Hans Lebrecht (1.9.02) (Kontakt: Kibbutz Beit-Oren, Phone: (972-4)8307 237 / FAX:(972-4)823 25 24 E-Mail: hlebr@trendline.co.il )

Scharon hat den Generlastabchef, den er braucht

Wer ist der neue israelische Generalstabschef der Armee, die immer noch zynischerweise offiziel den Namen Israelische Verteidigungsarmee trägt, obwohl sie doch der nicht zuletzt dank der USA mit modernsten Waffen ausgerüstete ausführende Arm der, die dreieinhalb Millionen palästinensischen Einwohner der seit 1967 besetzten Gebiete Palästinas mit brutaler Besatzergewalt knechtet ? Sein Name ist Mosche Yaalon, sein Rang ist Generalleutenant.

Yaalon steht an der Spitze der Armee noch keine zwei Monate und schon hat er gewisse Rekorde gebrochen: Er verkündete in aller Öffentlichkeit und allen Ernstes in seinem ersten großen Interview in der Wochenendausgabe der prominenten israelischen Tageszeitung Haaretz vom 30. August, daß die Ein-Tonnen Blockbuster-Bombe auf ein Apartmenthaus im Stadtinnern von Gaza, welche einen Hamas-Offizier, Salach Schehadeh und mit ihm 16 palästinensische Zivilisten, darunter 11 Kinder, getötet und mehr als 80 zum Teil schwer verwundete, völlig zurecht gefeuert wurde. Mehr noch, zu Yaalons Lorbeeren gehört auch die jetzt bekannt gewordene Tatsache ( Haaretz 1. Sept.), daß während des Monats August, d.h., dem ersten Monat des ehrenwerten Generalstabschefs in Amt, unter den 49 von der Besatzerarmee getöteten Palästinenser 30 unbewaffnete Zivilisten waren, darunter sieben Kinder. Ein nicht unbeträchtlicher Rekord für einen Armeechef, welcher sich nicht schämt, die Palästinenser, darunter auch die arabisch-p alästinensischen Bürger Israels, in seinem ersten Interview nach seiner Amtsübernahme als ein schwelendes Krebsgeschwür anzusehen, das an dem existentiellen Körper des israelischen Staates und seiner jüdischen Eigenheit nagt.

Noch am letzten Augusttag ermordeten zum Zwecke einer weiteren extra-juridischen Exekution, es dürfte die 87. sein, aus Apache Kampfhubschraubern auf ein in der Hauptstraße von Tubas bei Nablus fahrenden PKW gefeuerte Raketen einen untergordneten Offizier der Al-Aqsa Märtyrer-Brigaden, zusammen mit vier Zivilisten, darunter zwei auf der Straße spielende Kinder. Der gesuchte lokale Anführer der Brigaden war nicht unter den Getroffenen. Ob nach Ansicht von General Yaalon die beiden Kinder auch Opfer eines Ausbruchs eines Krebsgeschwürs waren?

Daß diese August-Ereignisse sich vor dem Hintergrund von Verhandlungen um eine langsame Befriedung der Lage, der auch noch so zögernd und stotternd ausgeführten sogenannten Gaza-Bethlehem-Vereinbarung stattfanden, oder daß seit mehreren Wochen kein Angriff auf ein Ziel in Israel mehr stattgefunden hat, stört das Paar Yaalon-Scharon herzlich wenig. Beobachter sprechen ganz offen davon, daß die mörderischen Ereignisse in den besetzten Gebieten sogar darauf ausgerichtet sein könnten, jede, auch die kleinste Annäherung in Richtung einer friedlichen Lösung, von Scharon und seinem Generalstabschef mit dem Beifall der rechts-radikalen Regierungspartner zu sabotieren.

An der Spitze der Armee der regionalen Supermacht Israel standen schon des öfteren solche Generalstabschefs, die sich selbst mit den Lorbeeren der rassistischen Animosität und Aggressivität ausgezeichnet hatten. Man erinnere sich nur an den damaligen Chef der Armee, Raffael Eytan, der zusammen mit dem damaligen Verteidigungsminister und heutigen Ministerpräsidenten Ariel Scharon die massenmörderische Libanoninvasion 1982 ausgeheckt und durchgeführt hatte. Die Massaker in den dort befindlichen Flüchtlingslagern Ein-el-Hilwe und Sabra-Schatila sind nur einige der Schandmale der damaligen Invasion. Eine der typischen Aussagen von Eytan war damals, die Palästinenser seien nicht mehr und nicht weniger als Kakerlaken, die in einer Flasche eingesperrt hysterisch herumzappeln und die man zertreten müsse.

Die historisch gesehen nicht aufrecht zu erhaltene Ausrede, jedes Volk hätte die Regierung, die es sich verdient habe, ist nicht nur blöd und unhaltbar, sondern sogar arrogant dumm. Dennoch kann man in dem oben genannten Fall des neuen israelischen Generalstabschefs mit ziemlicher Sicherheit feststellen, daß der Regierungschef Scharon den Generalstabschef gefunden habe, den er braucht und sich nur wünschen kann. Yaalon betonte in dem schon erwähnten Interview ausdrücklich, daß er der Armee keinen Auftrag gegeben habe, oder geben werde, ohne Scharon nicht vorher davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Ohne Zweifel stimmt die Politik der eisernen Faust, der angeblichen Ausmerzung des palästinensischen Terrors, des Krebsgeschwürs Palästina mit der Auffassung Scharons überein. Ist doch Scharons strategisches Ziel, das gesamte Groß-Israel, vom Jordan bis zum Mittelmeer möglichst ohne fremde Eingeborene dem jüdischen Staat Israel einzuverleiben.

In letzter Zeit begannen nicht wenige politische Beobachter in Israel darüber zu reden, daß Scharon die im 19. Jahrhundert unter der trügerischen Losung Land für Frieden erfolgte Eroberung des Westens der USA mit weitgehender Ausrottung und Einsperrung der eingeborenen Indianer in Reservate als Vorbild habe. In dieses Bild paßt der sich nicht mit seinen Ansichten zurückhaltende rabiate neue Generalstabschef ganz prächtig zu seinem sich hinter populistischen Aussagen versteckenden, wahren Gesicht seines Regierungschefs Scharon. Friedenskräfte in Israel betonen ausdrücklich, daß diese Politik nicht nur gegen die Palästinenser gerichtet sei, sondern ebenso gegen die wahren Interessen Israels und seines Volkes, der jüdischen wie der arabischen Bürger.