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Der Kampf um existenzsichernde Löhne

Die Marikana-Mine bei Rustenberg im Territorium Nord-West, Südafrika, ist die reichste Platinmine der Welt. Nach sechs Tagen Arbeitsunterbrechung bejammerte die in London ansässige Geschäftsführung von Lonmin, das die Mine betreibt, einen Förderverlust von 15.000 Unzen Platin. Eine Unze Platin notiert zur Zeit bei ca. 1.000 US-Dollar.

Die Mineure an den Bohrern und ihre Gehilfen sind die am schlechtesten bezahlten Arbeiter in der Mine. Sie verdienen 4.000 Rand monatlich (ca. 400 Euro) und riskieren täglich ihr Leben. Erkranken sie an der gefürchteten Staublunge, so erhalten sie (bestenfalls) eine Abfertigung und werden entlassen. Die Mineure der reichsten Platinmine der Welt leben in Baracken in sogenannten „informellen Siedlungen“. Das sind Siedlungen von selbst errichteten Baracken, ohne Strom, ohne Straßen, ohne Sanitäranlagen, ohne jegliche Infrastruktur, ständig bedroht von Räumung. Am 10. August 2012 traten 3.000 Arbeiter der Marikana-Mine, die meisten von ihnen Mineure, in den Streik mit der Forderung nach einem Monatslohn von 12.500 Rand.

Diese Lohnforderung mutet auf den ersten Blick utopisch an. Die Streikenden selbst haben u.a. erklärt, dass sie ihre Forderung auch als teilweise Kompensation dafür betrachten, dass sie bisher weit unter ihrem Existenzminimum bezahlt worden sind. Und sie greifen die Erfahrungen ihrer Kollegen bei Implats auf.

Im Februar 2012 ging ein wochenlanger Streik bei Impala Platinum (Implats), ebenfalls im Platingürtel von Rustenberg gelegen, zu Ende. Nachdem das Unternehmen während des Ausstands 17.200 Arbeiter gekündigt hatte, musste es nach Ende des Streiks 15.000 von ihnen wieder einstellen. Die Arbeiter hatten eine Lohnerhöhung von 4.000 auf 9.000 Rand gefordert und erhielten schließlich mehr als 8.000 Rand zugestanden. Auch bei Implats hatte es Todesopfer gegeben, auch bei Implats war es ein „wilder“ Streik, ehe er von der NUM übernommen und beendet wurde.

… ist ein Kampf gegen gelbe Gewerkschaften

Die Chronik des Massakers von Marikana beginnt am Sonntag, 12.8.2012. Bis dahin versammeln sich die Streikenden im „Wonderkop Hostel“ im Lager der Bergarbeiter. Am Sonntag werden sie plöztlich von „Heckenschützen in roten T-Shirts der NUM“ beschossen, wobei zwei Streikende ums Leben kommen. Seither dient ein Hügel außerhalb des Lagers als Versammlungsort.

Die NUM (National Union of Mineworkers) ist die alte, die ANC-Gewerkschaft. Sie wurde in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts im Kampf gegen die Apartheid gegründet. Die NUM ist eine der wichtigsten Teilgewerkschaften des südafrikanischen Gewerkschafts-Dachverbandes COSATU. Doch immer mehr ArbeiterInnen verlassen diese Gewerkschaft, deren Chef heute mit 105.000 Rand monatlich nach Hause geht, und deren ehemaliger Vorsitzender heute Aktionär von Lonmin ist.

Heute vertritt die NUM vor allem bessergestellte Angestellte, und ihr Recht auf Kollektivvertragsverhandlungen hat sie bei Lonmin bereits verloren dazu bräuchte sie eine 60%ige Mitgliedschaft in der Mine.

Wegen der „sozialpartnerschaftlichen“ Politik der NUM-Führung hat sich in den 90er Jahren die AMCU (Association of Mineworkers and Construction Union) gegründet. Sie verzeichnet in den Minen regen Zulauf von enttäuschten NUM-Mitgliedern und ist auch in Marikana wesentlich beliebter als die NUM.

Am Mittwoch, 15. August 2012, kann sich die versammelte Presse einen Eindruck davon machen. Sie lauert hinter rund 30 Polizeifahrzeugen, die 150 Meter von den am Hügel versammelten Minenarbeitern entfernt stationiert sind. Am Nachmittag erscheint zuerst der Präsident der NUM, Senzeni Zokwana. Er wird von einem gepanzerten Polizeitransporter zum Hügel gebracht, fordert von dort aus die Streikenden auf, wieder an die Arbeit zu gehen und verlässt danach eilig die Szenerie.

Nach ihm tritt der Präsident der AMCU, Joseph Mathunjwa, auf, weigert sich, der polizeilichen Aufforderung, in einen Wagen zu steigen, nachzukommen, und geht zu Fuss zur versammelten Menge. Mathunjwa versucht, die Streikenden unter Kontrolle zu bringen: „Ihr seid keine Bazillen, ihr seid genauso wie wir“, ruft er in Anspielung auf die Presseberichte über den Streik. „Niemand wird entlassen werden, aber ich muss euch darüber aufklären, dass die Polizei das hier zu einer Sicherheitszone erklärt hat“, leitet er zum Beschwichtigen über. Er werde dabei helfen, bessere Bedingungen bei Wiederaufnahme der Arbeit herauszuholen, verspricht der AMCU-Präsident. Er erntet Applaus, aber der Streik geht weiter.

Selbstorganisierung

Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gewerkschaften haben zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Todesopfer gefordert. Nach den Schüssen im Hostel kamen bei Zusammenstößen weitere vier Arbeiter, zwei Polizisten und zwei Angehörige der werkseigenen Security ums Leben. Für die Presse ein gefundenes Fressen und der Beweis für die „Gewalttätigkeit“ der Streikenden.

Dieser Streik wird von den Bergarbeitern selbst geführt, sie lassen zwar die Gewerkschafter sprechen, aber ihre Entscheidungen treffen sie selbst in ihrer Versammlung. Und sie beschließen, dass sie keineswegs an die Arbeit gehen werden, ehe ihre Forderung nicht erfüllt wird.

Ein Streikender erklärt, dass „die Männer sich nicht unter der Fahne einer bestimmten Gewerkschaft versammelt“ hätten, und dass der Streik „vielleicht von Arbeitern an den Bohrern begonnen worden“ sei, aber „alle bei Lonmin“ seien hier vertreten. Ein anderer erzählt, die Verhandlungen mit der Polizei seien am Mittwoch abgebrochen worden, weil die Arbeiter erkannt hätten, dass „NUM-Mitglieder in den Hippos 1 waren, genau dieselben Leute, die uns (am Samstag) umgebracht haben.“ Und zum Beweis fragte er: „Welche Polizisten sprechen denn Fanakano 2 ?“

Das Massaker

Am Donnerstag, 16. August 2012, nachmittags lässt das Lonmin-Management verlauten: „Die streikenden Bergarbeiter sind immer noch bewaffnet und bleiben der Arbeit fern. Das ist nach dem Arbeitsgesetz illegal. Deshalb wurde den illegal Streikenden in Übereinstimmung mit einem Gerichtsbeschluss vom 11. August 2012 heute ein letztes Ultimatum gestellt, an die Arbeit zurückzukehren, und zwar zu ihrer nächsten Schicht am 17.8. oder sie riskieren die Entlassung.“

An diesem Donnerstag hat das Innenministerium bereits über 3.000 Polizisten in Marikana konzentriert: Aufstandsbekämpfungspolizei, Spezialeinheiten mit Hubschraubern, gepanzerten Fahrzeugen, Wasserwerfern, Pferden. Sie riegeln den Hügel, auf dem die Streikenden ihre Versammlung abhalten, mit NATO-Drahtverhauen ab und verschanzen sich hinter ihren Panzerfahrzeugen. Als eine Gruppe Streikender sich vom Rest entfernt, wird sie unter Beschuss genommen. Drei Minuten lang feuern die Polizisten aus automatischen Waffen auf die Gruppe. Dabei werden etwa ein Dutzend Kumpel erschossen.

Ein noch schlimmeres Massaker findet dann abseits der Pressekameras am Rande des Hügels in unzugänglichem Gelände statt. Hier bringen die Polizisten noch einmal mehr als 20 Streikende um, indem sie sie aus nächster Nähe erschießen oder mit ihren Fahrzeugen überrollen.

Insgesamt werden bei diesem Massaker 34 Menschen ermordet, weitere 78 schwer verletzt.

Später werden Polizeichefs aussagen, sie seien zuerst beschossen worden. Aber nirgendwo finden sich Spuren für diese Behauptung, kein Polizeifahrzeug, kein Polizist, kein Journalist ist verletzt worden. Die Presse wird geifern, die Streikenden wären bewaffnet gewesen, doch diese „Waffen“ waren selbstgebastelte, traditionelle Speere und Macheten. Es wird heißen, die AMCU habe die Bergleute aufgehetzt, doch die hatte selbst ein Ende des Streiks gefordert. Die Kumpels wussten, worauf sie sich einließen, und sie wussten, dass sie nur gewinnen können, wenn sie hart bleiben.

Der Streik geht weiter

Am nächsten Tag versammeln sich die Frauen der Bergarbeiter am Hügel und demonstrieren gegen die Repression. In mehreren Städten Südafrikas, in Auckland/Neuseeland und anderswo kommt es zu Solidaritätskundgebungen. Auch in Wien demonstrieren ca. 20 Menschen vor der südafrikanischen Botschaft. Marikana erlangt weltweite Bekanntheit.

Wenn die Regierung und das Lonmin-Management geglaubt haben, mit dem Massaker vom 16. August den Streik zu brechen, so müssen sie feststellen, dass die Streikenden jetzt entschlossener denn je sind. Am 28. August erklärt einer der Arbeiter: „Wir würden unsere Genossen betrügen, die für die 12.500 Rand gefallen sind. Wir können ohne (die Erfüllung dieser Forderung) nicht zurück an die Arbeit gehen.“ Dieser Arbeiter erzählt weiter: „Ich gehe täglich 10 Kilometer vom Karee Hostel nach Wonderkop, um mich mit anderen Arbeitern zu treffen in einem Kampf um einen besseren Lohn“.

Neben der Erfüllung ihrer Lohnforderung bestehen die streikenden Bergarbeiter von Marikana nun auf einer weiteren Forderung: der nach Freilassung ihrer 260 während der Auseinandersetzungen verhafteten Kollegen.

Auch die Regierung bekommt die Wut der Bergarbeiter zu spüren. Präsident Zuma zieht es bei seinem Besuch in Marikana vor, die Streikenden erst gar nicht zu treffen. Er setzt eine „ministerielle Untersuchungskommission“ ein und schickt sie vor Ort. Den Ministern wird umgehend erklärt, dass sie das Lager erst betreten dürfen, wenn die Polizei sich zurückzieht. Dann werden sie mit Vorwürfen überhäuft. Ein streikender Kumpel: „Sogar ein Huhn bewacht alle seine Eier. Obwohl wir euch, den ANC, gewählt haben, schickt Zuma seine Polizei, um uns umzubringen!“ Anschließend werden die Minister aus dem Lager der Streikenden rausgeworfen.

Inzwischen dehnt sich der Streik über den Platin-Gürtel um Rustenberg aus. In mehreren anderen Minen treten die Belegschaften in den Streik mit der gleichen Forderung: 12.500 Rand Monatslohn.

Ein Krieg gegen die Armen

In einer ersten Stellungnahme am 17.8.2012 schreibt die Bewegung der BarackenbewohnerInnen, Abahlali baseMjondolo u.a.: „Mehr als 25 Menschen sind seit 2000 bei Protesten von der Polizei erschossen worden. AktivistInnen werden gefoltert und heimtückisch umgebracht. Unsere Siedlung Kennedy Road (in Durban) wurde im September 2009 von bewaffneten Männern überfallen, 2 Menschen getötet, die Häuser unserer Mitglieder geplündert und zerstört. Es ist höchst an der Zeit, dass alle fortschrittlichen Kräfte sich zusammentun, um diesem Blutbad ein Ende zu bereiten. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es in diesem Land einen Krieg gegen die Armen gibt.“

In diesem Krieg ist die NUM Teil der Dreiparteienallianz von COSATU, SACP (KP Südafrikas) und dem ANC, dessen Generalsekretär sich nicht entblödet, die Streikenden als „Konterrevolutionäre“ zu diffamieren, die „unsere Bewegung untergraben und die Ressourcen unseres Landes an ausländische Kräfte übergeben“ wollen. Die NUM vertritt inzwischen vor allem Angestellte, die ArbeiterInnen laufen ihr in Scharen davon wie dem ANC die WählerInnen.

In diesem Krieg steht die Presse auf der Seite des ANC. Im Gleichklang hat sie die Streikenden als Xhosa („Ausländer“), als von der AMCU manipulierbar und vollgepumpt mit Drogen dargestellt. Der österreichische „Standard“ suggeriert gar, dass nach dem Massaker der Streik zusammengebrochen sei.

Auf der anderen Seite befinden sich die 40% arbeitslosen SüdafrikanerInnen, die Millionen SlumbewohnerInnen, die prekarisierten, die migrantischen ArbeiterInnen. Seit 2009 wurden in Südafrika täglich durchschnittlich 2,9 Unruhen verzeichnet, die Zahl der Demonstrationen steigt jedes Jahr an. Der sogenannte „Aufstand der Armen“ verstärkt sich. Nach den informellen Siedlungen haben die Kämpfe nun die industrielle Sphäre erreicht.

Die neue Bourgeoisie Südafrikas verteidigt sich mit allen Mitteln

Während die Apartheid die südafrikanischen ArbeiterInnen in townships gesperrt hat, fristen in der ANC-“Demokratie“ Millionen ihr Leben in informellen Siedlungen, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Sanitäranlagen und Straßen. Immer in Gefahr, in abgelegene Wellblechhütten-Siedlungen deportiert zu werden. Immer unter Druck der lokalen ANC-Bosse, die die Stadtratsposten besetzen. Der ANC-Neoliberalismus sorgt für Heimarbeit, Leiharbeit, Obdachlosigkeit, flexible Arbeitszeiten.

Der ANC hat im Kampf gegen die Apartheid Strukturen aufgebaut, die undemokratisch, geheim und gewalttätig (auch gegenüber den eigenen Mitgliedern) waren. Aus diesen Strukturen rekrutieren sich die meisten der heutigen „demokratischen“ Minister, Polizeichefs und neuen, schwarzen Kapitalisten Südafrikas.

Das Massaker von Marikana ist der Versuch der ANC-regierten Staatsmacht, die Privilegien der Mineneigentümer gegen die ArbeiterInnen aufrecht zu erhalten, es reiht sich ein in die Verbrechen unter der Apartheid: Sharpville, Boipatong… In diesem Punkt tritt der ANC direkt in die Fußstapfen seiner Apartheid-Vorgänger. Der ANC hat die Umwandlung von einer Befreiungsbewegung in die herrschende Partei des großen Kapitals erfolgreich zum Abschluss gebracht.

Eine neue Massenbewegung?

1973 brach eine Reihe wilder Streiks in Südafrika aus. Heute wird das als Wiederaufleben einer Massenbewegung damals begriffen. Nun steht Südafrika möglicherweise ebenfalls vor einer neuen Massenbewegung. Einer Bewegung, darauf weist Abahlali baseMjondolo hin, die keinesfalls die Fehler des ANC wiederholen darf: „Die Gefahr, vor der wir stehen, kann daraus entstehen, wie Menschen auf Unterdrückung antworten, und ebenso aus der Unterdrückung selbst. Über uns bricht ein Krieg herein, und wir müssen so kämpfen, dass wir uns niemals in unsere Feinde verwandeln. Wir müssen mit unserer eigenen Politik, die eine militante Politik des Volkes ist, die damit beginnt und endet, dass wir die Würde aller Menschen ehren, Widerstand leisten. Wir müssen ein Ende dieses Staates der Gewalt fordern. Früher oder später werden die Gewehre auf uns gerichtet werden wir sind alle Marikana-ArbeiterInnen.“

Wie viele KommentatorInnen in Südafrika bemerken, wird dieser Krieg gegen die Armen auch medial geführt. Deshalb halten wir es für wichtig, die Akteure selbst zu Wort kommen zu lassen. Leider haben wir bisher kaum Statements der streikenden Kumpel von Marikana gefunden, mit Ausnahme einiger kurzer Zitate in den hier veröffentlichten Beiträgen. Was wir gefunden und übersetzt haben, sind daher die Stellungnahmen von sozialen Bewegungen und sympathisierenden Intellektuellen und JournalistInnen aus Südafrika. Sie zeichnen ein völlig anderes Bild als die hiesige Presse.

Das Schlusswort in Leonard Gentle‘s Beitrag gilt jedenfalls auch für Menschen, die hier um soziale Befreiung kämpfen: „Wir wissen nicht, welche Höhen und Tiefen die Leute durchmachen müssen, aber wenn die Saat einer neuen Bewegung erst gesät ist, wird es Zeit zu fragen, was der Rest von uns tun kann, um ihr beim Wachsen zu helfen.“ Und: „ Anstatt bloß unsere Empörung hinauszuschreien ist es an der Zeit, Stellung zu beziehen und unsere Unterstützung anzubieten.“

Anmerkungen