl den afrikanischen Francs, Inbegriff für den französischen Neokolonialismus ersetzen als auch den Kontinent frei machen vom Würgegriff des IWF.
Wohlfahrtsstaat
Libyen war das erste Land, das den Erdölmultis Widerstand entgegensetzte. Das System von Konzessionen wurde ersetzt durch Joint Ventures unter libyscher Mehrheitsbeteiligung, die Bevorzugung kleinerer Ölunternehmen gegenüber den global playerssorgte für Konkurrenz bei den Abnehmern und damit steigende Einnahmen für das Land. Das Modell war so erfolgreich, dass es inzwischen von nahezu allen anderen erdölexportierenden Ländern übernommen wurde.
Obwohl die Revolutionäre den Koran als Grundlage für die Gesetzgebung bezeichneten, wurde Libyen zum sekulärsten islamischen Staat. Der Einfluss der Imame wurde zurückgedrängt und Frauen erhielten mehr Rechte als in anderen arabischen Ländern, so neben dem auf Scheidung auch bei erfolgter Trennung vom Mann das gemeinsame Wohnhaus. Der libysche Wohlfahrtsstaat schenkte jeder Familie ein Haus, bestimmte den Besitz eines Autos als allgemeines Menschenrecht und schuf eine Gratisgesundheitsversorgung ebenso wie den Zugang zu den Universitäten für alle BürgerInnen.
Der Wohlstand der LibyerInnen wurde erkauft mit den Einnahmen aus dem ständig fließenden Erdöl und geschaffen durch die Arbeit von Millionen migrantischen ArbeiterInnen. So arbeiteten die meisten LibyerInnen in der Verwaltung, dem Bildungs- und Gesundheitswesen, während die MigrantInnen für die Drecksarbeit auf den Baustellen, in der Hausarbeit etc. zuständig und vom Sozialsystem ausgeschlossen waren.
Der Wohlfahrtsstaat diente der Absicherung der Herrschaft im Inneren, der Zurückdrängung des Einflusses der Imame ebenso wie der mächtigen Stammesführer. Die Kapriolen der libyschen Innenpolitik waren der jeweiligen Situation geschuldet. Die Auflösung der Armee war ein Schlag gegen etwaige Putschisten, die in den 70er-Jahren regelmäßig aus Kreisen der Offiziere kamen. Der Rücktritt Gaddafis von allen politischen Ämtern 1979 nahm den Kritikern den Wind aus den Segeln, denn offiziell bestimmten nun die Basisvolkskomitees die libysche Politik.
Im Juni 1971 hatte der Revolutionäre Kommandorat die Gründung der Arabisch-Sozialistischen Union (ASU) verkündet und im Jahr darauf fanden die ersten Wahlen zum Nationalkongress statt, dem Gaddafi vorstand. Daneben wurden Volksversammlungen zur Mobilisierung der Massen abgehalten. Danach lösten Basisvolkskomitees, in denen alle LibyerInnen über 18 Jahren mitspracheberechtigt waren, die ASU ab. Schließlich wurden diesen Komitees sogegannte Revolutionskomitees zur Seite gestellt, die wiederum die Basiskomitees überwachten. Die vorgeblich demokratische Struktur wurde zu einem System der Bespitzelung und Überwachung der Massen.
Panafrikanismus
Ebenso bedeutete die libysche Außenpolitik eine ständige Gratwanderung. Drohgebärden gegenüber dem Westen folgten regelmäßig Zugeständnisse, so etwa mit der Auslieferung der angeblichen Lockerbie-Attentäter an Großbritannien und dem Abkommen mit der EU in der Migrationsfrage, womit Libyen zu einem Außenposten europäischer Abschottung gegenüber Flüchtlingen wurde.
Die panafrikanischen Ambitionen stellten den Versuch dar, den Einfluss der Imperialisten, zu denen sich in den letzten Jahren China gesellte, zurück zu drängen. Es war Gaddafis Libyen, das ganz Afrika seine erste Revolution in modernen Zeiten bescherte – die Vernetzung des gesamten Kontinents durch Telefon, Fernsehen, Rundfunk und verschiedene weitere technische Anwendungen wie etwa Telemedizin und Fernunterricht. Dank der WMAX-Plattform wurde über den ganzen Kontinent hinweg eine kostengünstige Verbindung möglich, die auch die ländlichen Gebiete einschloss.
Es begann 1992, als 45 afrikanische Länder RASCOM (Regional African Satellite Communication Organization – Organisation für die regionale afrikanische Satellitenkommunikation) gründeten, damit Afrika seinen eigenen Satelliten bekommen und die Kosten für die Kommunikation auf dem Kontinent gesenkt werden konnten. Das geschah in einer Zeit, in der Telefonate von und nach Afrika die teuersten der Welt waren aufgrund der jährlichen Kosten von US$ 500 Millionen, die Europa für die Benutzung seiner Satelliten wie z.B. Intelsat für Telefongspräche, einschließlich der Telefonate innerhalb des selben Landes, einsteckte.
Ein afrikanischer Satellit hätte eine einmalige Zahlung von US$ 400 Millionen erfordert, und dem Kontinent wären dadurch die US$ 500 Mietkosten pro Jahr erspart geblieben. Welcher Banker würde nicht ein derartiges Projekt finanzieren? Aber das Problem war weiterhin da – wie können Sklaven, die sich aus der Ausbeutung ihrer Herren befreien wollen, die Hilfe der Herren bei der Erreichung dieser Freiheit bekommen? Es überrascht nicht, dass die Weltbank, der Internationale Währungsfonds, die Vereinigten Staaten von Amerika und Europa 14 Jahre lang nur vage Versprechungen abgaben. Gaddafi bereitete diesen nutzlosen Bitten an die westlichen „Wohltäter“ mit ihren exorbitanten Zinssätzen ein Ende. Der libysche Lenker legte US$ 300 Millionen auf den Tisch, die Afrikanische Entwicklungsbank legte US$ 50 dazu und die Westafrikanische Entwicklungsbank weitere US$ 27 Millionen – und so bekam Afrika am 26. Dezember 2007 seinen ersten Kommunikationssatelliten.
China und Russland zogen nach, brachten ihre Technologie ein und halfen, Satelliten für Südafrika, Nigeria, Angola, Algerien zu starten, ein zweiter afrikanischer Satellit wurde im Juli 2010 ins All gebracht. Der erste zur Gänze eigenständig und auf afrikanischem Boden gebaute Satellit ist für 2020 vorgesehen. Dieser Satellit soll mit den besten der Welt konkurrieren können, aber zu einem Zehntel der Kosten – eine wirkliche Herausforderung.
So hat also eine symbolische Geste von nur US$ 300 Millionen das Leben eines ganzen Kontinentes geändert. Gaddafis Libyen kostete den Westen nicht nur die US$ 500 im Jahr, sondern Milliarden von Dollars an Schulden und Zinsen, die der ursprüngliche Kredit für die kommenden Jahre generiert hätte, mit exponentiellen Steigerungen, und dazu beigetragen hätte, das verborgene System zur Ausplünderung des Kontinentes aufrecht zu erhalten.
In seinem Panafrikanismus bezog sich Gadaffi immer auf die jeweils herrschenden Kreise in den diversen Ländern, manchmal auf deren Konkurrenten, manchmal wechselte er in atemberaubenden Tempo die Seite, wie im Tschad. Niemals jedoch ging es um die Einbeziehung der Massen, weder in der Außen- noch in der Innenpolitik.
Krise
Das libysche Budget speiste sich zum allergrößten Teil aus den Erdöleinnahmen, und die waren ständig schwankend. Auf den Höhenflug des Ölpreises 1973 folgte Ende der 70er Jahre ein Verfall desselben (in den 80er Jahren fiel der Ölpreis von 35 auf 8 Dollar), der die libysche Regierung vor die Frage stellte, ob weiterhin an Großprojekten wie dem Great Man Made River, mit dem unter der Sahara liegende Wasserreserven angezapft und der Küstenstreifen bewässert wird, festgehalten werden soll.
Gaddafi entschied sich dafür, stattdessen vorrangig den Wohlfahrtsstaat zu finanzieren, und damit kam Libyen ökonomisch ins Hintertreffen, die Importabhängigkeit stieg, die Maschinen und Anlagen veralteten, erstmals waren die Libyer mit Massenarbeitslosigkeit (ca. 20%) konfrontiert. Die Regierung folgte, wenn auch zögerlich, den Forderungen der im Westen ausgebildeten Nachwuchspolitiker und -ökonomen in den Führungsetagen, die Privatisierungen und „die Öffnung“ gegenüber ausländischem Kapital forderten. Zu ihnen gehörte auch Gaddafis Sohn Saif al-Islam.
Die Opposition gegen Gadaffi bestand aus Gruppen mit völlig unterschiedlichen Interessen: Da gab es alte, traditionelle bzw. monarchistische Elite; konservative Nationalisten, die mit der sozialökonomischen Politik unzufrieden waren; im Ausland ausgebildete Technokraten, die dem Neoliberalismus huldigten; die religiöse Elite und die aufgrund der ökonomischen Verschlechterung der Lebensbedingungen sowie der mangelnden Artikulationsmöglichkeiten unzufriedenen, gut ausgebildeten, aber von Arbeitslosigkeit bedrohten oder betroffenen „kleinen Leute“.
Die Aufstände in Tunesien und Ägypten ermutigten die unzufriedenen, arbeits- und perspektivlosen, vor allem jugendlichen Massen, gegen die Regierung auf die Straße zu gehen. Von deren Demonstrationen haben wir hier wenig mitbekommen. Sie wurden rasch überschattet und verunmöglicht durch die militärische Eskalation, auf die die Opposition inner- und außerhalb der Regierung setzte.
Regime change
Am 18.2.2011 fand in Bengasi eine Demonstration zur Unterstützung eines inhaftierten Anwalts statt. Aus dieser entwickelte sich rasend schnell der bewaffnete Aufstand. Die Bourgeoisie im Osten betrachtete Gaddafi immer als „minderwertig“, sie akzeptiert niemand über sich selbst, schon gar nicht wenn dieser niemand aus einem unbedeutenden Stamm kommt.
Die Führung der Rebellen bestand zu einem Gutteil aus hochrangigen Ministern und Militärs, die sich vordergründig überraschend rasch auf die Seite der Aufständischen schlugen. Tatsächlich hatten sie bereits seit längerem an einem Umsturz gearbeitet und sich darauf sowohl ökonomisch als auch militärisch vorbereitet, d.h. ihre Kontakte zu westlichen Regierungen und Konzernen genutzt. Dazu gesellten sich Angehörige der traditionell herrschenden Kreise Libyens, nämlich die wichtigen Stammesführer im Osten des Landes, und islamische Kreise. Diese Mischung sorgt dafür, dass der tatsächliche Machtkampf, nämlich der innerhalb der siegreichen Rebellen, noch bevor steht.
Einen Vorgeschmack auf diese kommenden Auseinandersetzungen ebenso wie einen Einblick in die Zusammensetzung der „Rebellen“ lieferte die Ermordung von Abdel Fattah Younisam 28.7.2011. Younis war bereits am Putsch von Gaddafi 1969 beteiligt gewesen und von diesem im Februar 2011 nach Bengasi geschickt worden, um den Aufstand zu unterdrücken. Er wechselte offenbar rasch die Seiten und wurde schließlich als Oberkommandierender der Rebellenstreitkräfte gemeinsam mit zwei weiteren Offizieren erschossen. Zuerst hieß es, Younis sei verhaftet worden, später, er sei von Anhängern Gaddafis umgebracht worden. Danach wurden Mitglieder der islamistischen Brigade Obeidaibn Jarrah, die Teil der Rebellenarmee ist, für den Mordanschlag verantwortlich gemacht.
Der Großteil der „Rebellen“ war Teil des Systems, als Geschäftsleute, Professoren oder Minister. Mustafa Abdil Jalil, Sprecher der Rebellen, war bis zum 21.2.2011 Justizminister, drei Tage später behauptete er, Gaddafi persönlich habe den Anschlag von Lockerbie angeordent, und bereits am 27.2. war er Sprecher der „Übergangsregierung“. Abdel Rahman Shalgham, in den 90er Jahren Außenminister, zuletzt libyscher Botschafter bei den Vereinten Nationen, wechselte am 25.2. die Fronten und vertritt seit März in demselben Gremium die „Übergangsregierung“. Mahmoud Jibril, seit 23.3. Außenminister der „Übergangsregierung“, studierte in Ägypten und den USA, wo er danach strategische Planung unterrichtete. Seit 2007 leitete er das libysche National Economic Development Board (NEDB). Er trat in der libyschen Regierung für Privatisierungen und eine neoliberale Politik ein. Mahmoud Shammam arbeitete früher im Vorstand von Al Jazeera und sorgte für finanzielle Unterstützung der „Übergangsregierung“, in der er für Medienangelegenheiten zuständig ist, durch Katar.
Beim Wechsel von Regierungs- auf Rebellenseite „helfen“ inzwischen professionelle „Diktatoren-Stürzer“. Einer von ihnen, „Offizier im besten Alter“ und „Absolvent einer prestigeträchtigen Militärschule bei Paris“ berichtete über seine private Tätigkeit in Libyen. „Das Codewort lautet MICE. „M“ steht für money, „I“ für Ideologie, womit nichts anderes als „Überreden“ gemeint ist, „bei Sassi Garada, einem der letzten prominenten Überläufer in Tripolis, hat vielleicht auch der Umstand geholfen, dass dieser alte Weggefährte Gaddafis, zumal ein Berber, den Niedergang der libyschen Revolution schmerzlich erlebt hat.“ „C“ bedeutet constraint, Zwang, Nötigung, Erpressung, darunter „kidnapping von Angehörigen“, „die Drohung, kompromittierende Fotos in Umlauf zu bringen“ oder einfach „Vermögen zu sperren“. Das „E“ steht dann für ego: „Wir fragen sie: Willst du mit dem Regime untergehen, das dich erniedrigt hat?“2
Der Bürgerkrieg in Libyen richtet sich zu allererst gegen die LibyerInnen selbst. Ihre Interessen werden zukünftig noch weniger berücksichtigt werden als unter Gaddafi, denn die Auslieferung des Landes an westliche Konzerne wurde bereits fixiert und damit ist das Ende des Wohlfahrtsstaates besiegelt.
Mit der Einmischung in Libyen haben die westlichen Mächte aber auch den Massen in Tunesien, Ägypten und den anderen Staaten der Region gezeigt, wie ein Volksaufstand gebrochen werden kann: Indem er in einen gewalttätig vollzogenen Regimewechsel umgedreht wird. Der „friedliche Übergang“ in Ägypten und Tunesien soll zwar eine neue Führung, keinesfalls aber die Unabhängigkeit dieser Länder, und schon gar nicht unter der Kontrolle der Bevölkerung selbst bringen, die mit ihren Stadtteilkomitees bereits gefährlich weit gegangen ist.
Die imperialistische Einmischung in den libyschen Bürgerkrieg, ohne die die „Rebellen“ vermutlich keine Chance gehabt hätten, begründet die „internationale Staatengemeinschaft“ mit dem „Schutz der Zivilbevölkerung“. Ob nun die libysche Regierung, die Rebellen oder die NATO-Bomber mehr ZivilistInnen am Gewissen haben, darüber lässt sich vermutlich streiten.
Im Juli 2011 berichtete Human Rights Watch über Plünderungen, Brandstiftungen und Gewalt gegen Zivilisten der Rebellen bei ihrem Vormarsch nach Tripolis. Die amnesty international-Beauftragte Donatella Rovera, die sich von Ende Februar bis Ende Mai in von Rebellen kontrollierten Gebieten aufhielt, beschuldigte die Rebellen, Gerüchte über „afrikanische Söldner“ in Gadaffis Diensten zu verbreiten. „Es fand eine regelreche Jagd auf Migranten statt, manche wurden gelyncht, viele festgenommen.“ Zu den Vorwürfen von Hillary Clinton und Luis Moreno-Ocampos über Massenvergewaltigungen, die Gaddafi persönlich angeordnet hätte, meinte sie: „Bei unseren Ermittlungen vor Ort konnten wir allerdings weder in Ostlibyen noch in Misrate Hinweise auf Vergewaltigungen finden, wir haben kein einziges Opfer gefunden.“ Als Urheber dieser Gerüchte nannte sie den „Nationalen Übergangsrat“. Rovera hält jedenfalls fest, dass beide Seiten Menschenrechtsverletzungen begehen3, und die der dritten Seite, der NATO-Kampfbomber, stehen dabei in nichts nach.
Der Bürgerkrieg hat die Erwerbsmöglichkeit hunderttausender ArbeiterInnen zunichte gemacht. Ägyptische, türkische und andere ArbeitsmigrantInnen waren gezwungen, aus dem Land zu fliehen. Afrikanische MigrantInnen wurden von den „Rebellen“ unter dem Vorwand, sie seien Söldner des Regimes (tatsächlich handelte es sich in der Regel um ArbeiterInnen), gelyncht und ihre Fluchtmöglichkeiten nach Europa noch weiter eingeschränkt.
Afrika
Für Afrika beendet der Regimewechsel in Libyen vorerst die zaghaften Versuche der afrikanischen Länder, sich mehr Spielraum zu verschaffen. Eine ähnliche Bedeutung hatte der Sturz von Präsident Gbagbo in Côte d’Ivoire, mit dem Frankreich deutlich machte, dass es auf seinen Einfluß in seinen ehemaligen Kolonien nicht verzichten wird. Schließlich richtet sich dieser Bürgerkrieg auch gegen China, dessen Einfluss in Afrika von den EU und USA heftig bekämpft wird.
Die von Herrn Obama eingefrorenen US$ 30 Milliarden gehören der libyschen Zentralbank und waren vorgesehen als der libysche Beitrag zu drei Schlüsselprojekten, die die Bildung der afrikanischen Föderation vervollkommnen sollten – die Afrikanische Investmentbank in Syrte in Libyen, die Einrichtung des Afrikanischen Währungsfonds 2011 in Yaounde mit einem Kapital von US$ 42 Milliarden und der Afrikanischen Zentralbank in Abuja in Nigeria, die, wenn sie mit der Herausgabe von afrikanischem Geld beginnt, die Sterbeglocke für den CFA-Franc läuten wird, durch den Paris in der Lage war, seinenZugriff auf einige afrikanische Länder in den letzten 50 Jahren zu behalten. Es ist leicht, die Wut Frankreichs gegen Gaddafi zu begreifen.
Vom Afrikanischen Währungsfonds wird erwartet, dass er die Aktivitäten des Internationalen Währungsfonds in Afrika zur Gänze ersetzt, der mit nur US$ 25 Milliarden in der Lage war, einen ganzen Kontinent auf die Knie zu bringen und ihn zu zwingen, fragwürdige Privatisierungen zu schlucken und afrikanische Länder zu zwingen, öffentliche Einrichtungen an private Monopole zu übertragen. Kein Wunder, dass am 16./17. Dezember 2010 die Afrikaner einhellig Versuche von Ländern des Westens zurückwiesen, Mitglieder beim Afrikanischen Währungsfonds zu werden und sagten, dieser stehe nur afrikanischen Ländern offen.
Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die westliche Koalition nach Libyen gegen Algerien losgehen wird, da dieses Land abgesehen von seinen großen Energieressourcen über Geldreserven von rund  150 Milliarden verfügt. Das ist es, was die Länder lockt, die Libyen bombardieren, und die allesamt eines gemeinsam haben – sie sind praktisch pleite. Die Vereinigten Staaten von Amerika allein haben Schulden in der atemberaubenden Höhe von US$ 14.000 Milliarden, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien haben je rund US$ 2.000 Milliarden Budgetdefizit, im Vergleich zu weniger als US$ 400 Milliarden an öffentlichen Schulden aller 46 afrikanischen Staaten zusammen genommen.
Die Entfachung unberechtigter Kriege in Afrika in der Hoffnung, dadurch ihre Wirtschaften zu revitalisieren, die immer weiter in die Flaute sinken, wird letztlich den Niedergang des Westens beschleunigen, der eigentlich schon 1884 während der berüchtigten Berliner Konferenz begann. Der Wirtschaftswissenschaftler Adam Smith sagte: „die Wirtschaft eines Landes, die auf der Versklavung von Schwarzen beruht, ist zum Absturz in die Hölle an dem Tag bestimmt, an dem alle anderen Länder aufwachen.“
Anmerkungen
1http://www.pambazuka.org
2http://derstandard.at/1304554495253/Willst-du-mit-dem-Regime-untergehen
3http://derstandard.at/1308680482845/Es-fand-eine-regelrechte-Jagd-auf-Migranten-statt
4http://www.pambazuka.org