Die Industrialisierung der Denkarbeit, Teil III Materialien zur Veranstaltung der subversiven Kantine vom 27.3.2008 im EKH, Wien

Digitale Drecksarbeit

Jedes Jahr werden ca. 300 Millionen PCs und ca. 1,2 Milliarden Handys erzeugt, und ca. 200 Millionen PCs und 300 Millionen Handys weggeworfen. Entgegen allen Gerüchten über die Immaterialiseriung der kapitalistischen Produktion verschlingt dieser Prozess riesige Rohstoffmengen, und die Arbeitsbedingungen in der Produktion und Entsorgung sind katastrophal.

Die Einzelteile für die digitalen Maschinen werden in einem globalen arbeitsteiligen Prozess hergestellt. Diese in Neusprech so gennannte „globale Wertschöpfungskette“ ist streng hierarchisch aufgebaut. An der obersten Spitze der Hierarchie thronen die bekannten Markenkonzerne wie IBM, Nokia, Apple und Co, die den meisten Profit einstreifen. Die nächste Stufe bilden die Kontraktfertiger. Das sind Konzerne, die digitale Maschinen auf Bestellung für die Markenkonzerne fertigen. Um diese Kontraktfertiger besteht ein Netz von High-Tech-Sweatshops, in denen die arbeitsintensive Einzelproduktion sowie die Endmontage stattfinden.

Wie es sich für ein imperialistisches Gebilde wie die derzeitige Weltökonomie gehört, ist diese „Wertschöpfungskette“ entlang der imperialen Hackordnung aufgeteilt. Die Markenkonzerne residieren in den Metropolen USA, EU und Japan, mit einigen Inseln in Korea und Taiwan, die Sweatshops in den sich seit ewigen Zeiten auf der Schwelle befindlichen Ländern wie China, Mexiko, Singapur und anderen asiatischen Kleinstaaten. Die Rohstoffe kommen, wie seit 500 Jahren, aus den „Entwicklungsländer“ genannten Kolonien. Nicht nur aus dem traditionellen Bergbau, denn ist die digitale Maschine verbraucht, weil zu alt oder unmodern, wird sie als Elektronikschrott (EU: 10 kg pro Einwohner/Jahr) in die Kolonien verfrachtet, unter katastrophalen Bedingungen „recycelt“, um erneut als Rohstoff in die „Kette“ einzugehen.

Was ist ein Computer?

Die gemeinsamen Bestandteile aller digitalen Maschinen sind Prozessor, Hauptspeicher, Platine sowie die Stromversorgung. Der Prozessor ist das zentrale Rechenwerk, in dem die digitalen Signale verarbeitet werden. Dieses Rechenwerk besteht aus einigen Millionen elektronischer Schalter, so genannte Transistoren, die sich auf einem Chip aus Halbleiter-Material befinden. Derzeit (2008) hat ein gängiger PC-Prozessor etwa 600 Millionen Transistoren auf einer Fläche von ca. 1 cm². Die Geschwindigkeit, mit der das Rechenwerk schaltet, beträgt derzeit etwa 800 Millionen bis 3 Milliarden Schaltvorgänge pro Sekunde.

Diese große Menge an Schaltern auf kleinstem Raum sowie die hohe Anzahl an Schaltvorgängen erfordert, dass die in der Fertigung zum Einsatz kommenden Materialien in höchster Reinheit vorliegen. Die Leitungen auf den Chips haben eine Breite von ca. 30 90 Milliardstel Millimeter (30 90 Nano-Meter). Das bedeutet in der Fertigungspraxis, dass bereits 5 6 Moleküle, die sich am falschen Platz befinden, einen Chip unbrauchbar machen.

Die Leistungsaufnahme eines PC-Prozessors beträgt derzeit zwischen 30 und 90 W. Das bedeutet, dass elektrischer Strom in der Größenordnung des Verbrauchs einer Glühbirne auf einer Fläche von 1 cm² großteils in Wärme umgewandelt wird. Diese Hitze muss abgeführt werden. Die für das Kühlsystem benötigten Materialien betragen ein Vielfaches dessen, was der Prozessor benötigt.

Ein- und Ausgabegeräte wie Bildschirm, Tastatur, Maus etc. benötigen zu ihrer Ansteuerung weitere digitale Bauteile, die zumeist ebenfalls als Halbleiter-Chip vorliegen. Ein durchschnittlicher PC enthält neben dem Prozessor etwa 10 bis 20 weitere, spezialisierte Halbleiter-Chips.

All diese Bauteile werden auf einer Platine montiert. Die Platine ist eine Platte aus Kunststoff, auf der sich einerseits die Kupfer-Leitungen, die die einzelnen Bauteile verbinden, befinden, und weiters die Bauteile selbst aufgelötet werden.

Bei der Betrachtung einer Platine fallen weiters zahlreiche dosenförmige Bauteile auf. Das sind Kondensatoren, die zur Zwischenspeicherung und Regulierung von Strom dienen.

Jede digitale Maschine benötigt Strom. Bei PCs erfolgt die Stromversorgung aus der Steckdose, die Wechselstrom von 200V liefert. Jedoch funktionieren alle Bauteile einer digitalen Maschine mit Gleichstrom, und mit unterschiedlichsten Spannungen im Bereich von 1,5 bis 12 V. Ein Netzteil sorgt für die Umwandlung sowohl von Wechsel- auf Gleichstrom sowie auf die benötigten Spannungen. Ein Netzteil besteht aus mehreren großen Transistoren, die auf hohe Spannungen und Stromstärken ausgelegt sind, mehreren Kupfer-Spulen sowie weiteren Kondensatoren.

Es zeigt sich schon bei oberflächlicher Betrachtung, dass von „Miniaturisierung = Dematerialisierung“ nicht viel übrig bleibt. Je kleiner die Chips, die Leiterbahnen auf den Chips und die Anzahl der Transistoren, desto höher der Aufwand, damit sie überhaupt betrieben werden können. Und, wie weiter unten gezeigt werden wird, desto höher der Aufwand bei der Produktion.

Geräte und Zahlen

In den letzten 20 Jahren haben sich neben dem PC verschiedenste digitale Maschinentypen als Massenware etabliert. Es ist schwer, genaue Produktions- bzw. Verkaufszahlen herauszufinden, da Studien dazu ausschließlich von kommerziellen Marktforschungsfirmen existieren, die diese Studien für teures Geld verkaufen. Die unten angeführten Zahlen sind daher als grobe Richtlinie zu interpretieren.

Personal-Computer wurden 2007 ca. 270 Millionen Stück verkauft, 60% davon Ersatz für alte PCs. Ein PC besteht zusätzlich zu den oben kurz vorgestellten Bauteilen aus Grafikkarte, Festplatte, CD/DVD-Laufwerk, Tastatur und Maus.

Jeder PC benötigt einen Bildschirm, entweder eine Röhrengerät oder einen Flüssigkristall-Schirm (TFT-Schirm, „Flachbildschirm“).

Zum Betrieb von vernetzten Computer-Systemen braucht es unter anderem zentrale Computer, die Daten für diese Netze verarbeiten und bereitstellen. Diese Computer werden Server genannt, 2007 wurden davon 30 40 Millionen Stück verkauft.

Handys sind Computer, die zusätzlich zu Prozessor, Hauptspeicher und Bildschirm weitere Chips, die Sprache in digitale Signale umwandeln sowie einen Funk-Sender und Empfänger enthalten. Als Stromquelle ist ein Akku eingebaut, um diesen zu laden, braucht es ein Ladegerät. 2007 wurden 1,14 Milliarden Handys verkauft 1 .

Digitale Foto- und Filmkameras haben neben Prozessor und Hauptspeicher einen lichtempfindlichen Halbleiterchip sowie Akku, Ladegerät und Controller für Speicherkarten. 2006 wurden 106 Millionen Digitalkameras weltweit verkauft 2 .

Weitere massenhaft hergestellte digitale Maschinen: MP3-Player (2007): 210 Millionen 3 , DVD-Player (2006): 140 Millionen 4 , Spielkonsolen (2006): 93 Millionen 5 , Digitale Fernseher (2007): 80 Millionen 6 ohne Zusatzgeräte (Wandler-Boxen für Pay-TV, Satelliten-Receiver), GPS (2007): 39 Millionen 7 (soll sich bis 2011 auf 900 Millionen steigern).

Daneben werden Computer in verschiedenste Geräte eingebaut, von der Liftsteuerung über Autos, Waschmaschinen, Kopierer, Modems etc. etc. Dieser Gerätetypus wird als Embedded Devices bezeichnet. All die Zahlen einzeln heraufzufinden ist nahezu unmöglich. Es ist jedoch so, dass die meisten dieser Steuerungen auf einigen wenigen Prozessor-Typen basieren. 75% dieser Embedded Devices verwenden ARM-Prozessoren, und die Firma ARM erhält für jeden produzierten Prozessor eine Lizenzgebühr. 2006 erhielt ARM Lizenzgebühren für 2,4 Milliarden Prozessoren 8 , wodurch sich die Gesamtzahl an Prozessoren für Embedded Devices auf ca. 3,2 Milliarden Stück hochrechnen lässt.

Insgesamt dürfte die digitale Industrie pro Jahr, konservativ geschätzt, etwa 4 Milliarden Geräte erzeugen.

Verwendete Materialien

Die Herstellung von Computern ist sehr materialintensiv. Ein PC braucht mehr als 240 kg fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle, 22 kg an chemischen Produkten und 1.500 Liter an Wasser nur bei der Fertigung der Einzelbausteine, ohne Rohstoffgewinnung. 9

Es existiert keine Verbrauchsrechnung über die gesamte Fertigungskette. Die Fertigungskette eines PCs besteht aus Rohstoffgewinnung (Rohöl, Metall-Erze, Quarzsand), Raffinierung der Rohstoffe (Metalle, Silizium, Rohplastik, Glas), Herstellung der Einzelbausteine (Mikrochips, Platinen, Kabel, Steckverbindungen, Schrauben, Katalysatoren, Spulen, Batteriezellen, Elektromotoren etc), Montage der Einzelkomponenten (Hauptplatine, Netzwerkkarte, Grafikkarte, Festplatte, CD/DVD-Laufwerk, Tastatur, Netzteil, Maus, Kühlung, Bildschirm), der Endmontage der Einzelkomponenten und dem Vertrieb.

Full Metal PC

Etwa die Hälfte der in einem durchschnittlichen PC verwendeten Rohstoffe sind Metalle. Dazu gehören Kupfer, Aluminium, Blei, Gold, Zink, Nickel, Zinn, Silber und Eisen sowie Platin, Palladium, Quecksilber und Kobalt. Hinzu kommen die chemischen Elemente Antimon, Arsen, Barium, Beryllium, Kadmium, Chrom, Selen und Gallium.

Einige werden direkt als Bauteile verwendet, andere dienen der Herstellung von Komponenten wie Batterien, Chips oder Leiterplatten. 10

Mengenmäßig sind Aluminium, Eisen, Kupfer, Nickel und Zink sowie Blei die häufigsten Metalle. Essentiell, aber nur in sehr geringen Mengen verwendet werden: Beryllium, Europium, Indium, Tantal, Gold, die Platinmetalle. Weiters Gallium, Germanium, Rubidium, Scandium, Yttrium und die seltenen Erden für die Glasfaser- und die Lasertechnologie. Diese werden sowohl für CD/DVD-Geräte als auch in der Opto-Elektronik zum Betrieb von Glasfasernetzen (Internet-Infrastruktur) verwendet. Weiters die Leuchtstoffe in Bildröhren (Europiumoxid), die Glasbildner (Barium-, Blei-, Bor-, Aluminium-, Calcium- oder Kaliumoxid), die Dotierungsmetalle für Halbleiter (Lanthaniden, Arsen, Antimon, Germanium, Gallium und Indium). 11

Für die Herstellung von digitalen Maschinen werden 10% der weltweiten Goldproduktion und 15% der Silberproduktion verbraucht. Nur 2 3% der Produktion von Silizium wird für Elektronik verbraucht, das meiste Silizium verwendet die Metall- und Chemie-Industrie.

In vielen Ländern gehört der Bergbau zu den in der Praxis kaum regulierten Industrien. Sofern nationale Gesetze bestehen, werden diese häufig unterlaufen, Schmiergeldzahlungen gehören zum Alltag. Die Regierungen tolerieren die Gesetzesbrüche oft aufgrund wirtschaftlicher Interessen der Staatsbeamten im Rohstoffsektor oder der Konkurrenz um ausländische Investoren.

Der Bergbau verbraucht große Mengen an Wasser, das für die Landwirtschaft, die Viehzucht und die Trinkwasserversorgung von ländlichen und städtischen Gebieten benötigt wird. 12

Der Bergbau ist hoch monopolisiert. Einige wenige multinationale Konzerne teilen sich den Markt. So haben BHP, Rio Tinto, CVRD 70% des Marktes für Eisenerz in der Hand 13 .

Rio Tinto , 1873 gegründet, in britischem (70%) und australischem Besitz. Rio Tinto ist der zweitgrößte Eisenerzproduzent der Welt. Weitere Geschäftsfelder: Kohle, Uran, Titan, Salz, Bauxit, Kupfer, Gold und Diamanten (30% der Weltproduktion). Umsatz: 31 Mrd. US$ 14

Anglo American , Sitz in London und Johannesburg. 1917 zur Ausbeutung der südafrikanischen Goldminen gegründet, übernimmt 1924 De Beers, den größten Diamant-Produzenten der Welt. Durch die Gründung der Mondi Group im Jahre 1967 wurde Anglo American zu einem der größten Lieferanten für Papier und Packmittel in Europa. 38% der Weltproduktion von Platin. Umsatz: 31 Mrd. US$ 15

Die Compania Vale do Rio (CVRD) mit Sitz in Rio de Janeiro ist das zweitgrößte Bergbauunternehmen der Welt. 1942 als Staatsbetrieb gegründet, 2002 privatisiert. 35% des Eisenerzes weltweit werden von Vale produziert. Daneben fördert Vale auch Kupfer, Platin, Gold, Silber, Kohle und Bauxit (Aluminium-Rohstoff). Weiters betreibt das Unternehmen sieben Wasserkraftwerke, außerdem drei Eisenbahnlinien und acht Hafenterminals, weswegen Vale auch zu einem der führenden Logistikunternehmen Brasilien zählt. 16

BHP Billiton entstand durch die Fusion des britischen Billiton (40%) und des australischen BHP (Broken Hill Proprietary Company) (60%) im Jahr 2001. Produziert Eisen, Diamanten, Kohle, Erdöl, Bauxit, Kupfer, Nickel und Uran. Umsatz: 29 Mrd US$. 17

Kupfer

Ein PC kann über 2 kg Kupfer enthalten. Als exzellenter Leiter wird Kupfer u.a. in Halbleitern, Platinen und Kabeln verwendet.

Kupfer ist weltweit einer der wichtigsten metallischen Rohstoffe. Der Bedarf übersteigt die Primärproduktion und wird zusätzlich durch Vorräte und Sekundärproduktion, d.h. Recycling, gedeckt. 18

Die weltweit größten Vorkommen gibt es in Chile (Chuquicamata), den USA, Russland, Sambia (Copperbelt: Grenzland zu Kongo), Kanada und Peru. 19

Die größte Kupfermine befindet sich in Chuquicamata, Chile. Der Tagebau ist ungefähr 4.300 m lang und 3.000 m breit und 850 Meter tief. Es ist das größte von Menschen erzeugte Loch. Rund 22.000 Arbeiter sind in der Mine beschäftigt. Die Mine wird bald das Stadtgebiet Chuquicamatas erreichen. Die Bewohner werden derzeit umgesiedelt, das Stadtgebiet wird dann mit Abraum zugeschüttet. 20

Die Arbeitsbedingungen in den Kupferminen sind häufig durch Rechtlosigkeit, lange Arbeitstage und fehlende Gesundheitsvorkehrungen geprägt. Arbeitsunfälle und Gesundheitsschäden sind die Konsequenzen.

Der Abbau von Kupfer führt weltweit zu lokalen Konflikten, da durch den Bergbau häufig der lokalen Bevölkerung ihre Lebensgrundlage entzogen wird. Zum Teil sind die dabei entstehenden Schäden so weit reichend, dass ganze Gemeinden in Existenznöte geraten.

Beispiele dafür sind Pascua Lama, Chile, im andischen Grenzgebiet. Um große Gold-, Silber- und Kupfervorkommen im Tagebau abbauen zu können, sollten drei Gletscher verschoben werden. Obwohl der Vertrag von Juristen als verfassungswidrig bezeichnet wurde, gab die chilenische Umweltbehörde 2006 dem Projekt ihren Segen. Sie untersagte aber den Abbau der Gletscher. Die Barrick Coorporation plant dennoch, gegen Ende 2007 mit dem Abbau zu beginnen. 21

Panguna, Papua Neuginea: Die Verschmutzung durch die bei der Bearbeitung der Kupfererze entstehenden sauren Abwässer hat auf der Pazifikinsel Bougainville zu einem Bürgerkrieg in den Jahren 1989 bis 1998 geführt, seither Waffenstillstand. Er kostete in diesen neun Jahren etwa 20.000 Menschen das Leben bei einer Einwohnerschaft von knapp 200.000. 22

Tantal (Koltan)

Tantal ist ein extrem hitze- und säureresistentes Metall. 60% des Tantalverbrauchs werden für Kondensatoren in Computern, Handys und Digitalkameras verwendet. Der Vorteil von Tantal-Kondensatoren sind geringe Größe, lange Lebensdauer und geringer Stromverbrauch.

Koltan (Kolombo-Tantalit) ist die Bezeichnung für das Erz, aus dem Tantal gewonnen wird.

Eines der wichtigsten Abbaugebiete für Koltan ist die Grenzregion Kongo-Ruanda. Dort finanzierten sich während des Kongo-Krieges alle lokalen Kriegsparteien über den Koltan-Export via Ruanda und Uganda. Multinationale Unternehmen waren an der Förderung des Rohstoffs und damit an der Finanzierung der Bürgerkriegsparteien aktiv beteiligt. Die Zahl der Todesopfer während des Konflikts in der DRK zwischen 1998 2004 wird auf 3,9 Millionen geschätzt. 23

Die deutsche Firma Starck (im Besitz von Advent International und Carlyle Group) ist der bedeutendste Tantalhersteller der Welt. Das Unternehmen hat sich bei den Vereinten Nationen (UN) erfolgreich gegen einen kritischen Bericht, der sich mit ihrer Rolle in der DR Kongo befasste, gewehrt. 24

Im September 2006 bildet Heinz Albers zusammen mit dem Geschäftsführer der österreichischen Firma Treibacher Industrie AG, Dr. Reinhard Iro ein Joint Venture, die Firma „Niobium Resources B.V.“. Albers ist ein deutscher Rohstoffhändler, der wegen Völkermordes angeklagt ist und einige Jahre dafür im Kongo inhaftiert war. Er streitet seit Jahren mit Treibacher um den Besitz einer Tantal-Mine im Kongo, die kongolesische Regierung sprach die Schürfrechte Treibacher zu. 25

Gold

In Elektronikbauteilen wird das hochleitende, korrosionsbeständige Gold u. a. für die galvanische Beschichtung von Kontakten, als Bonddraht zum Anschluss integrierter Schaltkreise oder Leuchtdioden (LEDs) und zur Aufbringung dünnster Metallschichten auf Basisträger verwendet.

Ein einzelner PC enthält zwar nur wenige Gramm Gold, die Elektronikbranche ist aber mit etwa 10% der weltweiten Jahresproduktion derzeit der größte industrielle Goldabnehmer.

Der Abbau von Gold erfolgt in großflächigen Tagebau-Minen. Hochtoxische Stoffe werden bei der Herauslösung des Goldes aus dem Gestein eingesetzt. Bei der Amalgamierung wird goldhaltiges Gestein zermahlen, mit Wasser und Quecksilber vermischt und dann durch Destillieren des Quecksilbers circa zwei Drittel des Goldgehalts gewonnen. Der Rest wird in einem Laugungsverfahren unter Einsatz von Zyanid herausgelöst. Nach dieser Laugung bleiben hochgiftige Schlacken zurück, die oft Grundwasser und Flüsse auf Dauer verschmutzen. 26

Das meiste Gold kommt derzeit aus Südafrika, gefolgt von den USA, Australien, der Russischen Föderation, Peru und China.

Blei

Bis zu 3 1/2 Kilo Blei können in einem Monitor und der Hauptplatine enthalten sein. 27

Blei verursacht Funktionsstörungen des Nervensystems (Bleienzephalopathie, Bleilähmung), des peripheren Kreislaufs (Bleikolorit, Gangrän), des Skeletts (Gelenkschmerzen, Bleigicht, Bleiosteosklerose), des Verdauungstraktes (Bleisaum, Bleikolik) der Nieren (Bleischrumpfniere), des Gehörs (Taubheit) sowie Zeugungsunfähigkeit und Erblindung. 28

Die größten Blei-Vorkommen sind in Australien, China, USA, Peru und Mexiko.

PVC

Mehr als 5 Kilogramm eines durchschnittlichen Computers bestehen aus Kunststoffen, den größten Anteil daran hat mit 26% PVC (Poly-Vinyl-Chlorid), das v. a. in den Kabeln und dem Gehäuse verwendet wird. 29 PVC entfaltet seine schädigende Wirkung vor allem, wenn es verbrannt wird und dabei Dioxin freisetzt.

Wafer und Microchips

Wafer sind die Grundlage für Micro-Chips und damit für Prozessor, Hauptspeicher und sonstige Controller. Wafer sind Scheiben aus hochreinem Silizium, derzeit etwa 15 cm im Durchmesser. Die Scheibenform ergibt sich daraus, dass hochreines Silizium „gezogen“ wird. Dabei lagert sich Silizium kreisförmig um einen Kern an. Das Produkt ist ein runder Siliziumblock, der dann in die Scheiben geschnitten wird.

Die Waferscheiben sind das Ausgangsmaterial, um in so genannten Reinsträumen (Clean Rooms) der Halbleiterfabriken Mikrochips herzustellen. Auf die Scheiben werden in einem fotochemischen Prozess die Chips aufgeätzt. Nach diversen Fixierungs- und Reinigungsdurchgängen wird der Wafer in die einzelnen Mikrochips zerschnitten.

Halbleiterfabriken haben den Charakter einer chemischen Fabrik. Hochtoxische Elemente wie Arsen oder Phosphor werden in diesen Räumen verwendet, um die Eigenschaften halbleitender Materialien zu verändern. Lösungsmittel werden auf die Silizium-Wafer gesprüht, um Verunreinigungen zu entfernen. 30

Die Reinsträume haben einen sehr geringen Anteil an in der Luft schwebenden Partikeln. Das hat aber seinen Grund einzig und allein in der Empfindlichkeit des erzeugten Produkts. Wie oben bereits erwähnt, genügen bereits 3 bis 4 Moleküle irgendeines Materials, um die winzigen Strukturen eines Chips zu zerstören. Ein Staubkorn hätte die gleiche Auswirkung, als würde ein LKW auf eine Maus geschleudert werden. Wenn die Bilder von Chipfabriken mit all den ArbeiterInnen mit Mund-, Augen-, Haar- und sonstigem Schutz also besonderen ArbeitnehmerInnenschutz suggerieren, ist dieser Eindruck falsch. Die Luft ist voller für den Menschen hochgiftiger Chemikalien.

Neben den Auswirkungen auf die Gesundheit verschlingen Chipfabriken gigantische Energie- und Wassermengen.

So erhalten z.B. die zwei Dresdner Chipfabriken, die Prozessoren für AMD produzieren, den Strom von eigenen, benachbarten 30-Megawatt-Kraftwerken 31 . Zum Vergleich: das Kraftwerk Kaprun hat 220 Megawatt, die Staustufe Wien 172 Megawatt.

Für die Säuberung der Siliziumwafer wird technisch aufbereitetes Reinstwasser benötigt. Die zentrale Ressource Wasser gilt schon länger als „Flaschenhals“ in der Halbleiterproduktion. Noch 2002 ergab eine Umfrage der Semiconductor Industry Association (SIA) einen durchschnittlichen Verbrauch von 175.000 MWh sowie 1,6 Milliarden Liter Wasser pro Jahr und Fabrik.

Für die Produktion von Microchips auf einem 6-Zoll-Wafer (= 15,24cm) werden 975 m³ ungefährliche Gase (zb Stickstoff, Sauerstoff), 6,7 m³ gefährliche Gase, 10.500 Liter deionisiertes Wasser, 9 kg Chemikalien und 285 kw/h Strom gebraucht. 32

Ein Beispiel für die Folgen: Im Hsinchu Science-Based Industrial Park (HSIP), Taiwan, hatten sich bis 2003 knapp 350 Firmen mit insgesamt fast 100.000 Beschäftigten angesiedelt. Während der wirtschaftliche Erfolg groß war, waren die Folgen für Umwelt und Gesundheit fatal. Nachdem seit 1995 durch Trockenperioden mehrfach Engpässe im HSIP entstanden, entschloss sich die Regierung 2002 zu Notmaßnahmen, um dem Hochtechnologiepark zusätzliches Wasser zur Verfügung zu stellen. Während der Trockenperiode lagen ca. 15.000 Hektar Agrarland in der Hsin-chu-Region brach, dennoch erteilte die Regierung den Konzernen Ausnahmegenehmigungen. Statt Reis sollten Chips produziert werden. Zudem plante die Regierung, weil Wasser ein entscheidender Standortfaktor für die Industrie ist, zusätzliche Wasserlieferungen aus dem Ausland und große Infrastrukturprojekte wie Staudämme und Entsalzungsanlagen. 33

Der chemische Cocktail der digitalen Produktion

TCE: eines der übelsten giftigen Chemikalien ist Trichlorethylen (TCE), das zum Reinigen der Halbleiter verwendet wird. TCE hemmt die Hormonproduktion und gilt als krebserregend. Es ist stark narkotisierend, das Einatmen führt zu Müdigkeit. Akute Vergiftungen (Trisucht) führen zu Hirnschäden, Erblindung und zur Aufhebung der Geruchs- und Geschmacksempfindung. 34

Kadmium wird in Widerständen in Chips, Halbleitern und ihren Kunststoffstabilisatoren sowie Röhrenbildschirmen verwendet. Viele Laptops sind mit aufladbaren Kadmium-Ni-ckel-Batterien ausgestattet. Kadmium kann irreversible Gesundheitsschäden hinterlassen und ist Krebs erzeugend. Auch kann es zu Nierenschäden und einer Veränderung der Knochenstruktur führen. 35

Barium wird in der obersten Schicht der Bildschirmröhre verwendet, um die Nutzer vor Strahlung zu schützen. Schon kurzer Kontakt mit Barium kann Schwellungen des Hirns, Muskelschwäche sowie Schäden an Herz, Leber und Milz bewirken. Auch kann es zu Bluthochdruck kommen. 36

Bromierter Flammschutz wird in den Kunststoffkomponenten im Inneren und Äußeren des Computers verwendet. Es wird angenommen, dass BFS eine Veränderung des Hormonhaushaltes bewirkt. So verlangsamt er wahrscheinlich das Wachstum und die sexuelle Entwicklung. Auch kann er zu Unfruchtbarkeit führen. 37

Beryllium: als leichter und extrem guter Leiter wird Beryllium meist auf der Hauptplatine und in Verbindung mit Kupfer verwendet, um Kontakte und kleine Stecker zu verstärken. Be-rührungen mit dem Stoff treten im Produktionsprozess sowie bei der Bearbeitung von Elektronikschrott auf. Der Stoff ist krebserregend (v.a. Lungenkrebs) und löst zahlreiche Hautkrankheiten aus. 38

Quecksilber wird in Relais, Schaltern auf der Hauptplatine, in Batterien und Flachbild-schirmen verwendet. Quecksilber verbreitet sich besonders schnell, wenn es ins Wasser und von dort über Nahrung und Trinkwasser in den menschlichen Organismus gelangt. Es schädigt das zentrale Nervensystem und die Nieren. 39

Hexavalentes Chrom: der Stoff verhindert die Zersetzung unbehandelter und galvanisierter Stahlplatten. Er wird einfach durch die Zellwände aufgenommen und kann irreversible Schäden in der Erbmasse DNA hinterlassen. Außerdem kann es starke allergische Reaktionen her-vorrufen, die sich durch Atemnot und Erstickungsgefahr äußern. 40

Gesunde, saubere Arbeitsplätze?

Die gesundheitlichen Folgen der Arbeitsbedingungen in der digitalen Industrie sind meist erst nach Jahrzehnten sichtbar. Erfahrungen aus den früheren Produktionsstandorten von IBM und anderen US-Konzernen kommen erst seit einigen Jahren ans Tageslicht.

Nach einer Studie aus dem Jahr 2003 im Zusammenhang mit Klagen von ehemaligen Mitarbeitern gegen IBM waren die Angestellten von IBM in der Herstellung einem erhöhten Krebserkrankungs- und Krebssterberisiko ausgesetzt. Bestimmte Krebsarten und andere Todesursachen wie Parkinson, Herzerkrankungen oder Multiple Sklerose waren bei Männern und Frauen deutlich erhöht. Bei den Männern lag das erhöhte Sterblichkeitsrisiko im Vergleich zur Gesamtbevölkerung vor allem bei Gehirn-, Leber-, Hoden- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, bei den Frauen vor allem bei Brustkrebs und Krebs in Lymphen und im Blut. Die Sterblichkeit war vor allem bei den Angestellten deutlich über dem Durchschnitt, die mehr als 30 Tage in der Fertigung tätig und dort chemischen Substanzen ausgesetzt waren.

IBM hatte zunächst die von Anwälten der Kläger geforderte Herausgabe der Informationen über die Todesfälle von über 30.000 ehemaligen Mitarbeitern in der Zeit von 1969 bis 2001 verweigert, weil sie angeblich keine Aufschlüsse liefern würden. Nach einer Gerichtsanordnung musste der Konzern die Daten übergeben. Das Gericht ließ dann jedoch die von Richard Clapp und seiner Kollegin Rebecca Johnson erarbeitete Studie nicht als Beweismittel zu, weil es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Krebserkrankung und der Aussetzung an bestimmte Chemikalien, Metalle oder elektromagnetische Felder gäbe.

Die Studie sollte in der Folge in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht werden. IBM drohte zunächst mit einer Klage, weil die Daten nur für das Gerichtsverfahren verwendet werden dürften. Nachdem dies scheiterte, weil die Studie ja bereits als Teil des Gerichtsverfahrens veröffentlicht war, versuchte IBM, die Studie als unwissenschaftlich darzustellen. Der Verlag verweigerte daraufhin die Veröffentlichung. Andere Autoren des Verlags verlangten die Veröffentlichung und zogen ohne Erfolg ihre Beiträge zurück. Die Studie wurde schließlich nach zwei Jahren in der Zeitschrift Environmental Health veröffentlicht. 41

Die gesundheitlichen Folgen der digitalen Produktion betreffen aber nicht nur die direkt in den Chip-Fabriken Beschäftigten. So haben IBM und andere in den 80er und 90er-Jahren einige Millionen Liter verschiedenster Chemikalien, darunter TCE (Trichlorethylen), Tetrachlorethylen, Trichlorethan, Benzene und Trichlortrifluorethane zunächst in unterirdischen Tanks gelagert. 42 Diese Tanks wurden aber nicht mehr gewartet, sodass sie undicht wurden und die Chemikalien in das Grundwasser gelangten. Insbesondere TCE verdichtet sich im Grundwasser zu Gas-Blasen, die dann plötzlich aus der Wasserleitung strömen. Einwohner aus Endicott, bis zur Stilllegung im Zuge der Auslagerung 2002 einer der Produktionsstandorte von IBM, berichten, dass zeitweise die Keller und das Erdgeschoss ihrer Häuser von TCE-Gas-Blasen heimgesucht werden und die Häuser über Tage und Wochen unbewohnbar sind. Es ist vollkommen unklar, wie viele dieser Tanks in den USA noch existieren und in welchem Zustand sie sind. 43

Über die Folgen in den derzeitigen Produktionszentren der digitalen Industrie ist leider wenig bekannt. Einige Beispiele:

In Taiwan starben über 200 Beschäftigte des US-Chip-Herstellers RCA zwischen 1992 und 1996 an Krebs. Die Konzentration krebserregender Stoffe im Grundwasser war noch im Jahr 2000 sehr hoch. Nachforschungen zu den hohen Krebsraten wurden zudem dadurch erschwert, dass RCA alle Daten der ehemals in der Fabrik Beschäftigten in die USA transferiert hatte. 44

In Thailand starben 1990/1991 vier Arbeiter einer Fabrik von Seagate, die Diskettenlaufwerke produziert. Bei weiteren 200 Arbeitern wurde eine Bleivergiftung festgestellt. 45

Die taiwanesische Stadt Kaoshiung City blieb im Jahr 2000 aufgrund illegaler Verschmutzung des Wassers durch die High Tech-Industrie für zwei Tage von der Trinkwasserversorgung ausgeschlossen. 46

2003 kommt es in drei chinesischen Fabriken des multinationalen Unternehmens Gold Peak Industrial Holding Company (GP) zur Vergiftung von 400 ArbeiterInnen mit Cadmium. Für mindestens acht ArbeiterInnen liegen offizielle Diagnosen über ihre Cadmiumvergiftung vor. GP produziert Batterien, u. a. auch für Laptop-Akkus. 47§

Globale Produktion und neue Arbeitsregimes

Im Laufe der 1990er Jahre begann die Umstrukturierung der Produktion digitaler Maschinen. Die Markenunternehmen versuchten sich mehr und mehr der Produktion in den klassischen Industrieländern zu entledigen, und die Produktion entweder innerhalb des Konzerns in Billiglohnländer auszulagern oder ganz auf Auftragsfertiger zu verlagern, welche Montage, fertigungsnahes Engineering, Logistik, Teilebeschaffung und gegebenenfalls auch Reparatur- und Montagedienste im weltweiten Verbund versehen.

Ein zentrales Kennzeichen dieses Produktionssystems ist die weitgehende Entkoppelung von Produktinnovation und Fertigung.

Diese Struktur entstand in den 1990er Jahren in den USA unter der Sammel-Bezeichnung Contract Manufacturing (CM) oder präziser Electronics Manufacturing Services (EMS). Parallel dazu wuchsen die Netzwerke der Auftragsfertigung in Asien namentlich in Taiwan, wo sich die dort vertretenen, eng mit Silicon Valley verbundenen Subcontractor-Firmen zu veritablen Großunternehmen entwickelten. Im Unterschied zu den amerikanischen EMS-Unternehmen übernahmen diese Firmen auch zunehmend wesentliche Teile der Produktentwicklung, insbesondere von Komponenten und Baugruppen, weshalb auch von Original Design Manufacturing (ODM) gesprochen wird.

Ergebnis dieser Entwicklung war eine recht weitgehende Auflösung vertikal integrierter Produktionsformen, die ab Ende der 1990er Jahre auch massiv von traditionellen Elektronikunternehmen in den USA und Europa wie z.B. IBM, Lucent, Siemens oder Ericsson nachvollzogen wurde. Im Zuge einer weltweiten Welle von Fabrikverkäufen an Contract Manufacturer wurden die führenden Unternehmen dieses Sektors zu zentralen Akteuren weltweiter Produktionsverbünde. 48

Diese Verlagerung führte dazu, dass sich digitale Maschinen zu einem der wichtigsten, wenn nicht zum wichtigsten Exportgut vieler Entwicklungsländer entwickelten. Nach einer Studie der UNO aus dem Jahr 2000 war der Wert des Exports elektronischer Güter höher als der von landwirtschaftlichen Produkten, und mehr als dreimal so hoch als der der Textil-Industrie. Zwischen 1980 und 1998 stieg der Anteil elektronischer Güter am Export von 5,3% auf 22%. High-Tech-Exporte waren im Jahr 2000 die Haupteinnahmequelle für Fremdwährungen 450 Milliarden Dollar.

Elektronische Exporte waren das größte Segment des Außenhandels Mexikos, 63% der philippinischen Exporte waren digitale Maschinen; 53 % der Exporte Malaysias, 50% der Singapurs, 35% der Costa Ricas, 26% der Thailands, 22% der Chinas, 20% der Südkoreas, 20% der Taiwans, 13% der Indonesiens. Mehr als ein Drittel aller elektronischen Güter wurden 2000 in Entwicklungsländern erzeugt. 49

Die Restrukturierung der globalen Produktionssysteme nach der Krise um 2000 ging einher mit einer massiven Verschiebung der Produktion in Niedrigkostenstandorte. Malaysia, Mexiko und Osteuropa waren ab Mitte der 1990er Jahre die bevorzugten Regionen für den Aufbau von EMS-Großbetrieben. Während es dort im Gefolge der Krise zu teilweise massivem Arbeitsplatzabbau kam, stieg in einer zweiten, vom krisenbedingten Preisdruck in der Branche angetriebenen Runde der Verlagerung China zum wichtigsten low cost-Standort auf. Dort werden heute etwa 30 Prozent der weltweiten IT-Kontraktfertigung abgewickelt. Innerhalb Chinas ist der wichtigste Standort das Pearl River Delta um Hong Kong, Shenzhen und Guangzhou, die heute wohl größte zusammenhängende Industrieregion der Welt. Ein zweiter Schwerpunkt ist in der Region Shanghai entstanden, hier konzentrieren sich besonders die großen ODM-Unternehmen aus Taiwan. 50

Markenunternehmen

Die Markenunternehmen behalten, wenn überhaupt, nur die Produktion einiger weniger zentraler Komponenten im Konzern. So unterhalten die beiden großen PC-Prozessor-Produzenten Intel (75% Marktanteil) und AMD (20% Marktanteil) eigene Fabriken. Auch die Festplatten-Markenhersteller fertigen konzernintern, wenn auch fast ausschließlich ausgelagert in Billiglohnländern. IBM hat im Laufe der 2000er-Jahre nahezu die gesamte Hardware-Produktion verkauft: die Festplattenherstellung an die japanische Hitachi, die PC-Herstellung an den chinesischen Lenovo-Konzern. Lediglich die Prozessor-Herstellung verblieb im Konzern. Die großen PC-Markenhersteller wie HP, Dell, Acer, Fujitsu-Siemens, Sony und Apple haben bei Desktop-PCs kaum noch, bei Notebooks überhaupt keine eigene Fertigung auch keine Montage oder Verpackung. Sie kümmern sich um Vermarktung, Produkt-Design und in immer geringerem Ausmaß technische Entwicklung sowie um das Einstreifen der Profite.

Es folgt eine beispielhafte Aufzählung von Kontraktfertigern und ODM-Fertigern. Leider konnten für einige Unternehmen kaum genauere Angaben gefunden werden. Gelistet wird jeweils:

Name des Unternehmens, Gründungsjahr, Land des Sitzes der Hauptniederlassung, Umsatz, Beschäftigtenanzahl, Verflechtungen mit anderen Unternehmen, Produkte und sonstige Anmerkungen.

Kontraktfertiger

ODM-Fertiger

Bei den Firmenangaben ist zu berücksichtigen, dass die Beschäftigtenzahlen zumeist nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Viele der Firmen arbeiten mit Zeitarbeitsfirmen zusammen. Weiters siehe weiter unten ist der Anteil an nicht angemeldeten ArbeiterInnen nicht gerade gering. Hon Hai (Foxconn) beschäftigt z.B. laut Firmenhomepage mittlerweile über 500.000 ArbeiterInnen.

Das Beispiel eines der größten Kontraktfertigers Flextronics verdeutlicht die Komplexität der Produktionsstrukturen. Vom Asien-Hauptquartier in Singapur werden etwa 25 Betriebe mit rund 50.000 Beschäftigten geführt über die Hälfte der weltweiten Belegschaft von 95.000. Die beiden zentralen Produktionsbasen sind das Umland von Singapur in Südmalaysia und das Pearl River Delta. Wesentlicher Teil dieser Produktionsinfrastruktur sind Großbetriebe der Metall- und Kunststoffproduktion zur Herstellung von Gerätegehäusen aller Art. Die starke vertikale Integration geht einher mit einer ausgeprägten Spezialisierung zwischen den Betrieben und Standorten. Südmalaysia ist z.B. die weltweite Basis für die Produktion von Tintenstahldruckern, Südchina ist vor allem auf Handys und Produkte der Konsumgüterelektronik ausgerichtet.

Die Kontraktfertiger wiederum beziehen Komponenten von herkömm-lichen Zulieferunternehmen, die eben-falls bei Sub-Sublieferanten einkaufen. Die Branche zeichnet sich also auf der einen Seite durch ein hohes Maß an outsourcing und eine unübersichtliche Produktionsstruktur aus. Auf der ande-ren Seite ist sie durch eine starke Kon-zentration auf einzelne Unternehmen gekennzeichnet.

In qualitativer Hinsicht bedeutsam ist, dass in den Großtandorten Ostasiens auch eine massive vertikale Reintegration von Fertigungsstrukturen stattfindet. In ausgeprägter Weise lässt sich dies in den Industrieparks von Flextronics in China oder dem Großbetrieb von Solectron im malaysischen Penang beobachten.

Am weitesten gehen aber die Kontraktfertiger aus Taiwan: Foxconn (Hon Hai) setzt ausdrücklich auf die integrierte Massenfertigung auch von nicht-elektronischen Zulieferteilen. Sein „Foxconn-City“ genannter Industriepark in Shenzhen in Südchina umfasst neben etwa 15 Werkshallen für führende Markenhersteller auch Großbetriebe für Metallbearbeitung, Kunststoffspritzguss und Kabelfertigung.

Diese Betriebe sind keineswegs nur Stätten niederwertiger Massenfertigung. Ihre hoch integrierten Strukturen umfassen auch Zulieferproduktion, Logistik, und produktionsnahes Engineering. In zunehmendem Maße werden Prototypen- und Anlaufproduktion sowie komplexeres Engineering in diese Großbetriebe verlagert. Die Kontraktfertiger werden auf diese Weise zu wichtigen Trägern des Transfers von technologischem Know-How im Produktions- und Entwicklungsbereich. Dies gilt in ganz besonderem Maße für die EMS- und ODM-Firmen aus Taiwan, die bei der Anwerbung qualifizierter Arbeitskraft in China auch ihre sprachlichen und politischen Kulturvorteile einsetzen können. In dem genannten Großbetrieb von Foxconn waren 2004 etwa 5000 aus China stammende Ingenieure beschäftigt.

Die Arbeitsumwelt in den EMS-Betrieben ist modern, das technologische und fertigungsorganisatorische Niveau gleicht dem in entwickelten Industrieländern. Vorherrschend sind großvolumige, standardisierte Produktionsprozesse, die allerdings rasch durch spezialisierte Produkte mit kleineren Serien und Anlaufproduktionen neuer Modelle ergänzt werden. Auch die umfangreiche Zulieferproduktion im Kunststoff, Metall- und Kabelbereich sorgt für eine rasche Differenzierung betrieblicher Produktionsprozesse. Insbesondere in diesen Bereichen entstehen auch signifikante Sektoren industrieller Facharbeit, etwa in der Instandhaltung von Spritzgusswerkzeugen. 51

High Tech Sweatshops

Vorherrschend ist eine massiv tayloristisch ausgerichtete Arbeitsorganisation. Fließbandproduktion mit starker Segmentierung der Arbeitsvollzüge prägt das Bild insbesondere in Bereichen der Handbestückung und -montage wie z.B. bei Handyschalen oder der Endfertigung von PCs, Computerdruckern oder Spielekonsolen.

Dies geht einher mit strikter, personalisierter Kontrolle am Arbeitsplatz durch VorarbeiterInnen und Aufsichten. Obwohl auch in den Großbetrieben der EMS-Produktion viel von Teamwork und modernem Qualitätsmanagement die Rede ist, sind Ansätze gruppenorientierter Arbeitsorganisation kaum zu erkennen. 52

Die Industriearbeit bei der Produktion digitaler Maschinen wird zum überwiegenden Teil von Frauen verrichtet. Dies ist mit ein Grund, warum von dieser Industrie auch von linken AutorInnen behauptet wird, sie sei nahezu vollautomatisiert und wende nur wenig Arbeitskraft an. Frauenarbeit hat unsichtbar zu sein.

In China, insbesondere in der PRD-Region, bestehen die Belegschaften überwiegend aus ArbeitsmigrantInnen, die im großen Stil durch staatliche und private Arbeitsagenturen aus weit entfernt liegenden armen Provinzen Innerchinas rekrutiert werden. Diese ArbeiterInnen sind fast ausschließlich in Fabrikwohnheimen untergebracht, die sich auf dem Fabrikgelände befinden.

Die Nicht-Überwachung der Arbeitsgesetze durch die staatlichen Behörden ist gängige Praxis. Obwohl das Gesetz eine Präsenz von betrieblichen Vertretungen des staatlich kontrollierten All-chinesischen Gewerkschaftsbundes (ACGB) in Unternehmen mit ausländischem Investitionskapital vorsieht, sind solche offiziellen Arbeitnehmervertretungen so gut wie nicht vorhanden. 53

Um die Situation der chinesischen Arbeiterinnen geht es im folgenden

Vortrag von Hau Pun Ngai

den diese im Zuge einer Veranstaltung in Berlin hielt. 54 Pun Ngai ist Professorin für Sozialwissenschaften an der Universität von Hong Kong und Vorsitzende des Chinese Working Women Network (CWWN). 55 Das CWWN ist eine 1996 in Hong Kong gegründete NGO, die sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen chinesischer WanderarbeiterInnen einsetzt. Arbeitsschwerpunkte des CWWN, in dem sich SozialarbeiterInnen, StudentInnen, Feministinnen, SozialforscherInnen und UniprofessorInnen engagieren, sind Aktivitäten und Kampagnen im Bereich Arbeitsrechte, Arbeitsschutz und feministische Bewusstseinsbildung. Als mobile Anlauf- und Informationsstelle für die WanderarbeiterInnen betreibt das CWWN einen Bus im Industriegebiet des Pearl River Delta in der Provinz Guangdong. Der Bus verfügt über eine Bibliothek, Video- und Aufnahmeequipment und die nötige Ausstattung, um einfache medizinische Untersuchungen durchzuführen. Er dient als Raum für Gruppendiskussionen und individuelle Beratungen.

Hau Pun Ngai: Lassen Sie mich erklären, wie sich diese neue ArbeiterInnenklasse formiert, und worunter sie derzeit leidet. Mein Argument: diese neue ArbeiterInnenklasse erleidet ein dreifaches Drama, und das möchte ich hier entwickeln. Dieses dreifache Drama kommt woher?

Ich nenne diese neue ArbeiterInnenklasse Dagong, um sie von den alten, sozialistischen ArbeiterInnen zu unterscheiden. Denn wir wissen: In dieser alten ArbeiterInnenklasse ist das Verhältnis eines zwischen dem Staat und der Arbeit(skraft). Es ist also wirklich kapitalistisches Verhältnis.

Aber die Dagong arbeiten für das Kapital, für kapitalistische Bosse. Dagong heißt also, dass du deinen Körper an einen Kapitalisten verkaufst, an deinen Boss. Dagong ist eine neue Form eines kapitalistischen Arbeitsverhältnisses. Da hat mensch eine neue Identität. Du kennst deinen wahren Gegner. Um die Leiden dieser neuen ArbeiterInnenklasse zu verstehen, beginnen wir mit dem Beitritt Chinas zur WTO (Welthandelsorganisation) im Jahr 2001. Der WTO-Beitritt Chinas löste einen doppelten Prozess aus. Der erste Prozess ist, dass dieser globale Prozess das alte Muster des sozialistischen industriellen Eigentums erschüttert. Und er verändert die gesamte Arbeitskraft.

Privatisierung und Joint Ventures

Wegen der Privatisierungen, der Fusionierungen, der Joint Ventures waren die alten, sozialistischen ArbeiterInnen mit massiven Kündigungen konfrontiert. Sie werden nach Hause geschickt. Wir wissen, dass in China nahezu die Hälfte der ArbeiterInnen in staatlichen Betrieben arbeitet. Sie werden zur Zeit entlassen. Aber Tatsache ist: diese gekündigten ArbeiterInnen wurden nicht von den neuen, ausländischen Unternehmen übernommen. Warum nicht? Einfach weil sie nicht billig genug sind. Das bringt uns zum zweiten Prozess.

Der erste Prozess: es gibt mehr Privatisierungen, Fusionierungen, private Firmen. Und die ArbeiterInnen leben in den Städten, in Nordchina. Sie werden heimgeschickt. Und dann kommt neues Kapital. Ausländisches Kapital kommt in die Küstenzonen. In die Exportzonen. Und dieses Kapital möchte diese ArbeiterInnen nicht beschäftigen. Dieses Kapital möchte junge, weibliche ArbeiterInnen aus den ländlichen Gebieten. Deshalb schafft dieser Prozess eine neue ArbeiterInnenklasse.

Ich möchte nun ein Bild dieser neuen ArbeiterInnenklasse zeichnen, über dieses dreifache Drama sprechen.

Das erste Drama kommt vom Staat. Der Staat möchte nicht, dass diese Arbeiterinnen in den Städten Aufenthaltsrecht erhalten. Sie dürfen nicht legal in den Städten leben, wenn sie keinen Job haben. Wenn du einen Job bei einer (privaten) Firma findest, dann sucht die Firma um eine Aufenthaltsgenehmigung für dich an. Und dann darfst du in der Stadt leben. Damit ist deine Identität hier eine sehr unklare: Bist du eine Bäuerin, oder bist du eine Arbeiterin? Die Realität ist: Selbst wenn diese Arbeiterinnen bereits zehn Jahre lang in der Stadt gearbeitet haben, haben sie immer noch nicht die vollen Rechte von StädterInnen. Und weil sie nicht wirklich das Recht haben, in den Städten zu leben, müssen sie, sobald sie von einer Firma gekündigt werden, nach Hause fahren. Auf‘s Land fahren. Wenn du weiter in der Stadt bleibst, dann bist du illegal.

Und deshalb stehen diesen neuen migrantischen Arbeiterinnen auch keine Sozialleistungen zu. Sie erhalten keine Wohnung, ihre Kinder können nicht in die Schule gehen, sie haben keinen Anspruch auf ärztliche Versorgung. Du hast also keine vollen städtischen BürgerInnenrechte. Was kannst du also machen? Du musst dich an eine Firma binden. Denn ohne die hast du keine Wohnmöglichkeit, keine Möglichkeit, in der Stadt zu leben.

Das schafft das zweite Drama: Du hast niemand, auf den du dich verlassen kannst, berufen könntest. Also bist du der Firma ausgeliefert. Es handelt sich um eine Art von Arbeits- und Wohnregime.

Arbeits- und Wohnregime,

das bedeutet: Du musst nicht nur in der Fabrik arbeiten, du musst in der Fabrik leben. Tag und Nacht musst du mit der Firma verbringen. Also: Die Firma gibt dir den Job, die Firma verschafft dir den legalen Aufenthaltsstatus, das Aufenthaltsrecht in der Stadt. Und die Firma versorgt dich mit einer Wohnmöglichkeit. Ihr könnt euch vorstellen, dass das eine ausbeuterische Situation ist: Untertags arbeitest du 12 Stunden, und dann gehst du in den Schlafsaal, der ebenfalls der Firma gehört. Dein ganzes Leben wird also von der Firma bestimmt, die Produktion, und auch die Reproduktion. Einfach alles, der ganze Kreislauf wird vom Kapital kontrolliert.

Und deshalb: Anfang der 90er Jahre hat man viel über Feuer in den Fabriken gehört. Denn sie sperren die Fabriken ab, und damit auch die Schlafsäle in den Fabriken. Wenn also ein Feuer ausbricht, können die ArbeiterInnen nicht aus ihren Schlafräumen entkommen. Alle verbrennen. Und diese vielen Feuer in den Fabriken haben viele Todesopfer gefordert. Es gab zu viele Feuer in Fabriken. Deshalb gibt es jetzt Bestimmungen betreffend den Wohnraum und den Produktionsraum.

Arbeits- und Schlafräume sind jetzt getrennt. Früher war alles in einem Gebäude: im Erdgeschoß befand sich das Lager. Im 1. und 2. Stock waren die Produktionsanlagen. Und im 3. und 4. Stock, oder auch am Dach, befanden sich die Schlafräume. Jetzt haben sie in den modernen Fabriken eine Trennung vorgenommen. Es gibt Gebäude, in denen produziert wird, und andere, in denen sich die Schlafräume befinden.

Aber die ganze Anlage ist immer noch von einer Mauer umgeben. Und darin sind alle eingesperrt. Nach der Arbeit gehst du also gerade in die Kantine, und dann in den Schlafsaal. Natürlich kann man rausgehen, um FreundInnen zu treffen. Aber spätestens um Mitternacht musst du im Schlafsaal sein. Dein ganzes Leben ist also unter der Kontrolle dieses Arbeits- und Wohnregimes.

Wenn wir uns die Geschichte des Kapitalismus in Erinnerung rufen, wissen wir, dass anfangs die Arbeit mit dem Wohnen verbunden war. Das heißt, der Arbeitgeber stellte den ArbeiterInnen Wohnraum zur Verfügung, denn diese kamen aus ländlichen Gegenden. Aber als die Arbeitskraft erwachsen wurde, gründeten sie Familien, heirateten sie, und sie gingen raus aus den Fabriken; sie hatten ihre eigenen ArbeiterInnen-communities. Derartige ArbeiterInnen-communities sind extrem wichtig für die ArbeiterInnen. Sie haben damit ihren eigenen Raum, in dem sie leben, sich organisieren, Gewerkschaften bilden. Denn sie haben ihren eigenen Raum.

In China bewegen wir uns zurück ins 18., ins frühe 19. Jahrhundert. Die Arbeit und das Leben vermischen sich. Alle, die in den Exportzonen arbeiten, leben in den Fabriken, den Schlafräumen, die die Arbeitgeber ihnen zur Verfügung stellen. Diese Verbindung schafft einen sehr ausbeuterischen Mechanismus.

Und was wir möchten, sind Arbeitsverträge für diese Arbeiterinnen. Nicht mehr.

Wieso haben die ArbeiterInnen keine Verträge? Einfach, weil du keine ordentliche Aufenthaltsgenehmigung in der Stadt hast, und damit dem Arbeits- und Wohnregime unterworfen bist. Das ist eine sehr ausbeuterische Situation für dich. Die Hälfte dieser Unternehmen bezahlen die ArbeiterInnen nicht rechtzeitig. Die meisten Firmen halten die Löhne für 2, 3 Monate zurück. Vielleicht wisst ihr, dass die meisten migrantischen ArbeiterInnen zum chinesischen Neujahrsfest nach Hause fahren möchten, mit ihrem Lohn. Aber die meisten Firmen möchten nicht, dass sie heimfahren. Also halten sie ihre Löhne zurück. Aber selbst wenn sie den ArbeiterInnen erlauben, heim zu fahren, um Neujahr zu feiern. Danach kommen sie wieder zurück.

Dann halten sie die Löhne für 2, 3 Monate zurück. Die Arbeiter können so nicht kündigen. Wenn du kündigen willst, musst du dich anstellen. Und die ArbeiterInnen müssten einige Monate warten, bis sie dran sind. Wenn du nicht so lange warten möchtest, weil du in eine andere Stadt wechseln möchtest oder heimfahren, dann verlierst du deinen Lohn. Das Problem ist, dass du keinen Arbeitsvertrag hast. Was geschieht also, wenn du keinen Arbeitsvertrag hast?

Ein Beispiel: Wir haben letztes Jahr bei Disney recherchiert. Die haben eine große Druckerei mit über 15.000 ArbeiterInnen. Sie produzieren Weihnachtsgeschenke, Bücher, Kinderbücher. In dieser Fabrik die ist sehr groß wurden in dieser Woche vier Arbeiterinnen krank. Wir haben also mit Disney um Entschädigungszahlungen für diese Arbeiterinnen verhandelt. Das Problem sind die Arbeitsverträge. Denn diese Arbeiterinnen wurden krank, aber sie hatten keine Arbeitsverträge. Sie müssen also vor Gericht gehen, und die Firma klagen, um Entschädigungen zu erhalten. Aber dann müssen sie beweisen, dass sie in dieser Firma arbeiten. Die Beweislast liegt also bei den Arbeiterinnen, nicht bei der Firma. Die Arbeiterinnen müssen beweisen, dass sie in dieser Firma arbeiten.

Keinen Arbeitsvertrag zu haben bedeutet, dass die Firma dich nicht bei der Sozialversicherung gemeldet hat. Deshalb erhältst du auch kein Geld von der Sozialversicherung. Nur wenn du angemeldet bist, wenn die Firma deine Sozialversicherung einzahlt, kannst du deine Ansprüche geltend machen. Schließlich musst du manchmal mehrere Jahre warten, bis du ein paar hundert Euro erhältst etwa, wenn bei der Arbeit zwei, drei Finger abgehackt worden sind.

Keinen Arbeitsvertrag zu haben bedeutet also, dass du nahezu alles verlierst. Es gibt keinerlei Schutz. Diese Arbeitsbedingungen sind das zweite Drama.

Das erste Drama kommt vom Staat, das zweite vom Kapital. Und daran hängt ein drittes Drama:

Die patriarchale Kultur

Denn diese ArbeiterInnen in der Produktion sind meist Frauen. Und wenn du einmal 24 oder 25 Jahre alt geworden bist, kommst du unter starken Druck, aufs Land, in dein Dorf zurück zu gehen, um zu heiraten. Wenn du zu alt wirst, wirst du zu einer Last für deine Familie. Deshalb stehen die Arbeiterinnen unter einem starken Druck. Denn diese jungen Arbeiterinnen möchten sich verändern, möchten moderne Arbeiterinnen werden und das Kapital, die Ideologie vom Markt, vermittelt dir genau diesen Wunsch. Sie sagen: „Auch wenn du 12 Stunden täglich arbeitest, ist die Arbeit in der Elektronikindustrie das ist eine saubere Industrie. Du baust dir deine Identität auf. Du lernst das Stadtleben kennen.“

Also kämpfen alle, nicht nur Frauen, auch Männer, darum, in der Stadt bleiben zu können.

Aber wenn wir uns das Arbeits- und Wohnregime ansehen: sie wenden die Arbeitskraft, die Körper der ArbeiterInnen, 12 Stunden täglich an, und das sechs oder sieben Tage die Woche. Das hält man nicht allzu lange durch. Wenn du in dieser Form drei, fünf Jahre arbeitest, ist dein Körper bereits zu verbraucht. Wenn du also bis zu deinem 25., 26. Lebensjahr in der Fabrik arbeitest, bist du ausgebrannt. Und die Firma schickt dich nach Hause. Denn das ist die richtige Zeit für dich zu heiraten. Die Unternehmen möchten dich also nicht mehr. Obwohl die Arbeiterinnen so lange wie möglich an ihrem Arbeitsplatz bleiben möchten.

Die Arbeiterinnen sind unter mehrfachem Druck: Denn auch die Familien sagen, dass sie heimkommen sollen, weil das die richtige Zeit fürs Heiraten ist. Ansonsten ist es zu spät, das heißt, du bleibst über. Aber allein zu sein wird in der ländlichen chinesischen Kultur nicht akzeptiert. Denn man wird zur Last. Frauen haben keine eigenen Rechte in dieser Kultur. Sie müssen sich der Familie des Mannes anschließen, um zu überleben.

Das neue weibliche Subjekt lebt also in diesem dreifachen Drama, das ich hier zu entwickeln versucht habe. Im letzten Kapitel meines Buches beschreibe ich eine Frau. Sie schreit jede Nacht in ihrem Schlafsaal. Und niemand versteht wirklich, warum diese Arbeiterinnen so viel schreien. Denn ihr Schreien erklärt nichts.

Alles muss in Worten ausgedrückt werden, dann kann ich es auch in einem Buch niederschreiben. Aber Schreien bedeutet gar nichts, es vermittelt keinen Zusammenhang. Ich muss also zuerst dieses Schreien innerhalb dieses dreifachen Dramas betrachten, um zu verstehen, warum diese Frauen jede Nacht in ihren Schlafräumen schreien. Ich versuche also, das Schreien in diesen dreifachen Zusammenhang zu stellen. Damit es für mich einen Sinn ergibt: Die Formierung einer neuen Arbeiterinnenklasse.

Es gibt da einige Verwirrung. Es heißt, diese neue Arbeiterinnenklasse hat weniger Klassenbewusstsein. Auch weniger Gender-Bewusstsein. Weniger Klassenbewusstsein, weil es ihnen nicht erlaubt ist, in den Städten zu leben, und weil sie an die Firmen gebunden sind. Weniger Gender-Bewusstsein wir nennen sie Dagong Mae. Mae bedeutet, du bist eine Schwester, aber eine Schwester, die weniger hat, minderwertige Schwester. Das heißt, du arbeitest, verdienst Geld, aber weniger als die Männer. Und wir wissen: im Management sitzen nur Männer. In der Produktion arbeiten aber nur Frauen.

Ihr könnt euch vorstellen, dass es da eine Menge verbale Diskriminierungen gibt, körperliche Belästigungen, sexuelle Übergriffe. Die Frauen erleben also, dass sie minderwertige Subjekte sind. Sie sind am Arbeitsplatz benachteiligt, und in der Stadt, sie haben weniger Bürgerrechte.

Und schließlich gibt es kaum Hoffnung, dass sie in der Stadt bleiben können.

Denn wenn du älter wirst, möchte dich der Boss loswerden.

Die Familie möchte dich nicht mehr.

Und du bist dir selbst überdrüssig.

(Ende des Vortrags)

Foxconn-City

Am Beispiel Foxconn soll die Fabriksrealität eines Kontraktfertigungs-Konzerns näher beleuchtet werden. Foxconn ist der Name, unter dem das taiwanesische Unternehmen Hon Hai Precision Industry Co., Ltd. auf dem Markt auftritt. Das Unternehmen wurde 1974 von Terry Gou als Hersteller von Kunststoffprodukten gegründet. Seit 1991 ist das Unternehmen an der Taiwanesischen Börse notiert.

Foxconn ist mit über 500.000 Mitarbeitern einer der größten Hersteller von Elektronik und Computer-Teilen weltweit. Foxconn produziert als Auftragshersteller u. a. den Mac mini sowie iPods für Apple und Rechner für den amerikanischen Computerversand Dell. Weitere Produkte sind die Sony-Playstation und Mobiltelefone namhafter Anbieter, unter anderem für Nokia. 56

Der Konzern betreibt einen Fabrikkomplex namens Foxconn City in Shenzhen in der Provinz Guangdong. Auf dem etwa 3 km² großen, von Mauern umgebenen Gelände arbeiten 270.000 ArbeiterInnen, teilweise wohnen sie auch dort. 57 Seit April 2007 wird an einem weiterem Fabrik-Komplex gebaut, dem Foxconn Technologic Industrial Garden in Wuhan, Provinz Hubei Province. Der Komplex ist in seiner ersten Ausbaustufe für etwa 150.000 ArbeiterInnen ausgelegt. Die Kosten dafür sollen 1 Milliarde US$ betragen, pro Jahr sollen Produkte im Wert von 12 Milliarden US$ erzeugt werden. 58

Die Kontraktfertiger experimentieren mit einer Vielfalt von Politiken zur Stabilisierung der betrieblichen Sozialbeziehungen. Die meisten dieser Ansätze ähneln den Formen des modernen Betriebspaternalismus, der in den gewerkschaftsfreien IT-Unternehmen der USA, namentlich in Silicon Valley, vorherrscht.

Die starke Betonung von „Unternehmenswerten“, der ausgedehnte Einsatz von Programmen des Qualitätsmanagements aus dem Instrumentarium der „schlanken Produktion“, die zuweilen extensiven betrieblichen Freizeitprogramme und die Einbeziehung von Clubs und Assoziationen der ArbeitsmigrantInnen in den Wohnheimen reflektieren dies.

Der Fabrikkomplex verfügt über ein breit gefächertes Angebot von Läden und Restaurants auf dem Betriebsgelände; Fitnesscenter, Kino, Freizeiteinrichtungen bis hin zu aufwendig ausgestatteten Computerspielsälen und ein Cybercafé für die Angestellten sollen den zumeist aus ländlichen Verhältnissen stammenden Beschäftigten großstädtisches Lebensgefühl vermitteln. Offensichtlich tragen solche Praktiken dem Umstand Rechnung, dass ArbeitsmigrantInnen, insbesondere auch junge Frauen, Lohnarbeit nicht nur der Verdienstmöglichkeiten wegen suchen, sondern vor allem auch von der Hoffnung auf einen urbanen Lebensstil motiviert sind.

Solche Sozialmodelle knüpfen zugleich an viele Aspekte der traditionellen sozialistischen Betriebsgemeinschaft in China und deren Grundgedanken der umfassenden sozialen Versorgung durch den Betrieb an. Die Identifikation mit den „Unternehmenswerten“ wird dabei zu einer wesentlichen Ressource sozialer Stabilität in einem Umfeld, das angesichts andauernd niedriger Löhne und des Mangels institutionalisierter Sozialnormen bei Arbeitsbedingungen und Vertretungsrechten den Beschäftigten kaum längerfristige Perspektiven der beruflichen und persönlichen Entwicklung bieten kann. 59

Lebensbedingungen in der Fabrik

Die überwiegend weiblichen ArbeiterInnen erhalten einen Grundlohn, der zum Teil weit unter dem gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn von knapp 70 US-Dollar im Monat liegt. Viele von ihnen sind in Wohnheimen auf dem Fabrikgelände untergebracht, wo sie sich zu mehreren einen Schlafraum teilen und von Videokameras und Wächtern überwacht werden.

Die meisten örtlichen Arbeitsbüros geben an, dass die Auflagen in den letzten Jahren erheblich strenger geworden seien, auch als Ergebnis von kritischen Berichten in der Lokalpresse und Protesten von Betroffenen. Die Bedeutung solcher Aussagen ist allerdings sehr interpretationsfähig und bestimmt von den existierenden örtlichen Standards. In Dongguan z.B. verbietet eine im Jahre 2003 erlassene Richtlinie die Belegung von Wohnheimbetten mit zwei bis drei in verschiedenen Schichten arbeitenden ArbeiterInnen nach Aussagen der Verantwortlichen ein großer Fortschritt gegenüber bestehenden Praktiken. 60

Aus einem mittlerweile gesperrtem Internet-Forum 61

„Ich bin Fließbandarbeiter bei Foxconn. Es gibt ein Zwei-Schichten-System, wo sie uns jeden Tag über 12 Stunden lang arbeiten lassen. Nach der Arbeit muss man dann noch eine halbe Stunde bleiben und Ansprachen über sich ergehen lassen. Viele Arbeiter fallen in Ohmacht, während sie dastehen und sich die Vorträge anhören.“

„Jeden Tag arbeiten wir mehr als zehn Stunden und wenn Überstunden anfallen, können wir sie uns nicht anrechnen lassen. Besonders schlimm ist das in den Abteilungen, die für Apple arbeiten. Dort kommt es vor, dass die Überstunden mehrerer Monate nicht bezahlt werden. (…) Solche Vorfälle lassen das Arbeitsgesetz wirklich wie eine bloße Mogelpackung aussehen.“

„Foxconns Management-Stil ist super autoritär. Wenn die ArbeiterInnen für die Fabriken rekrutiert werden, müssen sie ein Training wie beim Militär absolvieren, um ihnen dort Gehorsam einzutrichtern. Neue ArbeiterInnen müssen draußen unter der knallenden Sonne militärische Formationen trainieren, sie üben Marschieren und Links- und Rechtswenden.“

„Dieses Jahr, noch vor März, haben sie aus ihrer Zweigstelle Guanlan ein Trainigs- und Rekrutierungscenter gemacht. Sie werben die ArbeiterInnen nun zunächst in der Nähe der Longhua-Fabrik an und bringen sie dann nach Guanlan, um sie dort zu trainieren. Weil es dort nicht genügend Schlafplätze gibt, müssen die Rekruten (auch „Studenten“ genannt) abwechselnd in denselben Betten schlafen. Zwei Leute teilen sich die Schlafkoje in der Nacht und am Tag wird sie dann von zwei anderen genutzt.“

„Meine Arbeit bei Foxconn war vergleichsweise wenig anstrengend, aber es handelte sich auch um die Arbeit, die sich die Wenigsten anzunehmen getraut haben. Ich habe Farben gemischt. Einige davon waren hochgiftig. Ich habe gehört, dass 30% der Arbeiterinnen aus diesem Bereich unfruchtbar werden. Es ist, als ob ich zu den ersten Mitgliedern der Befreiungsarmee zählen würde, die an Atombomben geforscht haben und Uran ausgesetzt waren. Wir hätten bestmöglich geschützt werden müssen gegen die Gifte! Am Anfang haben wir noch jeden Tag neue Arbeitskleidung bekommen, später dann nur noch einmal in der Woche.“

Widerstand

Das rasante Wachstum der Industrie, der boomende Arbeitsmarkt und die institutionell desorganisierte Produktionspolitik der PRD-Region bewirken eine hochgradige Instabilität der Arbeitsbeziehungen. So hat die Provinz Guangdong seit langer Zeit die bei weitem höchste Anzahl offiziell registrierter und durch Gerichte oder lokale Behörden geschlichteter Arbeitskonflikte in China. Neuere Studien verweisen darauf, dass diese Konflikte in der Regel in individualisierter Form zwischen ArbeiterInnen und Management im Betrieb ausgetragen werden, die große Zahl von formellen Klagen vor Arbeitsgerichten sind so nur die Spitze eines Eisberges.

Die am meisten verbreitete Form des Widerstandes gegen schlechte Beschäftigungsbedingungen ist offensichtlich der Wechsel des Arbeitsplatzes, was sich in der enormen Arbeitskräftefluktuation niederschlägt (in den von uns untersuchten EMS-Betrieben zwischen 30 Prozent und 60 Prozent pro Jahr). Die anschwellende Flut der Arbeitsgerichtsklagen zeigt allerdings auch ein rasch wachsendes Bewusstsein über individuelle Rechte am Arbeitsplatz auf Seiten der Beschäftigten an. Die individuelle Widerstandsbereitschaft wird unterstützt durch eine zwar begrenzte, aber wachsende Publizität von Rechtsverletzungen im Betrieb, vor allem durch lokale Medien und sich rasch entwickelnde, als NGOs fungierende Netzwerke der Beratung und Unterstützung. Unter den Vorzeichen der andauernden Arbeitskräfteknappheit in der PRD-Region ist es in jüngster Zeit zu einer Welle zumeist spontaner betrieblicher Arbeitskämpfe gekommen, über deren Zahl und Ausmaß freilich niemand wirklich Bescheid wissen dürfte.

Entsorgung

Am Ende der Wertschöpfungskette steht die Entsorgung der Computer, die nach einer Nutzungsdauer von durchschnittlich nur zwei bis drei Jahren außer Betrieb genommen werden. Genaue Zahlen von Computerschrott gibt es nicht, geschätzt wird, dass etwa 200 Millionen PCs jährlich weggeworfen werden. Die Schätzungen werden dadurch erschwert, dass eine Vielzahl von Altgeräten in den Haushalten nur zwischengelagert ist und erst mit Verzögerung weggeworfen werden. Insgesamt werden nur ca. 10% des digitalen Schrotts wiederverwertet, das meiste landen auf den Müllhalden.

Insgesamt ist Elektro- und Elektronikschrott einer der am schnellsten anwachsenden Teile des weltweiten Abfallaufkommens.

Die Altgeräte enthalten recht große Mengen an Metallen. Diese können nach ihrer Wiedergewinnung als so genannte Sekundärrohstoffe weiterverwendet werden. Röhrenbildschirme enthalten z.B. circa 250 Gramm Kupfer sowie mehrere Gramm Silber und Gold. Die Diskussion um die Rückgewinnung der Rohstoffe, so wie sie sich gegenwärtig entwickelt, hat jedoch zwei Gesichter: Neben dem Hinweis, dass Wiederverwertung sozial und ökologisch sinnvoll ist, entwickelt sich eine Kritik am (illegalen) Export von Elektroschrott, die hervorhebt, dass Europa sich den Verlust dieser Rohstoffe nicht leisten könne. Wegen der steigenden Rohstoffpreise müssten die Unternehmen weit stärker als bislang auf die Wiedergewinnung von Sekundärrohstoffen achten. 62

Toxic Sentence

Ein Teil der hochgiftigen und gesundheitsgefährdenden Entsorgungsarbeit wird in den USA als Gefangenenarbeit gemacht. Das größte Gefängnis-Unternehmen zur Entsorgung von digitalem Schrott wird von den Federal Prison Industries, auch als UNICOR bekannt, betrieben. Unicor ist ein Unternehmen im Besitz des US-Justizministeriums, gegründet 1930. Seit 1994 betreibt Unicor die Entsorgung von Elektronik-Schrott. Zwischen 2002 und 2003 verdoppelte sich der Netto-Umsatz aus den Verkäufen von e-Schrott auf über 8 Millionen US$. Unicor übernimmt digitalen Schrott von Regierungsstellen, Schulen, Privatleuten und Privatfirmen in 8 staatlichen Gefängnissen: Atwater, CA; Marianna, FL; Fort Dix, NJ; Elton, OH; Lewisburg, PA; La Tuna, TX; Texarkana, TX; and Tucson, AZ. Über 1.000 Gefangene arbeiten in Unicors e-Schrott-Recycling-Programm.

Da in den Gefängnissen Arbeitszwang herrscht, steht Unicor ein ständiges Arbeitskraft-Reservoir zur Verfügung. Die Löhne sind einige Cent höher als für die übrigen Arbeitsprogramme, sie bewegen sich zwischen 0,23 und 1,25 US$ in der Stunde.

In der Unicor-Anlage im Atwater-Gefängnis brach im November 2003 ein größeres Feuer aus, als eine Ladung von Monitoren zu brennen begann. Dichte Rauchwolken trugen die giftigen Gase in die umliegenden Wohngegenden, es kam zu ersten Vergiftungen. Aber die lokalen Behörden haben keinerlei Beschwerdemöglichkeiten gegenüber einer Bundesbehörde wie Unicor.

Gefangene ArbeiterInnen und Justizangestellte waren in zumindest drei Gefängnissen Texarkana, Elkton und Atwater wiederholt giftigen Stoffen wie Blei, Merkurium, Kadmium, Phosphor, Barium und bromiertem Flammschutz ausgesetzt.

Ein Insasse schreibt über die Auswirkungen der Entsorgung von Röhren-Monitoren:

„Wir wurden mit Glassplittern und den ganzen Chemikalien aus den Bildschirm-Röhren geduscht. Wir schnitten uns selbst. Ich bin nur zweimal ins Krankenhaus gegangen, aber einmal hat es mich wirklich schwer am Brustkorb erwischt. Sie haben im Krankenhaus sogar Bilder davon gemacht.“

Die Anlagen von Unicor sind absichtlich low-tech, um möglichst viele Gefangene zu beschäftigen und die Kosten für Maschinen wie Luftdruck-Geräte und mechanische Zerkleinerer zu sparen, die normalerweise bei solchen Arbeiten eingesetzt werden. Die Verwendung von inadäquaten Werkzeugen wie Hämmer zum Zerkleinern der Röhren oder zu kurze Schraubenzieher erhöhen die Gefahr, giftigen Substanzen ausgesetzt zu werden, obwohl es sicherere und effizientere Werkzeuge geben würde. Wie ein gefangener Arbeiter sagt: „Es ist eine sehr schmutzige Arbeit. Die Hämmer zertrümmern die Komponenten, und überall fliegt der Dreck und Staub herum“. 63

Tödliche Exporte

Ein Großteil des informellen Recycling findet allerdings in Afrika und Asien statt. 80% des in den USA gesammelten Elektronikschrott wird in Asien in einfachen, gefährlichen und umweltverschmutzenden Verfahren wiederverwertet.

Trotz EU-Regulierungen, die den Export von unbrauchbarem Elektronikschrott verbieten, wird davon ausgegangen, dass dies auch mit einem großen Teil des europäischen Elektroschrotts geschieht. Umschlagplatz für den deutschen und auch europäischen Export des Computerschrotts ist der Hamburger Hafen, aus dem vor allem alte Monitore nach Nigeria, Pakistan, Indonesien, China oder Indien verschifft werden.

In Südostasien findet die Rückgewinnung der Rohstoffe unter katastrophalen Bedingungen statt: Kabel werden verbrannt, um Kupfer zu gewinnen. Metalle aus Hauptplatinen werden über Bunsenbrennern heraus geschmolzen, Monitore mit Hämmern zertrümmert. Die ArbeiterInnen atmen die freigesetzten giftigen Dämpfe ein, tragen den toxischen Staub in ihrer Kleidung in die Wohnhäuser und trinken häufig das durch Schwermetalle vergiftete Grundwasser. Viele wissen nicht einmal um die Gefährdung, der sie täglich ausgesetzt sind. Oft wird das Risiko aber auch aus Mangel an Alternativen in Kauf genommen. Im Gegensatz zu Asien landet in Nigeria ein Großteil des Elektroschrotts auf wilden Deponien, die das Grundwasser verschmutzen oder wird unter freiem Himmel verbrannt, wodurch toxische Chemikalien wie Dioxine und Schwermetalle freigesetzt werden. Offiziell sollen nur brauchbare Geräte als „Secondhand-Computer“ exportiert werden und dazu beitragen, die „digitale Kluft“ (Digital Divide) zu überbrücken. Tatsächlich sind jedoch große Anteile dieser Export unbrauchbar. So schätzt Oboro, Assistant General Secretary der Computer and Allied Products Dealers Association of Nigeria (Capdan), dass etwa 75% des importierten Materials, das fast zur Hälfte aus Europa stammt, bereits bei seiner Ankunft unbrauchbar ist. 64

Auf der Veranstaltung wurden folgende drei Filme zum Themenbereich Entsorgung gezeigt:

Lagos, Nigeria; Bericht des Basel Action Network 65

Ich schätze, dass monatlich 500 Container mit Computern ausgeladen werden. Jeder Container enthält, abhängig davon, wie er beladen wurde, etwa 800 Stück. Bedenkt man die Herkunft, die Arbeitsteilung, so findet die Zerlegung der digitalen Teile unter Zwang statt. Ein Zwang, den die weit verbreitete Armut, der weit verbreitete Hunger schafft.

Riesige Halden von alten PCs und Monitoren. Der ganze Haufen wird verbrannt, um ihn zu verkleinern. Alles wird hier verbrannt und endgelagert. Wir haben hier Computer, Telefonanlagen, aus aller Welt: aus Deutschland, aus den USA, aus Japan ... Und das hier ist ihre endgültige Lagerstätte. Hier, in Lagos, Nigeria.

Ost-Delhi, Indien; Bericht von Greenpeace 66

Wir fanden extrem hohe Vergiftungen sowohl direkt beim Recycling-Prozess als auch in der Umgebung. Darunter waren alle Arten von organischen Chemikalien, aber auch Schwermetalle. Wir fanden in China wie auch in Indien sehr ähnliche Vorgänge.

Die Methoden des Recycling sind sehr ähnlich. Platinen werden auf offenem Feuer erhitzt, um die Bauteile entfernen zu können.

Auch die Vergiftungen ähneln einander sehr. Es handelt sich um Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Quecksilber sowohl an den Arbeitsplätzen als auch in der Umgebung. Und wir fanden die gleichen organischen Chemikalien wie bromierte Flammhemmer.

Der einzige Unterschied ist: in Indien sind die Arbeitsplätze eher in Räumen, während in China hauptsächlich im Freien gearbeitet wird.

Bleipulver wird recyclet, indem die Bildröhren mit Schleifpapier abgerieben werden. Das Bleipulver ist sehr giftig. Die Leute können den Staub einatmen, die Lebensmittel vergiften, die Chemikalien in den Körper aufnehmen.

Einige dieser organischen Chemikalien sind gegenüber der Umwelt sehr widerstandsfähig. Sie können sich im menschlichen Körper anreichern und verschiedenste Vergiftungen hervorrufen. Metalle wie Blei oder Quecksilber vergiften das Nervensystem vor allem das von Kindern. Sie wirken sich auf die Denkfähigkeit der Kinder aus. Schwermetalle wie Cadmium sind giftig für die Nieren, sie reichern sich dort an. Die organischen Chemikalien, von denen wir viele gefunden haben, haben u.a. Auswirkungen auf die Lungen und das Nervensystem. Diese Substanzen werden nur sehr langsam abgebaut, sie verseuchen die ganze Gegend in Indien wie in China in denen diese Arbeit betrieben wird.

Guiyu, China 67

Dezember 2006. Guiyu ist seit Jahrzehnten eine Abfallstadt. Man riecht das schon bei der Ankunft. Überall sieht man sowohl Wohlstand als auch chaotische Abfallbewirtschaftung. Die fast 20jährige Beschäftigung mit der Abfallbeseitigung hat das Wasser schwarz werden lassen. Die Luft ist vergiftet von verbranntem Plastik.

Guiyu importiert jährlich über 1 Million Tonnen E-Schrott. Die meisten Häuser dienen gleichzeitig als Lager und sind voll gefüllt mit Bergen von E-Schrott.

Beispiel: Hier arbeiten zwei Frauen täglich 10 Stunden daran, Platinen zu zerlegen . Dazu braten sie sie auf einem Kohleofen. Das geschmolzene Zinn erleichtert ihnen die Arbeit. Aber es verbreitet auch giftiges Gas, das ihre Lungen verbrennt. Die summenden Ventilatoren bringen nur wenig Frischluft herein.

Frau Ren, Platinenköchin: „Wenn ich die Vergiftung aushalte, werde ich noch einige Jahre hier arbeiten. Wenn nicht, werde ich heimfahren.“ So wie sie verdienen die meisten ArbeiterInnen fünf bis sechs Dollars pro Tag bei dieser hochgiftigen Arbeit.

Frau Rens Ehemann und Sohn arbeiten ebenfalls mit E-Schrott. „Das ist relativ besser. Andere Jobs sind schlimmer…“

Zhang Minghui, seit 10 Jahren Platinenkoch: „Das nimmt einem nicht so viel Luft, es ist bloß der Rauch vom Kohlefeuer.“ Seine Frau ist krank, sie haben eine junge Tochter, er wird wegen seiner Rachenentzündung keinen Arzt aufsuchen können.

Die extrahierten Komponenten werden an chinesische Produzenten von Elektronikgeräten verkauft.

Die „modernen“ Goldminen . Ein höherer Verdienst bedeutet noch schlimmere Arbeitsbedingungen. Hier holen ArbeiterInnen Gold aus den Platinen. Sie verwenden Industriechemikalien ohne jeglichen Schutz. Sie verdienen täglich nicht viel mehr als 10 Dollars, und erleiden jedenfalls eine schreckliche Vergiftung. Mittels industrieller Säure schmelzen sie Platinen ein und extrahieren daraus das Gold. Ihnen scheinen ein Paar Handschuhe als Schutz zu reichen.

Frage: „Werden Sie mit dem Rauch und Gestank fertig?“ Antwort: „Es geht mir gut.“

1. Mann: „Weg hier, damit kannst du nicht umgehen. Es ist zu stickig. Der Himmel brennt schon schwarz.“ 2. Mann: „Wenn du dich vergiftest, wirst du es bereuen.“ Frau: „Weg hier. Schnell!“ Frage: „Was ist mit euch? Wollt ihr euch vergiften?“ Die Frau kichert. 1. Mann: „Wir? Wir haben uns desinfiziert Hochtemperatur-Desinfektion.“

Die Luft ist so vergiftet, dass meine Augen nach kurzer Zeit zu brennen begannen. Ich habe einige Minuten gewartet, die geschlossenen Augen gerieben. Sobald ich sie öffnete, wusste ich, ich musste den Rat der ArbeiterInnen befolgen und weggehen.

Die Folgen sind schrecklich. Die Erde wird schwarz wie Kohle, das Wasser sieht aus wie Sojasauce. Mülldeponien am selben Fluss, hier mischt sich der E-Schrott mit dem Mist aus der Gemeinde.

Die Flussufer wurden zu einer Mülldeponie und zum „Paradies“ für Leute wie Xiang Chanmin: „Hier ist es dreckig und es stinkt, aber es ist besser als die Arbeit in einer Zementfabrik. Ich habe in einer Zementfabrik gearbeitet. Insgesamt ist die Umwelt von Guiyu sehr schlecht dran. Meine Kehle wird mir zu eng, das Atmen fällt mir schwer. Diese brennenden Schrotthaufen überall wirken wie Drogen auf die Nase.“ Xiang Chanmin lebt von Abfällen. Er ist einer der wenigen, der wegen der Umweltvergiftung nicht seine Kinder mitgebracht hat. Er schickt sein Erspartes an seine Familie in der Provinz Hunan.

„Seit den späten 80er Jahren wurde eine Menge E-Schrott aus Übersee nach Guiyu importiert und hier zerlegt. Wieso haben entwickelte Länder die Technologie und das Geld dafür, wollen aber den E-Schrott nicht selbst behandeln? Zuallererst, weil sich in elektronischen Produkten eine Menge giftiger Substanzen befinden.“ Ted Smith, (Anti-) Gift-Koalition in Silicon Valley

Wir sprechen über mehr als eine Milliarde Pfund Blei an Abfall, Millionen Pfund Quecksilber, Cadmium, bromierte Flammhemmer. Das ist einfach zu viel.

„Einige haben ihr Haar verloren, einige hatten Kopfschmerzen, einige geschwollene Gesichter oder Verbrennungen oder andere Gesichtsvergiftungen wegen ihres Umgangs mit E-Schrott. Deshalb haben wir in den lokalen Kindergärten die Kinder gratis untersucht. Bei den 165 Kindern lag die durchschnittliche Bleibelastung des Blutes über 150 Mikrogramm/Liter, bei 82% von ihnen lag sie über 100 Mikrogramm/Liter. Je älter die Kinder, desto höher der Bleianteil.“ (Huo Xia, Medizin-Professorin, Universität Shantou)

„Die Kinder, die in bleiverseuchter Umgebung leben, sind dem Blei mehr ausgesetzt. Der Bleigehalt in ihrem Blut ist doppelt so hoch wie der von EinwohnerInnen von Shantou, der nächstgelegenen Stadt. Aber wir müssen noch viel mehr arbeiten, über einen längeren Zeitraum, um herauszufinden, wie schlimm das Gesundheitsproblem in der Abfallstadt tatsächlich ist. Fest steht jedenfalls, dass die Kinder in diesen Gegenden stärker gesundheitsgefährdet sind als anderswo.“ (Zheng Liangkai, Student an der medizinischen Fakultät der Universität Shantou)

In den USA wird ab 100 Mikrogramm Bleianteil pro Liter Blut eine Bleivergiftung diagnostiziert.

Peng „Laosan“, Besitzer eines Plastik“säuberungs“ betriebs, sagt von sich selbst, dass er in seiner Heimatstadt sowohl Wohlstand als auch Umweltverschmutzung produziert. Er unterstreicht, dass das anderswo ebenso geschieht. Seine MitbewohnerInnen hätten keine bessere Möglichkeit, als das E-Schrott-Geschäft, und zwar vor allem wegen der Pläne der Regierung.

Peng Suiyu, ein junger Unternehmer und Vater, zieht mit seinen Arbeitern einen Packen Plastikschrott: „… und so begannen die Leute, Schrott aus Übersee zu importieren, um damit Handel zu treiben. Während wir dieses Geschäft hochzogen, sahen wir, wie die Umweltverschmutzung zunahm. Unser Wasser wurde vergiftet, und die landwirtschaftlichen Erträge gingen zurück. Das Wasser ist so verdreckt, selbst wenn wir einen 60 Meter tiefen Brunnen graben würden, könnten wir ihn nicht nutzen. Es dient nicht mal mehr als Nutzwasser, geschweige denn als Trinkwasser. Wer möchte nicht eine bessere Umwelt? Wir haben einfach keine Alternative!“

Diese Situation betrifft natürlich nicht nur die tausenden migrantischen ArbeiterInnen. Die Bosse, die Familien; Kleinkinder, von denen viele in diesem Dreck aufwachsen, den die ArbeiterInnen verbrennen.

Junge Frauen in einer anderen Anlage verbrennen Plastik, um Teile heraus zu bekommen. Eine Frau: „Das hier kommt aus anderen Ländern.“ Frage: „Alles aus Übersee?“ Antwort: „Fast alles.“ Frage: „Kommen Sie mit der Umweltverschmutzung zurecht?“ Antwort: „Kein Problem. Wir sind das gewöhnt.“

Warum riskieren sie ihre eigene Gesundheit bei diesem ganzen Gift? Wegen dem Geld, sagen sie. „Obwohl die Luft, die wir atmen, sehr schlecht ist, trinken wir das Beste. Wir kaufen den besten Tee. Wir verdienen Geld wie verrückt, und wir geben es wie die Verrückten aus. Man hat nur etwas über 20.000 Tage zu leben. Warum nicht alles ausgeben und das Leben genießen?“

Traurigerweise hat die chinesische Regierung all das erlaubt. Sie haben es nicht geschafft, entsprechende Gesetze zu verabschieden, gegen die lokalen Behörden. Die lokalen Behörden unterstützen diese Formen von Verschrottung. Sie möchten so ihre ökonomische Entwicklung vorantreiben. Und die Lokalbehörden verdienen damit Geld.

In den letzten Jahren ist Peking schärfer gegen den Import von E-Schrott vorgegangen, und die Regierung hat neue Gesetze gegen den Handel mit E-Schrott verabschiedet.

Einige Schiffsladungen aus Übersee sind beschlagnahmt worden. Aber die Ergebnisse waren bescheiden. Immer noch findet eine Menge Schrott seinen Weg an die chinesischen Grenzen.

Ich war auf einer Konferenz. Dort hat ein Typ gesagt, dass er Schrott nach China verschifft. Er meinte, auch wenn die chinesische Regierung gegen den Import von gefährlichem E-Schrott hart durchgreift, so braucht er bloß einen 100-Dollar-Schein oben auf den Container zu legen. Und schon kommt er durch den Zoll.

Wenn man zulässt, dass das alles ohne irgendwelche Auflagen in die Umwelt entweichen kann, dann verursacht das einen Riesenschaden. Es gibt bereits einen Riesenschaden, es geht aber noch schlimmer. Um wie viel schlimmer, kann ein Besuch in Taiwan veranschaulichen.

Süd-Taiwan war ein Vorreiter und Pionier bei der Verarbeitung von E-Schrott oder moderner „Goldschürferei“. Der Erhjen-Fluss hat einen großen Teil an E-Schrott-Gift aufgenommen. Die Beweise für Vergiftung sind immer noch stark, und das 20 Jahre danach. 20 Jahre lang haben sie hier E-Schrott bearbeitet, 60.000 Leute waren dabei beschäftigt. Sie haben den Schrott verbrannt, genau wie jetzt in China.

Die Vergiftung durch E-Schrott beschädigt den teilweise gesäuberten Fluss immer noch.

Sie haben hier bis zu 2 Kilo Gold am Tag herausgeholt. Die Platinen haben sie einfach weggeworfen. Dann wurden sie von der Umweltschutzbehörde geschlossen. Tausende Platinen liegen an den Ufern. Sie wirken wie Felsbrocken, wie ein Teil des Öko-Systems, sind es aber nicht. Und dann sind sie weitergezogen, nach China und in andere Teile der Erde.

(Ende der Filme)

Die sich ausbreitende informellen Schrott-Ökonomie existiert nicht nur in Entwicklungsländern. Auch in Deutschland sammeln Schrotthändler kaputte Computer und Monitore, denn das Ausschlachten von Elektroschrott bietet eine, wenn auch giftige und prekäre, Einkommensquelle. Erst 2006 wurde in Pinneberg eine solche informelle „Recycling-Firma“ entdeckt. Hier zerlegten die Arbeiter ohne Schutzbrillen und Schutzmasken alte PC Monitore mit Akkuschraubern und Hämmern. Das mit Schwermetallen wie Arsen, Kadmium und Quecksilber belastete gebrochene Glas lagerte in der Halle in Pappkartons. 68

In Österreich werden inzwischen Arbeitslose in so genannte „sozial-ökonomische“ Betriebe zwangsvermittelt, in denen Computerschrott verarbeitet wird. Der Verdienst liegt weit unter dem für diese Tätigkeit eigentlich gültigen Tarif-Vertrag Metall-Chemie. 69

Schlussfolgerungen

Die Produktion von digitalen Maschinen verschlingt große Mengen an Rohstoffen und Energie. Der materielle Aufwand zur Produktion verläuft umgekehrt proportional zur Verkleinerung der Produkte: je kleiner („dematerialisierter“) die digitale Maschine, desto größer der Materialverbrauch bei der Herstellung.

Die Verbilligung der digitalen Maschinen ist nicht der fortschreitenden Automatisierung, sondern der Verbilligung der Löhne durch die Auslagerung in Billig- und Billigstlohnländer geschuldet.

Digitale Maschinen werden in tayloristischer Massenfabrikation hergestellt. Die Anteile an „post-fordistischer“ oder „toyotistischer“ Arbeitsorganisation sind verschwindend gering. Die Fabriken sind vom ähnlichem Typus wie die Turiner Fiat-Werke der 60er und 70er-Jahre: massenhafte Fließbandarbeit, Herstellung vieler verschiedener Halbfertigwaren am gleichen Fabrik-Gelände (vertikale Fertigung)

Digitale Maschinen sind arbeitsintensiv. Das Märchen über die vollautomatische Produktion wird nur durch die Auslagerung der Produktion (aus den Augen, aus dem Sinn) einerseits, andererseits dadurch, dass die digitalen Maschinen von Frauen erzeugt werden (Frauenarbeit ist unsichtbar), aufrechterhalten.

Der Herstellungs- und Entsorgungsprozess der digitalen Maschinen ist hoch giftig und gesundheitsschädlich, sowohl für die unmittelbaren ProduzentInnen als auch für die BewohnerInnen der Produktionsgebiete. Die digitale Industrie ist wahrscheinlich die derzeit menschen- und umweltschädigendste Industrie, die der zeitgenössische Kapitalismus hervorgebracht hat.

Quellen und Anmerkungen

Weitere Hinweise:

Eine gute Ausgangsquelle für Materialien ist: http://pc-global.org

Buchtipp: Pun Ngai, Li Wanwei: Dagongmei Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen; ISBN 978-3-935936-73-6 erscheint Juni 2008 bei Assoziation A