Irit Katriel; Übersetzung: K.Raussendorff; web.utanet.at/labournet.austria

Trunken vor Macht und ohne Scham

Der israelischer Generalstabschef bezeichnete die Palästinenser als krebsartige demographische Bedrohung. Und die Welt zuckte gleichgültig mit den Schultern. Hieß es nicht einmal: Nie wieder?

In einer Stellungnahme zu den begeisterten Rufen der israelischen Regierung nach einem Angriff der USA auf den Irak 1 , sagte die Knessetabgeordnete Zehava Galon von Meretz, selber Mitglied des außen- und verteidigungspolitischen Ausschusses der Knesset: Kaum zu verstehen ist der Feuereifer der Regierung. Das ist eine amerikanische Angelegenheit und keine, in die wir uns einschalten sollten. Die Europäer machen gerade deutlich, daß von einer Koalition nicht die Rede sein kann, während wir zum Krieg drängen. Und außerdem wird es auch Israel treffen, wenn es Krieg gibt. 2 Indes meint der irakische Vizepräsident Tarik Aziz: Was Bush Vater 1991 tat, lag im Interesse von Amerika, was sein Sohn zu tun plant, liegt im Interesse Israels und der Zionisten. 3

Zwar lieferte Aziz der Knessetabgeordneten Galon nicht das missing link zum Verständnis ihrer Regierung und der Gefahr, in welche diese sie bringt, doch dürfte sie den Schlüssel im Interview gefunden haben, das der israelische Generalstabschef Moshe Yaalon der Zeitung Haaretz am 30. August gegeben hat. Da steht zu lesen:

Frage: Etwas überraschend ist, daß Sie die palästinensische Bedrohung als eine existentielle Bedrohung ansehen.

Antwort: Die charakteristischen Merkmale dieser Bedrohung sind unsichtbar, wie Krebs. Wenn sie von außen angegriffen werden, sehen sie den Angriff, sie werden verwundet. Krebs dagegen ist etwas Innerliches. Deshalb finde ich es beunruhigender, weil hier die Diagnose problematisch ist. Wenn die Diagnose falsch ist und man sagt, es sei nicht Krebs sondern Kopfweh, dann ist unerheblich, wie man darauf reagiert. Aber ich behaupte, es ist Krebs. Meine professionelle Diagnose ist, daß hier ein Phänomen vorliegt, welches eine existentielle Bedrohung darstellt.

Frage: Bedeutet dies, daß das, was Sie als Generalstabschef in der West Bank und im Gazastreifen jetzt tun, die Anwendung von Chemotherapie ist?

Antwort: Es gibt alle möglichen Lösungen für krebsartige Erscheinungen. Einige werden sagen, es ist notwendig, Organe zu amputieren. Aber im Augenblick betreibe ich Chemotherapie, ja. 4

Etwas weiter im Interview erläutert er: Sie (die Palästinenser) glauben, daß die Zeit für sie arbeitet, und daß sie uns mit einer Kombination von Terrorismus und Demographie zermürben und niederringen.

Was Yaalon an der Bedrohung als demographisch wahrnimmt, kann nur bedeuten, daß jeder einzelne Palästinenser in seiner Vorstellung eine Krebszelle ist, die entfernt werden muß. Um eine demographische Bedrohung zu sein, braucht man überhaupt nichts zu tun. Es genügt, daß man Palästinenser ist. 5 Premierminister Sharon gab den Ausführungen Yaalons Rückendeckung 6 und brachte sie damit auf eine Linie mit der Regierungspolitik. Folglich wird die Bezeichnung der israelischen Aktionen gegen die Palästinenser als Kollektivstrafen irrelevant. Es geht nicht um eine Bevölkerung, die für die Verbrechen einiger weniger kollektiv bestraft wird. Jeder Palästinenser, einzeln und für sich genommen, ist im Sharon-Yaalon-Krieg gegen den Krebs eine Zielscheibe.

Uri Avnery beschreibt alles, was Yaalon in dem Interview sagte als Mythen, die in den israelischen Grundschulen anstelle von Geschichte gelehrt wurden. 7 Das stimmt nicht. Zwar lernen Kinder schreckliche Dinge in der Schule. Aber noch vor drei Jahren wäre ein Lehrer wahrscheinlich gefeuert worden, hätte er gesagt, die Palästinenser seien ein demokraphisches Krebsgeschwür, das mit Chemotherapie und eventuell durch Organamputation behandelt werden müsse. Ich hege keinerlei Zweifel an Avnerys guten Absichten, aber ich sehe seine Reaktion als weiteres Beispiel für die Macht der monotonen Eskalation. Was uns gestern noch schockierte, scheint heute als etwas, was schon immer dagewesen ist. Was vor drei Jahren wie ein Ausspruch von Nazis geklungen hätte, wird heute als vertrauter Standard der politischen Rechten akzeptiert, der nur noch vertraute Standardreaktionen hervorruft.

Im November 2000, als der Krieg gegen den Krebs gerade begonnen hatte, machte Yaalon, damals stellvertretender Generalstabschef, deutlich, worum es bei diesem Krieg ging, als er sagte: Dies ist die zweite Hälfte von 1948. 8 Die Jerusalem Post berichtete in der letzten Woche über eine Organisation, die Palästinensern zu emigrieren hilft. Der Präsident dieser Organisation, der erklärte, daß ihr Ziel ist, den Staat von Arabern zu entleeren, behauptet, daß seit Oktober 2000 bereits 380.000 Palästinenser ausgewandert sind. 9

Während der ersten Intifada war ich 1989 auf einer Versammlung der Rechtspartei Moledet in einem Vorort von Haifa. Etwa 20 Leute waren anwesend, davon die Hälfte Teenager in linken T-Shirts wie ich selbst, die gekommen waren, um Rehavam Zeevi zu hören, der damals der Führer der Moledet-Partei war und über seinen Freiwilligen-Transfer-Plan sprach: Strom und Wasser abschalten, Universitäten schließen, Arbeitsplätze verweigern, dann werden sie schon gehen. Damals galt er als Spinner am rechten Rand. In der zweiten Intifada wurde Moledet in die Regierungskoalition aufgenommen, und Zeevi wurde Tourismusminister (er wurde später von der Volksfront für die Befreiung Palästinas ermordet). Moledet mietete Plakatwände in Tel Aviv und machte Anschläge mit der Aufschrift: Nur Transfer wird Frieden bringen. Der freiwillige Transfer ist bereits im Gange, und die Rechte redet jetzt über die nächste Phase, den Tranfer ohne das Adjektiv freiwillig. Bei den wöchentlichen Mahnwachen der Rechten in Haifa u nd anderswo ist auf ihren Transparenten zu lesen: Das Land Israel dem Volk von Israel Palästinenser nach Jordanien! Auch kann man online einen Blick in die Seele eines Transfer-Befürworters werfen. 10 Er stellt drei Dinge heraus: 1. Transfer ist der Weg, um eine gesunde Beziehung zwischen Israelis und Palästinensern herzustellen. 2. Wenn man damit nicht einverstanden ist, beweist dies, daß man antijüdisch eingestellt ist. 3. Transfer wird durch extreme Maßnahmen des Staatsterrors möglich gemacht.

Sharon und Yaalon sind trunken vor Macht: Israel ist eine regionale Supermacht. Es ist eine militärische Supermacht, eine wirtschaftliche Supermacht, eine kulturell-geistige Supermacht, erklärte Yaalon bei einer Konferenz von Rabbinern letzte Woche. 11 Sie verkaufen Stories über ihre Bereitschaft zu konventionellen und nicht-konventionellen Angriffen, wobei offensichtlich ist, daß sie bereit sind, viele Israelis zu opfern, um ihre Ziele zu erreichen. (Versteht Yaalon dies als Organamputation? Es erinnert mich an Mussolinis Vorstellung von der Nation als einem Körper, der manchmal einige seiner Zellen zum Wohle des ganzen Körpers opfern muß). Vielleicht berichtete deshalb des israelische Radio letzte Woche, daß der Staat 30.000 Särge bestellt hat. (Nur Soldaten werden in Israel in Särgen begraben. Zivilisten werden nach jüdischem Gesetz in einem Leichentuch begraben.)

Meron Benvenisti, der frühere stellvertretende Bürgermeister von Jerusalem, hat vor einem möglichen Transfer-Szenario gewarnt: Ein amerikanischer Angriff auf den Irak gegen die arabische und weltweite Opposition und eine israelische Einbeziehung, selbst nur symbolisch, führt zum Zusammenbruch des Haschemitischen Regimes in Jordanien. Dann verwirklicht Israel die alte Jordanien-Option, indem es Hunderttausende von Palästinensern über den Jordan vertreibt… Jeder, der eine solche ethnische Säuberung als ein schreckliches Verbrechen betrachtet, muß seine Stimme jetzt erheben, ohne irgendein Wenn und Aber, das so typisch ist für die Reaktionen auf die Bestrafungsaktionen, die bereits jetzt in schrittweise immer einschneidenderer Form durchgeführt werden. 12 Auch andere Transfer-Szenarios liegen in der Luft unter dem Deckmantel eines Krieges mit Syrien oder unter dem Vorwand eines außergewöhlich mörderischen Terrorangriffs.

Die israelischen Liberalen sind vielleicht daran gewöhnt, die Moledet-Partei und ihresgleichen als Spinner am rechten Rand zu übersehen, und zögern immer noch anzuerkennen, daß diese die Kontrolle übernommen haben. Auch scheut man sich, über den Transfer zu sprechen, um nicht den laufenden Horror der Ausgangssperren und der Hungersnot zu bagatellisieren und nicht mitzuhelfen, Transfer in den Status des Denkbaren zu erheben. Aber wenn der Generalstabschef von einer krebsartigen demographischen Bedrohung spricht und der Premierminister seinen Worten Rückendeckung gibt, ist es an der Zeit zu begreifen, daß sich die Regeln des Spiels geändert haben. Die Opposition, soweit sie überhaupt noch existiert, kann Sharon und Yaalon nicht dadurch stoppen, daß man sie lächerlich macht oder durch Unverständnis für ihre Logik. Die Opposition muß sich um Hilfe an das Ausland wenden. Diplomatische Isolierung und Boykott sind bei weitem besser als die Folgen des Krieges gegen den Krebs.

Schröder hat auf die Frage, ob Deutschland Israel zu Hilfe kommen wird, wenn es von Irak angegriffen wird, geantwortet: Wenn Freunde angegriffen werden, ist klar, daß wir helfen. 13 Ein wahrer Freund wird aber nicht erst nach dem Zusammenstoß den Krankenwagen rufen, sondern vom Fahren in betrunkenem Zustand abraten.

Irit Katriel ist israelische Aktivistin, die zur Zeit in Deutschland lebt. (Email: iritka@zahav.net.il )

Anmerkungen

1 Haaretz, Aug 16 2002, PM urging U.S. not to delay strike against Iraq.

2 Christian Science Monitor, August 30, Israel sees opportunity in possibleUS strike on Iraq.

3 Albawaba.com, August 21 2002, (quoting CBS evening news), Aziz: Bush planstowards Iraq serve interests of Israel.

4 Haaretz, August 30 2002, The enemy within.

5 On the demographic problem, see my ar‧tic‧le Deep Ideological Crisis,July 8 2002, www.dissidentvoice.org/Articles/Katriel_Deep IdeologicalCrisis.htm

6 Haaretz, August 31 2002, Sharon backs Yaalon remarks on cancerous Palestinian threat.

7 Uri Avnery, August 30 2002, The return of the dinosaurs www.avnery-news.co.il/

8 Haaretz, Nov 17 2000, Truth or consequences. See also Tanya Reinhart, June10, The second half of 48 The Sharon-Yaalon plan,http://www.zmag.org/reinsyplan.htm

9 Jerusalem post, Aug 26 2002, New organization aims to empty the state ofArabs. The website of this organization is at www.emigrations.net.

10 Boris Shusteff, July 3 2002, The logistics of transfer, www.gamla.org.il/english/article/2002/july/b1.htm

11 Ynet, Aug 25 2002 Exclusive: the complete world view of the new chief of staff. 12 Haaretz, August 15 2002, Preemptive warnings of fantastic scenarios

13 International Herald Tribune, August 26 2002, Shroeder and Stoiber spar on TV over Iraq.