wildcat nr. 89 nach: www.schattenblick.de/infopool/medien/altern/wild-024.html

Die Ölrente läuft aus

Der Anstieg der Ölpreise auf das Rekordhoch von 147 Dollar je Barrel im Jahr 2008, die erneute Preissteigerung im Verlauf von 2010 und nun die Aufstände im arabischen Raum lassen die Debatte über das globale Ölfördermaximum wieder hochkochen. Seit dem Beginn der Erdölförderung vor ca. 150 Jahren wuchs die Fördermenge weltweit stetig oder in Schüben auf 85 Millionen Barrel 1 Rohöl pro Tag (mb/d). Seit Jahrzehnten wird unter dem Stichwort Peak Oil darüber diskutiert, wann der Höhepunkt auf der Förderkurve erreicht ist, wann Stagnation oder ein Rückgang einsetzt. Den Begriff hatte M.K. Hubbert, Geophysiker am Shell-Forschungslabor in Houston, in den 1960er Jahren geprägt. Demnach folgt der Verlauf der Ölförderung bei einzelnen Quellen, Ölfeldern oder Regionen einer Logistischen Verteilung, die oft mit einer Glockenkurve illustriert wird. Damit hatte er das Ölfördermaximum für die USA korrekt für Anfang der 1970er Jahre vorhergesagt. Für die Weltgesamtförderung hatte er den Peak auf den Anfang dieses Jahrtausends berechnet.

Heute hat die Ölförderung in mehr als 60 von etwa 100 Ländern, in denen Öl gefördert wird, ihren Höhepunkt überschritten. Die konventionell abbaubaren Ölvorräte sind vermutlich alle entdeckt. Und die Förderung aus existierenden Feldern sinkt schneller als noch vor ein paar Jahren gedacht. Der Rückgang der Ölförderung in allen aktiven Feldern liegt laut Internationaler Energieagentur (IEA) bei jährlich 6,7 Prozent noch 2007 war die Organisation von nur 3,7 Prozent ausgegangen. Gleichzeitig wächst die Nachfrage weiter an. Allein die chinesischen Ölimporte stiegen 2010 um 17,5 Prozent auf die Rekordmenge von 4,79 mb/d. Dazu kommt die Nachfrage aus Indien und anderen Schwellenländern, sowie der steigende Konsum in den ölproduzierenden Ländern selbst (auch Indonesien importiert inzwischen Erdöl).

Eine neue Energiequelle, die das Öl v. a. seinen Einsatz in Motorfahrzeugen ersetzen könnte, ist nicht in Sicht. Zwar wurden in der Vergangenheit durch höhere Preise neue Ölquellen rentabel und die Fördermengen immer wieder über das jeweils prognostizierte Maximum hinaus gesteigert. Aber aus den Ölpreissteigerungen der letzten Jahrzehnte haben Ökonomen errechnet, dass 20 Dollar Preiserhöhung pro Barrel Erdöl das globale Wirtschaftswachstum um einen Prozentpunkt drückt, 50 Dollar Preiserhöhung käme einem transportbedingten Aufschlag von 11 Prozent auf alle weltweit gehandelten Güter gleich. Die aktuelle Flucht der Ölmultis zu Tiefsee- und Polarbohrungen, zur Ölgewinnung aus Ölsand und Ölschiefer steigert die Kosten (und die Risiken der Exploration) exponentiell. In der Folge werden Benzin, Heizöl und auch landwirtschaftliche und industrielle Erzeugnisse deutlich teurer. Alles nur eine Frage des Preises?

Peak Cheap Oil

Zwei Studien von 2010 zeigen die Wichtigkeit der Überlegungen zu der Maximalen Fördermenge. Die Bundeswehr beschäftigt sich in einer noch nicht freigegebenen Studie des Dezernats Zukunftsanalyse vom Juli 2010 mit Peak Oil. Und in ihrem World Energy Outlook 2010 schlägt die Internationale Energieagentur (IEA) ungewohnt neue Töne an. Die erste Studie sieht den Peak mit einer „gewissen Wahrscheinlichkeit“ für das Jahr 2010 und damit „ein hohes systemisches Risiko [...] in Anbetracht des Globalisierungsgrades Deutschlands“ bemerkenswerterweise „unabhängig von der eigenen Energiepolitik“. Umfangreichere militärische Auswirkungen erwartet sie allerdings erst mit einer zeitlichen Verzögerung von 15 bis 30 Jahren. Aber schon für die kommenden Jahre erwarten die Bundeswehr-Forscher sowohl weltweit als auch insbesondere für Deutschland erhebliche ökonomische und soziale Konsequenzen der Ölverknappung, darunter „auf mittlere Sicht das Ende der wirtschaftlichen Wachstumsdynamik“. Das werde zu Versorgungsengpässen, dem „wirtschaftlichen Bedeutungsverlust westlicher Industrieländer“, Hungerkrisen und einer Neuverteilung der geopolitischen Macht führen. Die betroffenen Bereiche wie Verkehr, Landwirtschaft, chemische und Automobilindustrie, sinkende Kaufkraft und die zu erwartende „Transformationsarbeitslosigkeit“ fügen sich zu einem Katastrophenszenario. Es könne ein Wendepunkt erreicht werden, ab dem das Wirtschaftssystem kippt (kein Wunder, dass die Bundesregierung öffentlich eine andere Meinung vertritt). 2

Auch die IEA spricht offen von Peak Oil und zeigt, dass die Förderung höchstens noch ein paar Jahre stabil gehalten werden kann und dann endgültig abrutscht (siehe Grafik). Nur wenn „noch nicht entwickelte Felder“ bereits jetzt die Produktion aufnähmen, könnte das heutige, leicht abgesunkene Niveau bis etwa 2015 stabilisiert werden. Ab dann müssten Felder dazu kommen, die noch nicht gefunden sind! Im Jahr 2020 erreicht die Rohölforderung ein instabiles Plateau von ca. 67-69 mb/d, der absolute Höchstwert des Jahres 2006 kann nie mehr erreicht werden. Weil sie stark auf wachsende Fördermengen bei nicht-konventionellem und Tiefseeöl, sowie Kohle- und Gasverflüssigung setzt, verneint und bestätigt die IEA Peak Oil im selben Atemzug. Aber so oder so ist auf jeden Fall Peak Cheap Oil erreicht.

Flucht in die Tiefe

Tiefsee-Öl macht heute etwa sechs Prozent der weltweiten Ölförderung aus, aber es ist das letzte Reservoir der Ölmultis. Darin liegt die große strategische Bedeutung des Deep-Water-Horizon-Unfalls im Golf von Mexiko. 3 Die Bundesanstalt für Rohstoffe hatte für 2015 mit Peak Oil gerechnet und sieht es durch den Unfall nun ein Jahr früher.

Auch der Ausweg zum Polaröl führt zu krassen ökologischen und geopolitischen Konsequenzen. Zudem zeigt er den Trend zum weltweiten Machtverlust der Ölmultis gegenüber staatlichen Konzernen. Nur durch einen Aktientausch mit Rosneft, den die FTD „russisches Roulette“ nannte, konnte sich BP perspektivisch den Zugang zum begehrten Öl aus der Arktis verschaffen.

Peak Oil hängt also ab von der Menge förderbaren Öls, von Neufunden, von Preisen (plus Spekulation) 4 , von möglichen Alternativen, von der Nachfrage, vom technologischen Fortschritt und von einer ganzen Menge an politischen, sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Aber wie kommt das Erdöl zu seinem Preis? Der „Ölschock“, die Ölkrise Anfang der 1970er Jahre hatte diese Frage und die politische Bedeutung der Energiefrage im Klassenkampf auf die Tagesordnung gebracht. Viele linksradikale/marxistische Analysen spürten diesem Zusammenhang nach und sahen unterschiedliche Akteure hinter den Bewegungen des Ölpreises: die OPEC, die Ölmultis, das US-Kapital. Die Vordenker des Kapitals stellten hingegen die zur Neige gehenden Rohstoffe in den Mittelpunkt und schleuderten diese „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome) gegen die weltweiten Kämpfe „die Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel“. Bis heute sind viele Debatten von dieser Frontstellung geprägt.

Öl und Klassenkampf

Die Energiepreise sind heftig umkämpft; 2010 wurde z.B. in der BRD ca. 800.000 Haushalten der Strom und 400.000 das Gas abgestellt. Es ist bezeichnend, wie stark die Mineralölsteuer das Kapital gegenüber den Autofahrern (ca. 60-70 Prozent Steueranteil) bevorzugt. Die niedrigere Besteuerung von Dieselkraftstoff gegenüber Ottokraftstoff subventioniert den Straßengüterverkehr, Flugbenzin ist steuerfrei, dasselbe gilt für Treibstoffe in der Schifffahrt usw.

Uns hatte deshalb in den 70er und 80er Jahren der Ansatz von Zerowork (später Midnight Notes bzw. Midnight Oil) überzeugt, die auch den Ölpreis politisch zu fassen versuchen und in der globalen Erdölindustrie eine neue Klassenzusammensetzung, das „Erdölproletariat“, heranwachsen sehen gegen das die Kriege der USA gerichtet waren und sind. 5 Aber drei Einwände sind nicht von der Hand zu weisen: Eine Theorie, die sich mit Peak Oil nicht kritisch auseinandersetzt, sondern es schlichtweg bestreitet, ist historisch neben der Spur. Zweitens ist die Figur des „Erdölproletariats“ nicht sichtbar geworden. Midnight Notes zählen dazu die Wanderarbeiter auf den arabischen Ölfeldern, die dort arbeitenden Prostituierten, die hochbezahlten Technikerarbeiter auf den Ölplattformen, die Tanklastfahrer usw.

Es ist auf jeden Fall richtig, dass diese Leute in den letzten 120 Jahren sehr viele Kämpfe ausgefochten haben. Es kam dabei aber zu keiner Homogenisierung, zu keiner Angleichung der Bedingungen; diese sind krass unterschiedlich. Drittens ist die These von der Manipulation des Erdölpreises Kampf gegen die Arbeiterklasse marxistisch schwer zu halten. Aufheben entgegnet mit Cyrus Bina, der Erdölpreis ließe sich ohne Marxens Rententheorie nicht verstehen dreht sich dann aber im Kreis der kapitalistischen Konkurrenz. 6 Dazu weiter unten, zunächst zum Zusammenhang von Klassenkämpfen und Erdöl/Energie.

Kämpfe auf den Ölfeldern

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die russischen Ölunternehmen mit Nobel an der Spitze bereits die USA in der Ölgewinnung überflügelt, die Hälfte der damaligen Weltproduktion kam aus Baku. 7 Als 1897 Shell gegründet wurde und 1901 nach riesigen Ölfunden in Texas die neuen Wettbewerber Texaco und Gulf hinzu kamen, versuchten die Rothschilds, Nobels und Rockefellers zu einer Annäherung und Kartellbildung zu kommen. Dass dieses Projekt scheiterte, hängt auch mit der explosiven Lage in Baku und dem Kaukasus-Gebiet zusammen. Was in Romanen der 30er Jahre über die Verhältnisse auf US-amerikanischen und mexikanischen Ölfeldern zu lesen war, lief dort eine Generation früher ab. Die „wahre Brutstätte der Revolution“ (Lenin) in Russland lag weniger im aristokratischen St. Petersburg oder im altgläubigen Moskau, sondern in diesem „ölgetränkten Prometheus-Land im Kaukasus mit Baku im Zentrum.“ (Barudio) Die dortige Streikbewegung von 1903 bildete den Auftakt zum Flächenbrand, der bis zur russischen Revolution weiterglimmte. Dazu kam die veraltete Ölfördertechnik. Die Produktion des Nafta-Konzerns sank bis 1920 kontinuierlich auf ein Drittel, während sich die Weltförderung verfünffachte.

Die große Kraft hinter dieser Entwicklung waren die Arbeiter auf den Ölfeldern.

1919 hatte die Raffinerie von Abadan im Iran etwa 3400 Beschäftigte, darunter 2500 indische und 800 iranische. Hier kommt es am 9. Dezember 1920 zum ersten großen Streik. Indische Arbeiter fordem mehr Lohn, am nächsten Tag schließen sich ihnen iranische und arabische Arbeiter an mit Erfolg. Als im Mai 1922 die indischen Arbeiter erneut in Streik treten und die Verdopplung ihrer Löhne fordern, werden die Streikführer vom englischen Militär verhaftet. Etwa 2000 indische Arbeiter werden entlassen und nach Indien deportiert. Bis 1927 vervierfacht sich die Zahl der Beschäftigten, nun arbeiten hier etwa 10 170 Iraner, 4060 Inder und 530 Europäer. Im Mai 1929 wird die Abadan-Raffinerie erneut durch einen großen Streik lahmgelegt, der sich diesmal auch auf andere Ölstädte ausdehnt. Die Engländer schicken das Kriegsschiff Cyclamen in die iranischen Gewässer. Der Chef der Anglo-Persian Oil Company, der sich zur Verlängerung der umstrittenen Ölkonzession in Teheran aufhält, muss angesichts der Unruhen den Iran verlassen. 800 Polizisten und Tausende Soldaten werden eingesetzt, 300 Arbeiter verhaftet, einige von ihnen sollten dann bis zur Abdankung von Reza Schah in Haft bleiben. Trotzdem konnte die Revolte von 1929 Forderungen durchsetzen, darunter Lohnerhöhungen von 25 Prozent, bezahlten Urlaub und Acht-Stunden-Tag. (Ganz ähnlich entwickelte sich die Geschichte Mexikos vor 1938 und Venezuelas vor 1948.) Bekannt ist zudem die Rolle der iranischen Ölarbeiter in der letzten großen Revolution des 20. Jahrhunderts; ihr Streik führte zum Sturz des Schah und zur „zweiten Ölkrise“.

Andere „Störungen“ in der Ölversorgung

Steffen Bukold, der in seinem Buch „Öl im 21. Jahrhundert“ alle Ölkrisen seit Beginn der Ölindustrie aufzählt und die wichtigeren seit 1973/74 eingehend untersucht, kommt zu folgendem überraschenden Ergebnis: „Die unmittelbarsten Störungen der Ölversorgung der EU seit 1974 waren allerdings nicht auf externe Ursachen zurückzuführen sondern auf soziale Konflikte in den EU-Staaten, vor allem in England und Frankreich.“ Nur ein paar Beispiele: Ein Streik von Tanklastwagenfahrern brachte Großbritannien im Jahr 2000 an den Rand einer ernsten Wirtschaftskrise. Das Land war nur wenige Tagen vom Stillstand entfernt. 1996 hatte ein Streik der französischen LKW-Fahrer ebenfalls die Belieferung der Tankstellen unterbrochen. Die Hälfte der Departements musste das Benzin rationieren. 2007 unterbrach ein Streik französischer Hafenarbeiter wochenlang die Belieferung europäischer Raffinerien. Noch nicht untersuchen konnte Bukold die Streiks 2010 in den französischen Raffinerien und Häfen; die dadurch ausgelösten Versorgungsprobleme waren so gewaltig, dass Umwelt- und Energieminister Jean-Louis Borloo im Anschluss erklärte: „Wir sind haarscharf einer absoluten wirtschaftlichen Katastrophe entgangen“. Zu erwähnen sind auch die Aktionen der LKW-Fahrer in Griechenland 2010.

Die Revolten gegen Lebensmittelpreise

Höhere Rohölpreise übersetzen sich in steigende Preise bei Nahrungsmitteln und anderen grundlegenden Gütern: durch steigende Kosten beim Betrieb von Maschinen, bei der Wasserversorgung, beim Transport, durch teurere Düngemittel und Pflanzenschutzmittel, oder indirekt weil der Anbau von Agrotreibstoffen rentabel wird und die Ackerflächen verknappt. Nach Schätzungen der OECD wurden bereits 2007 allein in den USA mehr als 80 Millionen Tonnen Mais für die Erzeugung von Bioethanol verwendet mehr als zehn Prozent der Weltproduktion. Die „Tortilla-Revolte“ 2007 in Mexiko war die Folge der sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach Biotreibstoffen und dem Wettbewerb um begrenzte Anbauflächen.

Die Nahrungsmittelrevolten von 2008 haben diesen Zusammenhang in mehr als 30 Ländern auf die Straßen gebracht. Bei den Aufständen in Nordafrika Ende 2010, Anfang 2011 waren gestiegene Lebensmittelpreise ein wichtiger Zündfunke. Und auch die Regierung Morales in Bolivien war in der zweiten Februarhälfte 2011 mit einem Generalstreik, Blockaden und Demonstrationen gegen steigende Energie-/Lebensmittelpreise konfrontiert.

Rententheorie

Die Rententheorie ist entstanden beim Versuch, die Fluktuationen des Weizenpreises zu erklären. Ricardo lebte in einer Periode, in der die Weizenpreise beständig stiegen (1770-1815). Diese Verteuerung erklärte er mit der Flucht auf immer unfruchtbareren Boden. Weil in einer Zeit von Getreidemangel und knappem Ackerland auch dieser Weizen gebraucht wird, sei der schlechteste Acker preisbestimmend. Die Differenz zu ihren Kapitalerträgen auf den besseren Böden, die (Differential)-Rente, erhält der Grundeigentümer.

Marx erlebte dagegen, dass der Getreidepreis seit 1815 stark fiel. Er stellte fest, dass Ricardos Theorie rein statistisch nicht (mehr?) stimmte: auch bei sinkenden Weizenpreisen kann die Grundrente steigen (siehe Brief an Engels von 1851, MEW 27, S.158). Im Lichte seiner eigenen Ausarbeitungen begriff er Ricardos Diffirentialrente ähnlich wie den industriellen Extraprofit, mit dem Unterschied, dass hier der Extraprofit mit einer monopolisierbaren Naturkraft zusammenhängt. Viel wichtiger ist aber seine Erkenntnis, dass es neben oder besser unterhalb der Differentialrente eben das gibt, was er die absolute Rente nennt. Denn warum sinkt durch die kapitalistische Konkurrenz der Wert landwirtschaftlicher Produkte nicht auf ihren Kostenpreis, wie es in der Industrie geschieht? Hier bringt Marx die Frage der organischen Zusammensetzung hinzu: das landwirtschaftliche Kapital hat eine niedrigere Zusammensetzung als das durchschnittliche industrielle Kapital, kommandiert also mehr lebendige Arbeit. Das Grundeigentum verhindert aber den vollständigen Ausgleich der Profitrate, die Grundrente kommt hinzu und resultiert in einem höheren Marktpreis. Es gibt Stellen bei Marx, wo er die niedrigere organische Zusammensetzung in der Landwirtschaft geradezu als Voraussetzung für die absolute Rente sieht. Vor allem aber sind Boden und Naturkräfte nicht wie ein industrielles Produkt beliebig zu vervielfältigen. Das Kapital kann die Landwirtschaft ungeheuer rationalisieren, aber es kann sich dem Anspruch des Grundeigentums auf einen Teil des Agrarprodukts nicht entziehen. Es muss dem Grundeigentümer den Überschuss des Wertes über den Kostenpreis lassen. Marx schreibt selbst, dass er erst 1862 „endlich auch mit der Grundrentescheiße ... im reinen“ war und nach „langen Bedenken ... über die völlige Richtigkeit der R[icardo]schen Theorie ... endlich den Schwindel aufgefunden“ hatte (MEW 30, 248f). Weil Marx Ricardos Rententheorie 1862 nach langer Kritik vollständig verworfen hat, kann man mit Marxens Aussagen zur Grundrente vor diesem Zeitpunkt nicht weiterkommen.

Wenn Marx die unterschiedlichen Eigenschaften der Erde als Produktionselement (Landwirtschaft), als Produktionsbedingung (Bauplatz) und als Reservoir von Gebrauchswerten (Bergwerke) behandelt, widerspricht er Ricardos Erklärung, die Rente werde dem Grundeigentümer „für den Gebrauch der ursprünglichen und unzerstörbaren Kräfte des Bodens gezahlt“. Erstens habe der Boden keine unzerstörbaren Kräfte, zweitens habe er insofern auch keine ursprünglichen Kräfte (original powers), als der Boden überhaupt nichts „Originelles“ sei, sondern das Produkt eines naturhistorischen Prozesses. Im Unterschied zu Ricardo hat Marx die Endlichkeit der Natur(kräfte) vor Augen. Das zeigt an mehreren Stellen seines Werks, etwa im Kapital, Band 1: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ (S. 530) Noch deutlicher wird seine Position in seiner Kritik am Gothaer Programm der SPD, weil es hier auch um die Frage nach der möglichen Befreiung von der Arbeit geht. Weil sich im Jahrhundert danach das Ricardianische bzw. sozialdemokratische Verständnis dieses Zusammenhangs als das angeblich „marxistische“ in den Köpfen festgesetzt hat, sei hier Marxens Kritik am Paragraphen „Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur“ zitiert: „Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte ... als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft. ... Die Bürger haben sehr gute Gründe, der Arbeit übernatürliche Schöpfungskraft anzudichten; denn grade aus der Naturbedingtheit der Arbeit folgt, daß der Mensch, der kein andres Eigentum besitzt als seine Arbeitskraft, in allen Gesellschafts- und Kulturzuständen der Sklave der andern Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern der gegenständlichen Arbeitsbedingungen gemacht haben.“ (Kritik des Gothaer Programms, MEW 19. S.15)

Ricardianer unter sich

Gegen Midnight Oil greift die englische Zeitschrift Aufheben die Thesen von Bina auf; der „die historische Entwicklung der Ölpreisfestsetzung auf Marxens Rententheorie zu beziehen und gleichzeitig die Vorstellung zurückzuweisen versucht, dass die Erdölpreise einfach von der OPEC, den Erdölmultis oder der US-Regierung manipuliert seien.“

Aufheben referiert die Thesen kurz so: „Alle natürlichen Ressourcen ... haben nur insofern Wert, als sie gehoben und dorthin transportiert werden müssen, wo sie gebraucht werden. Freilich können sich natürliche Bedingungen stark verändern. Die Erdölförderung in der Nordsee oder in den USA ist wesentlich teurer als im Nahen Osten, und so lange solch teures Erdöl nötig ist, um die weltweite Nachfrage zu befriedigen, ist es der Wert dieser marginalen High cost-Produzenten, der den Preis des Erdöls bestimmt. Der Unterschied zwischen diesem Marktpreis und dem Low cost-Erdöl, der eine höhere als die Durchschnittsprofitrate ermöglicht, kann insoweit als Rente gefasst werden...“

Man sieht: Aufheben bringt gegen Midnight Notes die „Ricardianische Rente“ in Anschlag. Das tun übrigens nicht nur Linke, viele Ökonomen arbeiten mit dieser Vorstellung, beziehen sich dabei aber nicht vermeintlich auf Marx, sondern direkt auf Ricardo. Nur zwei Beispiele: Der damalige Ölminister des Iran, Amuzegar, schrieb 1975: „Das Erdöl aus dem Nahen Osten und Nordafrika hat seinen Besitzern bisher enorme windfall-Profite verschafft Ökonomen nennen das die Ricardianische Rente, sie entsteht aus den unterschiedlichen Produktionskosten im Vergleich zu Ölfeldern im Golf von Mexiko oder an anderen high cost-Produzenten.“ (Johangir Amuzegar: „The Oil Story: Facts, Fiction and Fair Play“, in: Foreign Affairs, Bd. 53, Nr. 4) Auch ein BP-Manager sprach damals davon, die „Differentialrente“ sei unheimlich hoch (Der Spiegel 6/74).

Auch Bina, auf dessen Ausarbeitungen sich Aufheben stützte, vertritt eine Differential-Ölrenten-Theorie. Er begründet das damit, dass die absolute Rente nach dem Konzept von Marx in Bezug auf die Ölindustrie keinen Sinn mache, da die organische Zusammensetzung des Erdölkapitals höher sei als die durchschnittliche industrielle. Unserer Ansicht nach stützt er sich damit auf eine schwache Stelle bei Marx, der andeutete, die absolute Rente könne historisch entfallen, wenn die Differenz in der organischen Zusammensetzung entfiele. Gegen den Vorwurf, auf Ricardos Rententheone zurückzufallen, grenzt Bina sich ab, indem er auf Marxens Differentialrente II (hoher Kapitaleinsatz auf schlechten Ölfeldern) verweist. Bina beschäftigt sich nicht mit den Voraussetzungen der Tauschwertproduktion, er spricht von „Grundeigentumsverhältnissen“, meint damit aber die Eigentumsformen (privat und staatlich); seine Periodisierung (Preissetzung durch Kartelle, danach Übergang zur „freien Konkurrenz“) ist Geschichte von oben.

Wir haben die kritischen Punkte dieser Theorien nur angetippt. Bezeichnend ist allemal, dass sie zwar das Wertgesetz hochhalten, dabei aber nur die Konkurre

nz zwischen den Kapitalisten wahrnehmen und den Klassenkampf komplett ausblenden. Verrückterweise war aber auch George Caffentzis (der nacheinander bei Zerowork und Midnight Notes aktiv war) in seiner Ablehnung von Peak Oil letztlich Ricardianer. Es ist der typische Versuch eines falsch verstandenen „Marxismus“, das Wertgesetz zu retten, indem man von den zugrundeliegenden Gebrauchswerten absieht.

Nochmal einen ganz anderen Weg schlagen seit kurzem die Negrianer ein, v.a. Vercellone 8 , indem sie nun alles zu „Rente“ erklären und sich somit nicht mehr mit der spezifisch kapitalistischen Mehrwertproduktion beschäftigen müssen.

Umverteilung der Rente oder Abschaffung des Staates?

Scheinbar ganz anders argumentieren viele Linke, die vom „Recht der Völker auf ihre Naturressourcen“ sprechen. Auch die ersten radikalen Anhänger Ricardos vertraten zunächst die Ansicht, dass „alles in Ordnung wäre, würde die Grundrente an den Staat bezahlt.“ (Marx im Brief an Sorge, 18.6.1881, MEW 35, S.199) Auch im Kommunistischen Manifest wurde noch die „Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben“ gefordert (MEW 4, S.481). 33 Jahre danach, 1881, schrieb Marx: „Diese Ansicht ist ursprünglich den Bourgeoisökonomen angehörig“ (Marx im erwähnten Brief an Sorge).

Die Forderung „die Ressourcen gehören denen, die drauf sitzen“, bleibt im Rahmen des Kapitalismus. Wenn schon, dann gehören sie der ganzen Menschheit und auch der zukünftigen. Die Abschaffung des Grundeigentums ist nicht mit der „Aneignung der Grundrente durch den Staat“ gleichzusetzen, sondern mit der Abschaffung des Staates.

Zur Sicherung ihres politischen Überlebens bestechen viele erdölproduzierende Staaten Teile der Bevölkerung durch die Verteilung der Ölrente, und sie finanzieren damit die ständige Aufwertung der Landeswährung zur Verbilligung der (importierten) Lebensmittel. Diese Ölrente ist global erzeugter Mehrwert sie ist nichts Unerschöpfliches, sie entkommt nicht dem Wertgesetz. Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel: Die OPEC hat 2010 mit ihren Ölexporten einen Gewinn von 750 Milliarden Dollar (2009 waren es 571 Milliarden). Im Februar 2011 hat allein das Königshaus von Saudi-Arabien angesichts der Aufstandsbewegungen der saudischen Bevölkerung zusätzliche Sozialleistungen von 40 Milliarden Dollar versprochen. Hieran wird deutlich, wie brisant die Erschöpfung der Ölfelder auch innenpolitisch ist. Vor dem Hintergrund der Erschöpfung der Ölvorräte erklären sich die hohen Preisausschläge während der Aufstandsbewegungen in Libyen und Bahrain mit der Angst vor ihrer Ausbreitung. Nur wenn wir die Gebrauchswertseite und die politische Seite zusammen diskutieren, wird aus dem „geologischen Problem“ eine Frage von Klassenkampf und der möglichen Umwälzung aller Verhältnisse.

Anmerkungen

1 1 Barrel = 159 Liter

2 s. World Energy Outlook 2010, www.worldenergyoutlook.org; Zentrum für Transformation der Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse: Streitkräfte, Fähigkeiten und Technologien im 21. Jahrhundert, Teilstudie 1: Peak Oil.

3 Zur größten Ölkatastrophe in der amerikanischen (oder globalen?) Geschichte siehe „Not Another Disaster Movie“ von John Garvey in: Insurgent Notes 1, http://insurgentnotes.com/2010/10/not-anotherdisaster-movie/

4 Heute haben die Terminmärkte (hier werden Kontrakte, nicht physisches Öl gehandelt) den Handel auf den Spotmärkten (physische Ölgeschäfte), der Mitte der 80er Jahre noch weit verbreitet war, verdrängt. Die oft zitierte Nachfrage Chinas nach Öl stieg von 2003 bis 2008 in etwa genauso stark wie die Nachfrage der Spekulanten nach Terminkontrakten (im Sommer 2008 hielten Indexinvestoren Kontrakte, die einer Ölmenge von 1,1 Milliarden Barrel entsprechen). Dazu passend haben heute die „Spekulanten“ die „Ölscheichs“ als Verursacher hoher Ölpreise vom ersten Platz in der öffentlichen Debatte verdrängt.

5 Wir haben verschiedene Texte übersetzt und veröffentlicht, u.a.: Midnight Oil - Arbeit, Energie, Krieg, TheKla 17; Ölwechsel, TheKla 14; Zerowork, TheKla 10. Einige davon findet Ihr in Archiv auf www.wildcat-www.de

6 „Solche Konflikte können wir theoretisch nur verstehen, wenn wir verstehen, wie der Klassenkampf durch Konkurrenz vermittelt wird und umgekehrt.“

Aus der Besprechung des Buchs Midnight Oil in der englischen Zeitschrift Aufheben, Nr. 3, Sommer 1994, Deutsch: Wildcat-Zirkular 6, www.wildcat-www.de/zirkular/06/z06midni.htm.

Cyrus Bina hat zahlreiche Bücher zum Thema verfasst und versucht, Marxens Rententheorie auf das Erdöl anzuwenden.

7 Vgl. Tränen des Teufels, Günter Barudio; vor allem die Seiten 267-278

8 Carlo Vercellone: Vom Massenarbeiter zur kognitiven Arbeit. Eine historische und theoretische Betrachtung“. In: Marcel van der Linden, Karl Heinz Roth (Hg.) Über Marx hinaus. Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriff in der Konfrontation mit den globalen Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts, Berlin-Hamburg 2009, Assoziation A.