Quellen: Monthly Review, http://lifeonleft.blogspot.com, labournet.de, etc.

„Die Bosse können sich gar nicht vorstellen, dass die NegerInnen rebellieren und Lohnerhöhungen verlangen.“ Elie Domota, Vorsitzende der LKP (Guadeloupe)

Aufstand in der Kolonie

Immer noch hält Frankreich u.a. die Karibik-Inseln Guadeloupe und Martinique sowie La Réunion im Indischen Ozean als Kolonien besetzt. Immer noch dominiert auf Guadeloupe eine kleine, weiße Oberschicht, die „Békés“, die nur 1% der Bevölkerung ausmacht, die gesamte Wirtschaft, die hauptsächlich aus Tourismus und Plantagen-Landwirtschaft (Bananen, Zuckerrohr) besteht. Immer noch grassiert unter dieser Schicht ein extremer Rassismus, den der Chef der größten Supermarktkette auf der Insel, Alain Huyghues-Despointes, so ausdrückt: „In den gemischten Familien haben die Kinder verschiedene Farben, es gibt keine Harmonie. Ich finde das nicht gut. Wir wollen die Rasse aufbewahren. Die Historiker reden nur von den negativen Aspekten der Sklaverei, das ist bedauerlich.“

Die „Hilfen“, die aus Frankreich kommen, erreichen nur die Oberschicht: Steuererleichterungen für Investitionen in die „französischen Übersee-Territorien“, wie die Kolonien genannt werden, und Erleichterungen bei der Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen.

Fast alle Fertigprodukte und Lebensmittel werden importiert, von den 450.000 BewohnerInnen der Insel sind 40% arbeitslos, die Jugendarbeitslosigkeit liegt gar bei 60%, die Durchschnittlöhne 30% unter den französischen, während die Preise etwa 40% über dem französischen Niveau liegen.

Für den 20. Jänner 2009 ruft ein Bündnis von 49 Gewerkschaften, Parteien und Vereinen, das LKR (Liyannaj Kont Pwofitasyon = Kollektiv gegen Ausbeutung), zum Generalstreik auf. Elie Domota, Chefin der UGTG, erklärt die Hintergründe: „Seit 400 Jahren leben die Reichen auf unsere Kosten. Das muss jetzt aufhören.“ Die DemonstrantInnen drücken das in ihren Liedern so aus: „Guadeloupe ist unser, Guadeloupe gehört ihnen nicht, sie dürfen in unserem Land nicht machen, was sie wollen!“

Das Bündnis entwickelt ein weitgehendes Programm zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das beginnt bei der Forderung nach einer Lohnerhöhung um 200 Euro für GeringverdienerInnen, Preissenkungen für Grundnahrungsmittel und geht weiter zu einer Reform der Landwirtschaft in Richtung Selbstversorgung der Insel bis hin zu einer Unterrichtsreform, in der u.a. die eigenen Sprachen gegenüber dem Französischem aufgewertet werden sollen.

Der Streik greift rasch auf die gesamte Insel über, bestreikt werden Schulen, Post, Verwaltung und Tankstellen. DemonstrantInnen blockieren Supermärkte und ermöglichen „kostenloses Einkaufen“. Die Demonstrationen in der Hauptstadt Pointe-à-Pitre beginnen mit 25.000 Menschen, dann werden es 35.000 und 65.000, ein Gewerkschafter vergleicht das im Verhältnis zu Frankreich: „Stell dir vor, 8 Millionen in Paris auf der Straße“.

An Stelle von Verhandlungen spitzen Arbeitgeber und (französische) Regierung die Situation zu. Am 28. Jänner verlässt der Präfekt den Verhandlungstisch, und 2.000 Gendarmen werden nach Guadeloupe geschickt. Am 16. Februar eskaliert die Situation, Gendarmen greifen die Demonstrationen und Straßensperren an. In der Nacht vom 17. auf den 18. Februar wird ein Mitglied der Gewerkschaft CGTG (Confédération générale du travail de Guadeloupe), Jacques Bino, an einer Straßensperre erschossen.

Ende Februar kommt Bewegung in die Verhandlungen, erste Zwischenergebnisse werden erzielt. Aber es dauert noch bis zum 4. März, ehe die 20 unmittelbaren Forderungen erfüllt werden und Unternehmerverband, Lokalregierung und die Abgesandten von Präsident Sarkozy ein Abkommen unterzeichnen.

Bereits die Präambel dieses Dokuments weist die Handschrift der Streikenden auf. Das Abkommen ist nach dem ermordeten Gewerkschafter benannt, „Jacques Bino-Abkommen“, und es beginnt so: „Die gegenwärtige ökonomische und soziale Situation in Guadeloupe ist Resultat des immer noch andauernden Systems der Plantagenwirtschaft. Diese Wirtschaft gründet sich auf monopolistische Privilegien und den Missbrauch der herrschenden Positionen, die Ungerechtigkeit für die ArbeiterInnen schaffen und die endogene Ökonomie wie die soziale Entwicklung blockieren. (…) Eine neue ökonomische Ordnung muss geschaffen werden, die den Status der Massen verbessert und neue soziale Beziehungen fördert.“

Durchgesetzt werden u.a.: Löhne bis zu 1.849 Euro werden um 200 Euro erhöht, darüber um 6% bis 3%. Die Preise für Wasser werden um 6% gesenkt. 22 LehrerInnen, die auf der Warteliste stehen, erhalten einen Job, LKW- und BusfahrerInnen, die im Zuge der Umstrukturierung des Transportwesens arbeitslos wurden, bekommen 40.000 Euro an Abfertigungen. BäuerInnen und FischerInnen erhalten 46.000 Hektar Land und 350.000 Euro zur Modernisierung der Fischereigeräte, ein Notfallplan zur Ausbildung und Bereitstellung von Jobs für 8.000 Jugendliche wird umgesetzt. Die Gebühren bei Krediten für Private und kleine Geschäftsleute werden gesenkt, Mieten werden eingefroren und Zwangsdelogierungen verboten. Weitere Punkte betreffen die Verbesserung der Rechte der Gewerkschaften und kulturelle Forderungen.

Dort, wo die Bosse das Abkommen zur Lohnerhöhung nicht unterzeichnet haben, wird weiter gestreikt, beispielsweise in der Zuckerraffinerie Gardel und in den Supermärkten einiger Béké-Familien.

Bei einem Massenmeeting am 4. März sagt der Gewerkschafter Rosan Mounien: „Von nun an wird nichts mehr sein wie bisher! Das ist vorbei! Wir haben gesehen, wenn wir zusammenkommen, sind wir stärker! Also gibt es nur eines: Bleiben wir zusammen! Die Bosse und die Regierung haben die Tatsache übersehen, dass, wenn ein Volk aufsteht, wenn es sein Bewusstsein entwickelt, wenn es von der Richtigkeit seiner Aktionen überzeugt ist dass es dann durch nichts aufgehalten werden kann. Die Menschen schieben alle Hindernisse zur Seite, die ihnen in den Weg gelegt werden, wie ein Wirbelsturm, der den Dreck aus dem Land fegt.“

Der Funke springt über

Am 5. Februar 2009 beginnt auf der benachbarten Insel Martinique , ebenfalls französische Kolonie, ebenfalls ein Generalstreik mit ähnlichen Forderungen wie in Guadeloupe. An einer Demonstration in der Hauptstadt Fort-de-France nahmen 25.000 von insgesamt 400.000 BewohnerInnen der Insel teil.

Inzwischen wurde ein provisorisches Abkommen geschlossen, das ähnliche Punkte beinhaltet wie das von Guadeloupe unter anderen eine Erhöhung der unteren Löhne um 300 Euro und eine 20%ige Senkung der Presise für mehrere Grundnahrungsmittel. Aber der Steik geht weiter.

Eine ähnliche Massenbewegung scheint sich in La Réunion , einer weiteren französischen Kolonie, einer Insel im Indischen Ozean mit ca. 800.000 BewohnerInnen zu entwickeln.

Eine Koalition von 25 Gewerkschaften, Parteien und anderen Massenorganisationen hat 30.000 Menschen zur Unterstützung einer Plattform von 62 Forderungen, die denen der karibischen Inseln ähneln, mobilisiert.