emarrakech.info, AFP, maghrebinfo.blog.20minutes.fr, tempsreel.nouvelobs.com

Mörderischer Brand in einer Matratzenfabrik in Casablanca

Im Zusammenhang mit den Lebensbedingungen und Organisierungsversuchen der MigrantInnen in Südspanien illustriert ein kurzer Bericht über die aktuelle Arbeitsplatz-Katastrophe bei „Rosamor ameublements“ in Casablanca am Samstag, den 26.4.2008, warum Leute aus Nordafrika bereit sind, sich auswärts ausbeuten zu lassen.

Laut Fernsehberichten gehört „Rosamor ameublements“ zu Richmond, einer Firma, die offenbar auf franchising-Basis marokkanische Möbel erzeugen lässt und in Frankreich, Spanien, Holland und Belgien vertreibt. Beide Firmen halten sich in ihren Internet-Auftritten sehr bedeckt und konzentrieren sich auf ihr Angebot an marokkanischen Salons (700, Euro).für Migrantenfamilien in den Metropolen.

Das Feuer brach um 10 Uhr vormitttags im Erdgeschoß des 5stöckigen Produktionsgebäudes aus und breitete sich schnell in den anderen Stöcken aus. Das Vorhandensein von chemischen Produkten (und von Materialien für die Matratzenproduktion, wie Schaumgummi, Holz und Klebstoff) wirkte sich verheerend für die Brandentwicklung aus, was sogar die Polizeipräfektur von Casablanca hervorhebt. Brandursache dürfte ein Kurzschluß gewesen sein. 55 tote ArbeiterInnen und 12 zum Teil schwer Verletzte sind die vorläufige Bilanz dieses Desasters.

Daß der Besitzer und sein Sohn am Sonntag festgenommen wurden, zeigt die Dimension des Brandes. Ob ihnen die skandalösen Un-Sicherheitsbedingungen des Gebäudes angelastet werden, und die behördliche Korruption, die die offizielle Registrierung dieser Firma ermöglicht hat, zur Sprache kommen wird, steht noch aus. Daß nun behauptet wird, eine Zigarette sei Ursache des Brandes, deutet darauf hin, daß die Schuldzuweisung langsam von den Besitzern weg auf die ArbeiterInnen§ geschoben werden könnte.

Auch Maghrebinfo hat sich auf die Suche nach Informationen über diese Firma gemacht und dabei festgestellt, daß sie zumindest in zwei marokkanischen Firmenregistern mit maximal 10 Beschäftigten, davon 4 Vorarbeiter, aufscheint, was auch den Behörden bekannt sein dürfte. Die 55 Toten sprechen eine eigene Sprache, einige Quellen sprechen von der Anwesenheit von mehr als 100 Personen im Gebäude, alles in allem aber von 400 Beschäftigten auf 30 bei der Sozialversicherung gemeldete. Das deutet nicht nur darauf hin, daß ein Großteil der Beschäftigten nur mit Zeitverträgen arbeitete, sondern auch und vor allem, daß die Korruptionskultur es möglich macht, kleine Leute ohne offizielle Anmeldung und ohne soziale Sicherheit fern aller Gesetzgebung schuften zu lassen.

Familienangehörige sprechen von Löhnen zwischen 250 dirhams (20 Euro) und 350 dirhams (30 Euro) pro Woche ohne Sozialversicherung.

Aus Angst vor Diebstählen alles verriegelt und vergittert

Sogar der regionale Kommandant des Zivilschutzes prangert die Umgehung der Sicherheitsnormen an. Kein Notausgang, verschlossene Eingangstür, verschlossene Dachluke, vergitterte Fenster, leere Feuerlöscher sowie veraltete Leitungen und Geräte, alles in allem mittelalterliche Arbeitsbedigungen.

„Diese Art Brände sind recht häufig in Casablanca, aber normalerweise sind die Fabriken entsprechend ausgestattet, um solchen Situationen paroli zu bieten“, zitiert AFP einen Textilunternehmer.

3 Stunden hat die Feuerwehr gebraucht, um den Brand einzudämmen, 12 weitere Stunden brauchte sie, um die Glutnester zu löschen. Die Tatsache, daß das Gebäude hermetisch abgeschlossen war, erleichterte der Feuerwehr die Arbeit nicht. Auf nebenstehendem Foto kann man erkennen, daß erst eine Mauer aufgebrochen werden mußte, damit Retter hinein konnten. Augenzeugen berichten, daß es nicht die Feuerwehr war, die die Mauer aufgebrochen hat, sondern die herbeigeeilten Menschen. Die Feuerwehr kam erst mit 4 Stunden Verspätung an, auch mit dem Taxi. In blogs erzählen Augenzeugen, daß kein Wasser aus dem Hydranten auf dem Gehsteig kam, dass die Spitäler, in die die Verletzten gebracht wurden, teils bis zu 100 km von Casablanca entfernt sind und dass ausländische Medien über die Katastrophe lange vor den marokkanischen Fernsehstationen RTM und 2M berichteten. Immer wieder wird die Korruption angeprangert und die Hoffnung geäußert, dass endlich einmal solche Mörder verknackt werden.

Einer der Arbeiter schildert, dass er nach oben gelaufen ist und mit einer Gasflasche die Fenstergitter eingeschlagen hat. Er selbst und vier andere sprangen aus dem 3. Stock. Die meisten Arbeiterinnen wagten es nicht, sich in die Tiefe zu stürzen und kamen in dem Massengrab um. Ein Arbeiter zerschlug ein Gitter mit einem Feuerlöscher und stürzte sich aus dem 2. Stock. Wer nicht entkommen konnte, verbrannte oder erstickte.

Im Gestank von verbrannten Menschen und Chemikalien sagt die 70jährige Mutter einer toten Arbeiterin: „Der Besitzer hat mehr daran gedacht, seine Matratzen und seine Rohstoffe zu schützen als das Leben seiner Beschäftigten“.