http://www.abahlali.org/node/7106, Von Abahlali am Samstag, 19.5.2010

Ein Brief an unsere deutschen GenossInnen

Friede unter den HüttenbewohnerInnen - Kampf der Macht der Reichen!

Die Reichen bringen unsere Welt um. Die Reichen im Geschäft, in der Regierung und in der Zivilgesellschaft bringen unsere Welt um. Sie bringen unsere Welt mit einem System um, das von oben nach unten geht, und das Geld vor Menschen setzt.

Seit 2005 leisten wir als Abahlali baseMjondolo Widerstand. Wir kämpfen für Gleichheit und für Würde. Wir kämpfen darum, die Menschen in die Mitte der Welt zu bringen. Jeder Mensch hat das gleiche Recht, an Entscheidungen, die ihn/sie betreffen, teilzunehmen und diese zu treffen. Jeder Mensch hat das Recht, frei und ohne Angst an allen Diskussionen teilzunehmen. Die Menschen haben das gleiche Recht auf Gerechtigkeit und Würde, wo immer sie geboren wurden. Das Land und der Reichtum dieser Welt muss von den Menschen dieser Welt geteilt werden. Offensichtlich möchten wir nicht, dass die Reichen den Landbesitz und den Wohlstand monopolisieren. Aber wir möchten auch nicht, dass der Staat das Land und seinen Reichtum für die Menschen besitzt. Einige von uns nennen das „lebendigen Kommunismus“.

Die Politik der Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit geht viel tiefer als zu Fragen wie wir die Regierung zwingen, ihre Versprechen zu halten, die sie uns als Dienstleistung gemacht hat. Unsere Politik ist eine lebendige Politik der Armen, von den Armen und für die Armen, und deshalb muss sie bei den dringendsten Forderungen beginnen, die in unserer Reichweite sind. Wir möchten nicht des Kampfes wegen kämpfen. Wir kämpfen, um zu gewinnen, Schritt für Schritt. Die Forderungen, mit denen wir begonnen haben, sind:

* Land und anständige Wohnungen in unseren Städten

* ein Ende der Transitlager und Räumungen

* ein Ende des falschen Umgangs der Regierung mit dem Wohnraum der Menschen, ein Ende den Betrügereien und der Korruption

* her mit den grundlegenden Dienstleistungen wie Müllabfuhr, Strom für alle, Straßen für alle, Wasser und Sanitäranlagen für alle

* Sicherheit für Frauen - überall

* Schluss mit allen Formen der vorsätzlichen Politik der Angst. Das bedeutet, dass es für alle volle Meinungsfreiheit geben muss, volle Freiheit der Organisierung und der Selbstmobilisierung ohne Angst vor Angriffen, Verhaftungen, Jobverlust oder der Zerstörung ihrer Häuser

Nach den letzten Angriffen auf unsere Bewegung fordern wir weiters:

* Politische Freiheit in der Siedlung Kennedy Road

* Die sofortige Freilassung der Kennedy 12

* Die Rückkehr des Kennedy Road Development Komitee, seiner Familien und all jener, die durch den gewalttätigen, vom Staat unterstützten Angriff auf die Kennedy Road-Siedlung im September letzten Jahres vertrieben wurden.

* Eine unabhängige Untersuchungskommission zum Angriff auf Kennedy Road

Unsere Gewohnheit, unsere gute Gewohnheit ist es, dass wann immer wir eine Einladung von GenossInnen von anderswo akzeptieren, wir ein Treffen mit allen haben, auf dem wir unsere Gedanken, Gefühle und Erfahrungen mit denen teilen, die gewählt wurden, unsere Bewegung zu vertreten. Die beiden GenossInnen, die wir delegiert haben, Deutschland zu besuchen, Richard Pithouse und Zodwa Nsibande, sind hochangesehene VeteranInnen unserer Bewegung. Über fünfzig andere GenossInnen haben sich mit ihnen getroffen, um ihre Reise zu diskutieren.

Ehe wir etwas anderes sagen, möchten wir unseren deutschen GenossInnen für die Unterstützung danken, die sie uns zukommen haben lassen, als wir mit der Repression konfrontiert waren. Es ist schwer zu sagen, was wir getan hätten ohne diese Unterstützung. Wir danken unseren deutschen GenossInnen auch für die Gastfreundschaft, die sie gegenüber Louisa Motha, Mnikelo Ndabankulu, David Ntseng und Mazwi Nzimande in Brasilien gezeigt haben. Und wir danken den GenossInnen in Österreich, die unsere Erklärung ins Deutsche übersetzt haben. Es gibt viele, die für die Armen eintreten möchten, aber es braucht eine bestimmte Art von Menschen, um sich an die Seite der Armen zu stellen. Solidarität mit den organisierten Armen ist etwas anderes als die Unterstützung von NGOs, die für die Armen denken und sprechen möchten. Misereor gebührt unser Dank und unser Respekt für ihre Unterstützung der organisierten Armen.

Busisiwe Mdlalose, Thembani Ngongoma und Philani Zungu sind unlängst aus Italien zurückgekehrt. Davor waren diese GenossInnen aus unserer Bewegung in Brasilien, in England, in Thailand, in Amerika, in Kenia, in Zimbabwe und in der Türkei. Jetzt haben wir in all diesen Ländern GenossInnen. Wir haben festgestellt, dass unsere Bewegung eine Hoffnung für arme communities in der ganzen Welt wird. Erst dachten wir, dass wir in andere Länder gehen, um von anderen Kämpfen und Bewegungen zu lernen. Aber wir haben erkannt, dass die Leute meist von uns lernen möchten.

In England haben wir Bilder und Aussagen von Motala Heights auf den Mauern des besetzten sozialen Zentrums Camberwell gefunden. In Italien haben wir unsere eigenen Worte gefunden, Worte, die als Antwort auf die xenophoben Angriffe in Südafrika 2008 geschrieben wurden, haben wir in einem Flugblatt gegen Xenophobie in Italien wiedergefunden. Wir haben herausgefunden, dass unsere Kämpfe und Aussagen international geworden sind.

Das stellt uns vor eine echte Herausforderung, denn während wir unsere Stimmen erhoben haben, viele Siege errungen haben und viel Repression überlebt haben, leben wir immer noch in Baracken und Übergangslagern. Frauen werden in diesen Transitlagern immer noch vergewaltigt, und unsere Großeltern leben immer noch neben dem Dreck. Die Repression, die wir erlitten haben, hat unsere Bewegung zerstört und sie hat bedeutet, dass wir viel Zeit und Geld für Gerichtsverfahren aufwenden mussten. Einige von uns sind immer noch von ihren Wohnungen exiliert. Wir sehen, dass eine Menge Leute in unseren communities ihre Humanität verloren haben. Wir sehen, dass viele Leute immer noch mit ihren Köpfen denken, und nicht mit ihren Herzen. Wir sehen, dass sich Menschen in unseren communities immer noch von den politischen Parteien verblenden lassen. Für uns bleibt es eine echte Herausforderung, die Orte für Diskussionen in all unseren communities wieder aufzubauen und zu erhalten, Orte, aus denen wir diese politischen Ideologien raushalten können, damit die Menschen für sich selbst denken können, und nicht politischen Parteien und anderen Organisation erlauben, für sie zu denken. Die Menschen müssen wissen, was sie tun, warum sie das tun und für wen sie es tun.

Wenn wir eine Bewegung sind, von der mensch lernen kann, dann zeigt diese Bewegung, dass es ein sehr langer Weg ist, wirklich die Macht der Armen aufzubauen. So sehr wir eine echte Bewegung aufgebaut haben, starke Arme geworden sind, unsere Stimmen erhoben haben, echte Siege errungen haben und die Repression überlebt haben, sind wir immer noch arm. Wir sind immer noch durch Angriffe verwundbar. Sogar das rasche Wachstum unserer Bewegung schafft Probleme, mit denen sorgfältig und vorsichtig umgegangen werden muss.

Bei unseren Reisen haben wir gesehen, dass einige Dinge überall gleich sind. Überall gibt es ein System von oben herab, in dem PolitikerInnen für die Armen entscheiden, ohne ihnen zu erlauben, zu diskutieren und für sich selbst zu entscheiden. Überall setzen die meisten Menschen, die Bildung erhalten, diese Bildung eher dazu ein, Ausbeuter zu werden, als den Kampf der Armen innerhalb der Bewegungen der Armen zu fördern. Überall werden die Gesetze gegen MigrantInnen härter und der Druck auf sie wird stärker. Überall versuchen politische Parteien und NGOs, den Kampf der Menschen für ihre eigenen Interessen zu verwenden. Überall operieren lokale Kämpfe isoliert, versuchen nur, das Überleben zu sichern, und die Kämpfe verlaufen ohne die Ressourcen, die durch die Verbindung mit anderen Kämpfen freigesetzt werden.

Wir geben unseren GenossInnen, die diese Reisen machen, nicht nur sehr sorgfältig erstellte Mandate. Sie müssen auch, wenn sie zurück sind, sehr sorgfältig berichten. Oft erhalten wir ermutigende Neuigkeiten über GenossInnen anderswo, die wie wir kämpfen, aber dann finden wir keinen Weg, zusammen zu arbeiten. Diese Frage, wie wir unsere Kämpfe verbinden können, in lebendiger Solidarität, ist eine, an der wir weiter arbeiten müssen. Es ist schön, von Zeit zu Zeit einander emails und Nachrichten zu schicken, aber das ist nicht lebendige Solidarität.

In unserem eigenen Land lehnen wir NGOs und politische Führer und Organisationen, die unsere Kämpfe übernehmen möchten, um sie für ihre eigenen Ziele einzusetzen, ab. Aber wir arbeiten mit allen Organisationen zusammen, die bereit sind, gemeinsam zu kämpfen, während sie jeder Bewegung erlauben, ihre Identität und Autonomie zu bewahren. Wir machen das mit anderen Organisationen in der Allianz der Armen. Einige Bewegungen in Amerika haben angefragt, ob sie dieser Allianz beitreten können. Aber es ist nicht wirklich klar, wie wir über so große Entfernungen in echtem Kontakt bleiben können, weil wir oft inmitten einer Krise organisieren und immer zu wenig Geld haben, um auch nur die dringendsten Ausgaben zu tätigen. Uns fällt es nicht einmal leicht, regelmäßige Treffen unserer eigenen Allianz zu arrangieren. Wir müssen Wege diskutieren, wie wir all unsere Bewegungen verbinden können, ohne unsere Autonomie an NGOs abzugeben.

Gerade jetzt gibt es in unserem Land eine große Aufregung wegen der Weltmeisterschaft. Die Menschen, die uns die Weltmeisterschaft verkauft haben, sagten uns, dass sie Arbeitsplätze und ein Ende des Lebens in Baracken bringen würde. Sie haben gelogen. Es gibt weniger Jobs und mehr Baracken als zu der Zeit, da sie uns das alles erzählt haben. Die Armen werden nichts von der Weltmeisterschaft haben. Wenn die Weltmeisterschaft vorbei ist, werden wir immer noch in Baracken und Transitlagern leben. Unsere Regierung hat uns und unser Land an die FIFA verkauft. Unsere Regierung hat die FIFA auch als Werkzeug benutzt für weitere Angriffe auf die Armen. StraßenhändlerInnen und Sicherheitspersonal leiden im Moment wirklich sehr. All das Geld, das für die Weltmeisterschaft verpulvert wurde, all die Milliarden, ist Geld, das an die Armen hätte gehen sollen. Die Weltmeisterschaft hätte mit den Armen organisiert werden sollen, um den Armen etwas zu bringen. Es hätten Häuser für die Teams und die Fans gebaut werden können, die danach an die Armen gegangen wären. Stattdessen wurde sie zu einer Weltmeisterschaft von und für die Reichen.

Oft haben wir das Gefühl, dass unsere Regierung und andere Eliten sich wegen uns schämen dass sie uns am liebsten begraben würden, am Boden eines tiefen Lochs. Aber es ist sehr wichtig, dass die Menschen verstehen, dass wir vor der Weltmeisterschaft geräumt worden sind, und dass wir nach der Weltmeisterschaft geräumt werden werden. Die internationalen Menschenrechtsorganisationen und Zeitungen verbreiten nicht die Wahrheit über unser Land, wenn sie für die Räumungen die Weltmeisterschaft verantwortlich machen. Wir können die Weltmeisterschaft nicht für all unsere Sorgen verantwortlich machen, denn wir wissen alle, dass unsere Sorgen anhalten werden, wenn sie vorbei sein wird. Tatsächlich kämpfen wir als Abahlali baseMjondolo gegen 99 verschiedene Räumungen einige betreffen eine große Anzahl an Familien. Keine dieser Räumungen wurde von der Weltmeisterschaft verursacht. Das echte Problem ist, dass wir nicht als Menschen zur Kenntnis genommen werden, die zählen. Die Stadträte sollen in unserem Namen sprechen, aber sie unterdrücken uns einfach. Sie sind Teil eines Systems von oben und keine Delegierten eines Systems von unten. Wir werden nicht wahrgenommen, weil wir in einem System von oben keine Macht haben. Deshalb bauen wir unsere Macht von unten her auf. Wir möchten, dass die Menschenrechtsorganisationen und die internationalen Zeitungen auch die Geschichte der Räumungen erzählen, die vor der Weltmeisterschaft stattgefunden haben, und die weiter andauern werden nach der Weltmeisterschaft. Wir möchten auch, dass sie die Geschichte erzählen, wie unsere Bewegungen unterdrückt werden, und wie den Armen Demokratie vorenthalten wird.

Alle deutschen GenossInnen, auch die, die bereits wegen der Weltmeisterschaft in Südafrika sind, sind eingeladen, unsere Bewegungen und unsere communities zu besuchen, und die Wahrheit über unser Leben und unsere Kämpfe selbst zu sehen. Wir arbeiten daran, dass unsere Bewegung mehr GenossInnen in Deutschland kennenlernt, um zusammen zu sein, voneinander zu lernen, voneinander ermuntert zu werden, und die Herausforderungen zu diskutieren, denen unsere Bewegungen sich stellen müssen.

Wir sind echt dankbar für jede Solidarität, aber wir möchten nicht immer diejenigen sein, die Solidarität erhalten. Wir möchten auch eure Kämpfe unterstützen. Wir möchten diskutieren, wie unsere Kämpfe einander gegenseitig unterstützen können.

Land und Freiheit!

Nichts für uns ohne uns!

Ein Mensch ist ein Mensch wo immer er/sie sich auch wiederfindet!